Während des österreichischen Erbfolgekriegs kam es 1749 in Brüssel zu einem schweren Diebstahl. Soldaten der französischen Besatzungsmacht entfernten die Figur des „Manneken Pis“ von seinem Brunnen. Ein schwerer Affront, die Bevölkerung war ihres Wahrzeichens beraubt. In diesem Moment erwies sich der französische König Ludwig XV. als klug-versöhnlicher Herrscher. Er befahl, die Figur sofort wieder am ursprünglichen Standort aufzustellen – und ließ sie in die Uniform des Ordens vom heiligen Ludwig einkleiden. Mit dem Resultat, dass dadurch die französischen Soldaten gezwungen waren, vor der Figur zu salutieren.
Die Belgier akzeptierten die augenzwinkernde Versöhnungsgeste des Königs. Über 1.000 Kostüme, die der barocken Figur seitdem verpasst wurden, befinden sich in einer sorgsam gehüteten Sammlung. Die originale Ordenstracht des Königs kann im Museum besichtigt werden. Immer wieder haben die Brüsseler über die traditionsreiche Verkleidung ihres Wahrzeichens politisch-gesellschaftliche Signale ausgesendet.
Greift das Manneken Pis den Regelbruch des US-Präsidenten auf?
Man darf gespannt sein, ob das Manneken Pis in seinem nächsten Outfit den unsportlichen Regelbruch des amerikanischen Präsidenten aufgreift. Trumps Telefonat mit FIFA-Chef Infantino, sozusagen von Präsident zu Präsident, schreit danach. Ein in der Fußballgeschichte einmaliger Vorgang: Statt Sperre für ein Spiel nach Roter Karte gab es für den US-Stürmer Balogun nach der präsidialen Intervention nur eine Bewährungsstrafe – und in der nächsten Partie gestern Abend gegen Belgien stand der Spieler wieder auf dem Platz. Doch die „Roten Teufel“ gaben die einzig richtige, die sportliche Antwort – und besiegten die US-Boys klar mit 4:1. Es war die beste Saisonleistung der Belgier.

Experten sind sich sicher: Im Mannschaftssport setzen solche Rahmenereignisse Kräfte frei, die kein Trainer der Welt mobilisieren könnte. Trump hat das Team zusammengeschweißt. Nicht sein US-Team, sondern das des Gegners. Der selbsternannte Sportexperte hat Wesensmäßiges des Fußballs nicht erkannt. Erst das regelbasierte Spiel sorgt für den unvergleichlichen Reiz, verbindlich festgelegt mit unbestechlichen Schiedsrichtern. Normalerweise.
Der alte Fred Trump war es, der seinem Sohn Donald auf dem Weg ins Leben die Losung mitgegeben hatte: „Compete, win, be a killer!“ Zielerreichung um jeden Preis war die oberste Maxime. Regeln gab es nur, damit sie gebrochen werden. „Whatever gets results!“, so lautete eine weitere Devise am Familientisch der Trumps. Die laufende Präsidentschaft Trumps steht exakt unter diesen Maßgaben, die WM in Nordamerika bildet da keine Ausnahme. Mit Teamgeist, Disziplin, Kampfkraft und Spielkunst haben die Belgier die USA besiegt – nach Donald Trumps Intervention. Ein bisschen haben sie deshalb auch dem MAGA-Präsidenten den Einzug ins Viertelfinale zu verdanken.
Zurück zum Brüsseler Brunnen mit dem Manneken Pis: Vielleicht sollten die „Roten Teufel“ ihrem Wahrzeichen jetzt eine rote Trump-Krawatte binden. Aber Vorsicht: besser nicht in POTUS-typischer Überlänge.
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