Was für ein – im wahrsten Sinne des Wortes – umwerfender WM-Fußball-Dienstag. Erst treffen mit Jordanien gegen Algerien zwei absolute Fußball-Giganten aufeinander. Weshalb uns das Aufstehen rechtzeitig vor dem Anstoß um 5 Uhr auch keinerlei Probleme bereitet. Da Kartoffelchips auf nüchternen Magen bekanntlich keine gute Idee sind, öffnen wir erst mal eine Flasche Bier.
Die Fußball-WM ist eine gute Gelegenheit, endlich auch einmal ganz persönlich etwas gegen das grassierende Brauerei-Sterben zu unternehmen. Laut dem Deutschen Brauer-Bund (DBB) mit Sitz in Berlin sank der Absatz von alkoholhaltigem Bier vergangenes Jahr um satte 5,8 Prozent auf nur noch rund 6,4 Milliarden Liter. Damit nicht genug: Seit 2019 mussten ganze 137 Brauereien den Spielbetrieb einstellen, darunter viele jahrhundertealte Privatbrauereien. Mit nur noch 1.415 Brauereien statt einst 1.552 droht die Vielfalt des Kulturgutes Bier langsam, aber sicher zu verschwinden. „Steigende Kosten für Energie, Rohstoffe und Logistik sowie der intensive Wettbewerb im Handel belasten die Brauereien massiv“, weiß DBB-Hauptgeschäftsführer Holger Eichele. Wir verstehen: Handeln ist Pflicht. Und weil wir ein Fan von Papst Leo XIV. sind, entscheiden wir uns für „Augustiner Hell“.
Ein solidarisches Bier in der Trinkpause
Ab Minute 23 folgt das Zweite. Wir wollen uns mit den Spielern solidarisieren, die, kaum dass sie in Fahrt gekommen sind, eine Trinkpause einlegen müssen, damit die TV-Sender zusätzliche Werbeminuten verticken können. Laut dem Fußballfachteil des „Wall Street Journals“ soll jede der dreiminütigen Trinkpausen allein dem TV-Sender „Fox“ umgerechnet rund 250.000 Euro an Mehreinnahmen in die Kasse spülen. Bespielen die US-Boys den grünen Rasen, rufe der Sender sogar das Doppelte auf, lesen wir und verstehen endlich, warum das FIFA-Logo in derart schmutzigem Gold daherkommt. Da wir es mit der Solidarität mit den Spielern ernst meinen, leeren wir das nächste Bier ebenfalls binnen drei Minuten. Kein „Schnelles“ also, aber „immerhinque“, denken wir. Im wohligen Gleichgewicht überlegen wir, ob wir das Risiko eingehen können, die restlichen 22 Minuten plus Nachspielzeit „auf dem Trockenen“ zu verbringen?
In uns machen sich Zweifel breit. Dürfen wir die deutsche Brauerkunst so brutal ins Abseits stellen? Bräuchte es zu ihrer erfolgreichen Rettung nicht vielmehr eine Hopfenblütentee-Stafette? Wir packen die Blutgrätsche aus und fällen das Bier mit der Rückennummer drei. Und da man gute Gewohnheiten nicht ablegen soll, wiederholen wir das Ganze in Halbzeit zwei. Mit dem obligatorischen Halbzeitbier kommen wir in Summe auf sieben „Augustiner Hell“.
Sieben, denken wir leicht vernebelt, ist das nicht auch die Zahl der Todsünden? Um ganz sicherzugehen, zählen wir sie auf: Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust. Und siehe da: Es sind tatsächlich sieben. Das Erschrecken über die erstaunliche Koinzidenz spülen wir mit Bier Nummer acht herunter. Um uns von den Strapazen zu erholen – die Rettung deutscher Kulturgüter ist eben nichts für Flaschen – legen wir uns erst einmal in die Eistonne und dann ins Bett.
Auch den deutschen Winzern geht es schlecht
Es ist 7 Uhr. Die Recherche ergibt, wir haben Zeit. Mit-Titelfavorit Portugal trifft erst um 19 Uhr auf den Fußballriesen Usbekistan. Selbstverständlich halten wir dem deutschen Kulturgut auch dabei die Treue und konsumieren die Biere neun bis 16. Wir statten der Eistonne eine Stippvisite ab und begnügen uns mit einem Power-Napping. Denn – der FIFA sei es geklagt – es folgen bereits um 22 Uhr die Partie England gegen Ghana und damit die Biere 17 bis 24.
Wir schauen auf einen leeren, einen angebrochenen Bierkasten sowie den heutigen Tag. Mit Panama gegen Kroatien um 1 Uhr, Kolumbien gegen die Demokratische Republik Kongo um 4 Uhr, Schweiz gegen Kanada und Bosnien-Herzegowina gegen Katar (beide 21 Uhr) stehen heute gleich vier Kracher-Begegnungen auf dem Spielplan. Der Zeitung entnehmen wir, dass es den deutschen Winzern ebenfalls schlecht geht.
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