Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

The German One

Thomas Tuchel zeigt sich bei der WM als Mann der klaren Worte – und erhält dafür großen Zuspruch. Ist das aber eigentlich überhaupt noch „typisch deutsch“?
Thomas Tuchel
Foto: IMAGO/Heuler Andrey (www.imago-images.de) | Gestrenger deutscher Zuchtmeister? Auch nach dem Einzug ins Halbfinale mochte der Fußballlehrer Thomas Tuchel keine Lobesarien über sein englisches Nationalteam anstimmen.

José Mourinho beschrieb sich einmal in einer Pressekonferenz als neuer Chelsea-Trainer selbst als „the Special One“: als der Außergewöhnliche. Der Name blieb hängen. Jahre später gewann Jürgen Klopp sofort die Herzen der britischen Presse und Öffentlichkeit, als er sich im Rahmen seiner Präsentation als neuer Liverpool-Coach in Anspielung auf das Mourinho-Bonmot als „the Normal One“ vorstellte – nur um dann in den nächsten Jahren mit Liverpool eine alles andere als gewöhnliche Siegesserie zu starten.

Lesen Sie auch:

Das bringt uns zu Thomas Tuchel. Auch er ist ein Erfolgstrainer, der nicht nur in Deutschland, sondern auch mit einem Club der Premier League reüssierte: 2021 gewann er mit dem FC Chelsea die Champions League. Inzwischen ist der für seine Detailversessenheit bekannte Deutsche Trainer der englischen Nationalmannschaft. Im heutigen Spiel gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien kann Tuchel die „Three Lions“ zum ersten Mal seit 1966 wieder in ein WM-Endspiel führen. Es wäre überhaupt erst das zweite Mal für die Engländer.

Meister der Selbstkritik

Große Aufmerksamkeit erregte Tuchels selbstkritisches Interview nach dem knapp und auch mit etwas Glück gewonnenen Viertelfinalspiel gegen Norwegen: Tuchel lobte die Mentalität seines Teams, sprach aber ganz offen die technischen und spielerischen Schwächen an. In England schien man von dieser schonungslosen öffentlichen Analyse gleichermaßen überrascht wie angetan zu sein. Typisch deutsch, könnte man meinen: Aus einer Siegermentalität heraus Probleme ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten schonungslos ansprechen, um sie systematisch beheben zu können. So gesehen wäre Tuchel dann eben „the German One“.

Nur: Erkennt man sich als Deutscher heute darin überhaupt noch wieder? Hat in diesem Land nicht vielmehr ein Sichabfinden mit dem eigenen Abstieg und der eigenen Mittelmäßigkeit Einzug erhalten? Herrschen hierzulande nicht Faulheit und Selbstzufriedenheit? Sollte Tuchel mit England Weltmeister werden, kann er sich ja vielleicht einen Wechsel in die Politik überlegen.


Die „Tagespost" begleitet die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft täglich von Montag bis Freitag in ihrer WM-Kolumne. Lesen Sie alle Folgen hier.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Ostritsch Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Weitere Artikel

„Dai Dai“, ein von Stars umschmeichelter Jürgen Klopp und Robbie Williams bei Magenta: So ermüdend das WM-Finale war, so fulminant war der Punktsieg der Telekom gegen den ÖRR.
20.07.2026, 17 Uhr
Henry C. Brinker
Ob Fußball-Messias Messi oder der deutsche Nationalspieler Nmecha: Der Trend geht zum religiösen Bekenntnis.
18.06.2026, 16 Uhr
Jakob Ranke
Der Ball ist rund und die Erde nicht flach: Schade, das zwingt zum spät aufbleiben. Denn der echte Fußballfreund guckt ja in der Vorrunde nicht nur „Deutschland“.
17.06.2026, 16 Uhr
Josef Bordat

Kirche

Vier Tage nach seiner Operation wird Leo XIV. wieder aus der Klinik entlassen. Und tritt am Sonntag beim Angelus in Erscheinung. Für die Lateinamerika-Reise geben Ärzte grünes Licht.
19.10.2026, 08 Uhr
Sabine Kleyboldt
Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Der DBK-Vorsitzende lobt die „hohe Kunst des Zuhörens“ beim Treffen in Rom und nimmt die Erkenntnis mit, dass sich die Kirche weiterentwickelt.
16.10.2026, 11 Uhr
Meldung
Prüfstein für die Strukturreformen im Bistum Eichstätt: In der Oberpfälzer Stadt entsteht ein neuer Pastoralraum.
19.10.2026, 13 Uhr
Henry C. Brinker
Spricht sich Jesus gegen die Steuer für den Kaiser aus, droht ihm die Todesstrafe. Noch heute gewichtet die Kirche politische und gesellschaftliche Fragen oft zu hoch.
17.10.2026, 21 Uhr
Lothar Wehr