Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Geld schießt doch Tore

Aber wie macht es das bloß? Und warum das auch mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem letzten Jahrtausend zusammenhängt.
Argentiniens Superstar Lionel Messi
Foto: IMAGO/Grzegorz Wajda (www.imago-images.de) | Teuer bezahlte Treffsicherheit: Das Wirtschaftsmagazin Forbes bezifferte das (geschätzte) Jahreseinkommen von Lionel Messi (Inter Miami), der bei der WM 2026 bisher acht Tore erzielte, auf umgerechnet rund 123 ...

Otto Rehhagel oder „König Otto“, wie der erfolgreichste Bundesligatrainer aller Zeiten auch genannt wird, war zugleich der letzte Erkenntnistheoretiker von Rang und Namen, der auf der Trainerbank Platz nahm. Sein berühmter Satz „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ hat Legionen von Sprachphilosophen schlaflose Nächte bereitet. Denn egal, wie penibel sie das Grün auch nach ihr absuchten, finden konnten sie die Wahrheit dort nie. Was den Sprachphilosophen die Wahrheit natürlich noch suspekter machte und wiederum dazu führte, dass die gebückten Sprachphilosophen den aufrechten Erkenntnistheoretikern noch merkwürdiger erschienen als ohnehin schon.

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Dennoch: Der vom Boulevard nach dem sensationellen 1:0-Sieg seiner Griechen bei der Europameisterschaft 2004 über Gastgeber Portugal als „Rehakles“ verehrte Fußballlehrer lag keineswegs immer richtig. Geld schießt eben doch Tore. So beziffert das Wirtschaftsmagazin Forbes das (geschätzte) Jahreseinkommen von Lionel Messi (Inter Miami), der bei der WM 2026 bisher acht Tore erzielte, auf umgerechnet rund 123 Millionen Euro und das von Kylian Mbappé (Real Madrid), ebenfalls acht Treffer, auf 83 Millionen Euro.

„CR7“ oder die Spitze der exorbitanten Gehaltspyramide

Das sind mehr Kröten, als Lamine Yamal (ein Tor, 38 Millionen Euro; FC Barcelona) und Harry Kane (sechs Tore; 34 Millionen Euro; Bayern München) zusammen verdienen sollen. Alle vier haben mit ihren Nationalmannschaften die Halbfinals erreicht. Wie Forbes schreibt, handelt es sich bei den Zahlen um die Summen, die sich aus Gehältern, Prämien, Werbeeinnahmen sowie sonstigen geschäftlichen Aktivitäten der Ballkünstler ermitteln ließen.

Dass Geld Tore schießt, bedeutet natürlich nicht, dass sich der Torreigen auch immer exakt proportional zum Geldsegen verhielte. Das zeigt nicht nur der Vergleich von Yamal und Kane. Das beweist auch Messi. Der Ballstreichler „Leo“ streicht nämlich nicht einmal halb so viel Schotter ein wie der bestverdienende Fußballer aller Zeiten. Die Rede ist von Cristiano Ronaldo, der bei der WM 2026 das Runde zwar „nur“ dreimal ins Eckige beförderte und mit Portugal im Achtelfinale ausschied. Laut Forbes steht „CR7“, seit 2023 in Diensten des saudi-arabischen Vereins al-Nassr FC, weiterhin unangefochten an der Spitze der exorbitanten Einkommenspyramide und soll über ein geschätztes Jahreseinkommen von 263 Millionen Euro verfügen.

Asche genug, um jedes Jahr fast drei Karibikinseln von der Größe Ronde Islands zu erwerben. Die zu den Kleinen Antillen zählende Insel gehört mit einer Fläche von 8,1 Quadratkilometern zu den größten der sich im Privatbesitz befindenden Archipele. So weit, so gut, zumindest für „CR7“, der trotz der vielen Millionen ob des Ausscheidens bei seiner letzten WM bittere Tränen vergoss.

Das Bosman-Urteil und der „The-Winner-takes-all“-Effekt

All das erklärt natürlich immer noch nicht, wie der Zaster Tore schießt. Sind die Flocken beidfüßig? Kann die Kohle „einfach mal luppen“, Fallrückzieher oder Flugkopfball? Natürlich nicht. In diesem Sinne schießt Geld so wenig Tore, wie die Wahrheit auf dem Platz zu finden ist. Im metaphorischen Sinne hingegen wird jedoch ein goldener Schuh daraus. Nur möglich gemacht hat das nicht der vor Geld stinkende Fußball-Weltverband namens FIFA, sondern der EuGH. Das sogenannte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 1995 veränderte das Machtverhältnis von Verein und Spielern zugunsten der von den Vereinen ansonsten gern auch mal abschätzig als „Spielermaterial“ Titulierten so gewaltig wie nachhaltig. Seitdem profitieren Ausnahmespieler wie Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Kylian Mbappé, Harry Kane oder Lamine Yamal von dem „The-Winner-takes-all“-Effekt, der entfesselte Märkte kennzeichnet, besonders stark.

Als „The-Winner-takes-all“-Effekt bezeichnen Ökonomen ein Phänomen, demzufolge die Sieger eines Wettbewerbs einen unverhältnismäßig großen Anteil an Einkommen, Aufmerksamkeit und Einfluss erhalten, während die übrigen Marktteilnehmer trotz ähnlicher Leistung spürbar weniger profitieren. Galt vor dem Bosman-Urteil: Der Beste bekommt etwas mehr, so gilt seitdem: Der Beste erhält beinahe alles, der Zweite deutlich weniger, während alle anderen den verbleibenden Rest unter sich aufteilen müssen.

Es kann nur einen geben

Wenn also heute um 21 Uhr mit Frankreich gegen Spanien das erste WM-Halbfinale – in dem viele bereits das vorgezogene Finale erblicken – im Dallas Stadium angepfiffen wird, treffen mit Kylian Mbappé und Lamine Yamal nicht nur zwei Ballartisten der Extraklasse aufeinander, sondern auch zwei, die sich nach den absehbaren Karriereenden von „CR7“ und „Leo“ Hoffnung auf Platz eins und zwei des „The-Winner-takes-all“-Marktes machen dürfen. Und weil nur einer von ihnen auch die Chance erhalten kann, am Sonntag den Weltmeisterpokal in die Höhe zu recken, liegt die Wahrheit – zum Leid der Sprachphilosophen – auch in dieser Disziplin wohl erneut auf dem Platz. Alles ziemlich verrückt eigentlich.


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