Wie politisch darf der Fußball sein? Diese Diskussion wird nicht nur in Deutschland geführt, sondern auch im Nachbarland Frankreich. Die Franzosen stehen seit gestern im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Was sie wieder einmal hauptsächlich ihrem größten Superstar, Kylian Mbappé, zu verdanken haben. Nach seinem Führungstreffer zum Zwischenstand von 1:0 gegen Marokko steht der 27-Jährige aus dem Pariser Vorort Bondy nun bereits bei acht Treffern im laufenden Turnier. Nur die argentinische Legende Lionel Messi kommt auf dieselbe Anzahl von Toren.
Doch Mbappé steht neben Treffern en masse auch für die politischen und gesellschaftlichen Debatten, die Frankreich seit Jahrzehnten prägen. Da wäre zum einen der Umgang mit Marine Le Pen und ihrem „Rassemblement National“. Mbappé hält mit seiner Meinung kaum hinterm Berg, kritisierte Le Pens Partei beispielsweise in einem vor der WM veröffentlichten Interview mit „Vanity Fair“ offen: Er wisse, welche Folgen es für sein Land haben könne, „wenn Menschen wie sie an die Macht kommen“.
Mbappé schweigt nicht zu Le Pen
Viele in Frankreich, unter ihnen Staatspräsident Macron, stehen hinter dem Ausnahmestürmer. Offen bleibt natürlich, welchen Anteil Mbappés herausragende Leistungen daran haben. Denn während Le Pen nach dem jüngsten Urteil eines Berufungsgerichts wohl nur mit Fußfessel Wahlkampf machen darf, spielt Mbappé bei dieser WM völlig entfesselt. Und zur Wahrheit gehört eben noch immer: Sind Sportler mit Migrationsgeschichte erfolgreich, werden sie auch schneller gesellschaftlich akzeptiert. Doch manchen reicht selbst das nicht: So wünschte sich die französische Fußball-Legende Michel Platini politische Neutralität von Frankreichs Stürmer Nummer eins.
Dass Mbappé jedoch nicht schweigt, wenn es im Falle von Marine Le Pen auch darum geht, welches Signal ein möglicher Wahlsieg an französische Staatsbürger mit Migrationshintergrund senden würde, ist verständlich. Was zum nächsten Punkt führt: Der Fußballer mit Wurzeln in Algerien und Kamerun muss sich quasi schon während seiner gesamten Karriere trotz seines Ausnahmekönnens gegen Kritik wehren, die häufig rassistische Untertöne trägt.
Man ist daher versucht, Kylian Mbappé als Beispiel dafür zu nehmen, dass der Geist des durch den Fußball geeinten Frankreichs, wie er im Zuge des WM-Triumphs der „Equipe tricolore“ im Jahr 1998 beschworen wurde, sich als Chimäre entpuppte. Damals war der Slogan „black, blanc, beur“ („schwarz, weiß, arabisch“) allgegenwärtig, der in Anspielung auf die Nationalfarben blau-weiß-rot das Zusammenwachsen von weißen, schwarzen und Franzosen mit arabischen Wurzeln zum Ausdruck bringen sollte. Bis dahin hatte die Einwanderung aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien Frankreich vor große Herausforderungen gestellt, insbesondere die Wunden des Algerienkrieges der 1950er- und 60er-Jahre verheilten erst langsam. Der Turnierheld und Weltfußballer Zinedine Zidane, Kind algerischer Einwanderer, avancierte vor fast 30 Jahren schließlich wie kein Zweiter zur Integrationsfigur.
Die Integrationshoffnung von 1998 hat sich nicht erfüllt
Die Integrationsidee, für die die Nationalelf von 1998 stand, hat sich jedoch nicht erfüllt. Frankreich redete sich eine Harmonie ein. Dass die integrative Kraft einer exklusiven Auswahl von Edelsportlern ausreichen würde, um die tieferliegenden gesellschaftlichen Risse zu übertünchen, war schon immer Wunschdenken gewesen. Perspektivlosigkeit in den Banlieues der Großstädte, enttäuschte Aufstiegshoffnungen und hohe Arbeitslosigkeit mündeten schließlich in gewaltsame Ausschreitungen in den Pariser Vororten – und befeuerten Vorurteile gegen Einwanderungsmilieus, die ohnehin nie verschwunden waren. Seit 2015 sind es zudem Asylsuchende aus Ländern, die keine koloniale Verbindung zu Frankreich aufweisen, die das Einwanderungsbild des Landes nachhaltig verändern und für neue Probleme sorgen.
Man kann in der Biografie des Kylian Mbappé aber auch eine Aufstiegsgeschichte lesen: Aus sozial prekären Verhältnissen schaffte er es bis an die Weltspitze des Sports. Welche Deutung sich rückblickend bewahrheiten wird, hängt auch davon ab, ob das Land weiter geeint zu seinem Superstar stehen wird. Und zwar unabhängig davon, wie dieser sich politisch äußert. Und auch dann, wenn er Frankreich nicht mit seinen Turniertreffern neun, zehn und elf zum Weltmeistertitel schießen sollte.
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