José Mourinho beschrieb sich einmal in einer Pressekonferenz als neuer Chelsea-Trainer selbst als „the Special One“: als der Außergewöhnliche. Der Name blieb hängen. Jahre später gewann Jürgen Klopp sofort die Herzen der britischen Presse und Öffentlichkeit, als er sich im Rahmen seiner Präsentation als neuer Liverpool-Coach in Anspielung auf das Mourinho-Bonmot als „the Normal One“ vorstellte – nur um dann in den nächsten Jahren mit Liverpool eine alles andere als gewöhnliche Siegesserie zu starten.
Das bringt uns zu Thomas Tuchel. Auch er ist ein Erfolgstrainer, der nicht nur in Deutschland, sondern auch mit einem Club der Premier League reüssierte: 2021 gewann er mit dem FC Chelsea die Champions League. Inzwischen ist der für seine Detailversessenheit bekannte Deutsche Trainer der englischen Nationalmannschaft. Im heutigen Spiel gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien kann Tuchel die „Three Lions“ zum ersten Mal seit 1966 wieder in ein WM-Endspiel führen. Es wäre überhaupt erst das zweite Mal für die Engländer.
Meister der Selbstkritik
Große Aufmerksamkeit erregte Tuchels selbstkritisches Interview nach dem knapp und auch mit etwas Glück gewonnenen Viertelfinalspiel gegen Norwegen: Tuchel lobte die Mentalität seines Teams, sprach aber ganz offen die technischen und spielerischen Schwächen an. In England schien man von dieser schonungslosen öffentlichen Analyse gleichermaßen überrascht wie angetan zu sein. Typisch deutsch, könnte man meinen: Aus einer Siegermentalität heraus Probleme ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten schonungslos ansprechen, um sie systematisch beheben zu können. So gesehen wäre Tuchel dann eben „the German One“.
Nur: Erkennt man sich als Deutscher heute darin überhaupt noch wieder? Hat in diesem Land nicht vielmehr ein Sichabfinden mit dem eigenen Abstieg und der eigenen Mittelmäßigkeit Einzug erhalten? Herrschen hierzulande nicht Faulheit und Selbstzufriedenheit? Sollte Tuchel mit England Weltmeister werden, kann er sich ja vielleicht einen Wechsel in die Politik überlegen.
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