Na, dann hätten wir uns den ganzen Zirkus ja auch sparen können! Wer braucht eine Fußballweltmeisterschaft? Völlig unnötig, in 100 Spielen diejenigen vier Mannschaften zu ermitteln, die ohnehin auf den Plätzen eins bis vier der FIFA-Weltrangliste stehen. Genau die Teams, von denen immer die Rede war, wenn es um den heißesten Titelkandidaten ging, bei den Buchmachern und auf der ZDF-Expertencouch: Frankreich, Spanien, England, Argentinien. Das fällt auf, wenn man heute, am spielfreien Tag zwischen Viertel- und Halbfinale, sich mal in aller Ruhe zurücklehnt und einen satten Monat Fußballweltmeisterschaft „Paroli passieren“ (Horst Hrubesch) lässt.
Das ist nicht das einzige, das dabei auffällt. Eine andere Auffälligkeit: Europa dominiert. Immer noch. Trotz Aufstockung des Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Mannschaften. Dass Europa im Halbfinale einer WM den Ton angibt, ist durchaus üblich. Bei den letzten sechs Weltmeisterschaften nahm die UEFA insgesamt 17 der 24 möglichen Halbfinalplätze ein. Mit der aktuellen WM und dem Einzug Frankreichs, Spaniens und Englands ins Halbfinale sind es also 20 von 28. Das sind rund 71 Prozent. Dabei stellte die UEFA bei der laufenden WM nur 16 von 48 Teilnehmerverbänden, also ein Drittel; davor hatte die UEFA bei 32 Teilnehmerverbänden 13 Startplätze, das macht etwa 40 Prozent.
Ab dem Viertelfinale ist eine WM quasi eine Euro
Es gibt eine einfache Erklärung: Fußball ist nun mal ein europäischer Sport, der hier über die beste Infrastruktur verfügt. Die Breite in Europa ist zudem ein Grund dafür, dass es immer wieder UEFA-Verbände sind, die ganz nach vorn kommen. „Versagen“ einige Mannschaften, wie in diesem Jahr Deutschland, die Niederlande oder Kroatien (oder das noch nicht einmal qualifizierte Italien), kommen eben „neue“ oder zumindest weniger etablierte Fußballnationen ganz groß raus, wie Norwegen, Belgien oder die Schweiz. Auch eine mögliche weitere Aufstockung des Felds auf 64 Mannschaften (die FIFA hat so etwas vor) mit dem dann zu erwartenden noch geringeren Anteil europäischer Starter wird daran nichts ändern. Ab dem Viertelfinale ist eine WM eine Euro – mit ein, zwei Gästen aus Amerika und Afrika.
Trotzdem ist der Wettbewerb bis dato alles andere als langweilig. Denn abseits des Turnierbaums, der eine so perfekt gestylte WM zeigt, dass man glauben könnte, jemand habe daran gedreht, erkennt der Fan das eine oder andere Detail, das die Nachtschichten der letzten vier Wochen im Nachhinein rechtfertigt: Die starken Nordafrikaner aus Marokko und Ägypten. Die Wikinger um Haaland nebst Ruder-Unterstützung von der Tribüne. Die Kapverdischen Inseln mit ihrem 40-jährigen Torwart Vozinha, die uns so begeistert haben. Einen 40-jährigen Torwart hatten wir zwar auch, aber Begeisterung kam hierzulande nach den ersten beiden Vorrundenspielen nicht mehr auf. Wären da nicht die Überraschungen und das Unerwartete – man hätte sich diese WM sparen können. Doch es gab sie eben, die schönen Geschichten auf und neben dem Platz.
Nun also Frankreich gegen Spanien und England gegen Argentinien – ein vorweggenommenes Endspiel und ein brisantes Duell mit sporthistorischer Belastung. Zusammen sind die großen Vier siebenmal Weltmeister, der Titel bleibt also, wo er schon war. Dass überhaupt mal ein Land, das bisher noch nie gewann, den goldenen Staubfänger nach Hause bringt, ist auch für die nächsten Jahre und Jahrzehnte eher unwahrscheinlich. Weltmeister wie Brasilien, Italien und – hoffentlich – auch Deutschland werden gestärkt zurückkommen. Und dass die vier Halbfinalisten der WM 2026 demnächst schwächeln, ist eher nicht zu erwarten. Allenfalls Argentinien muss ohne Messi (zarte 39 Jahre alt) umdenken. England, Frankreich und Spanien können noch sehr lange so zusammenspielen und den Fußball dominieren. Die nächste Euro (9. Juni bis 9. Juli 2028 in England, Schottland, Wales und Irland) wird es vermutlich schon zeigen.
Egal wer gewinnt, Magenta dominiert
Aber zunächst stehen uns als Nr. 101 und 102 im Spielplan zwei absolute Spitzenbegegnungen ins Haus, die beide zur besten Sendezeit im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen gezeigt werden; Frankreich gegen Spanien läuft morgen um 21 Uhr im ZDF, England gegen Argentinien am Mittwoch um 21 Uhr in der ARD. Erst die „Furia Roja“ („rote Wut“), die sich gegen die „Diables Rouges“ („Rote Teufel“) durchsetzte und auf „Les Bleus“ („die Blauen“) trifft. Es wird sich zeigen, welche Farbe bei der WM dominiert – mal abgesehen von Magenta. Sollten sich die Franzosen am französischen Nationalfeiertag durchsetzen, wären sie das dritte Team, das drei Finalteilnahmen in Folge geschafft hat; das erste war Deutschland (1982, 1986, 1990), das zweite Brasilien (1994, 1998, 2002). Und dann die Revanche für die „Hand Gottes“, die sich vor 40 Jahren auf das Viertelfinale erstreckte – zugunsten der Südamerikaner. Auch Messi könnte sein drittes Finale erreichen, nach 2014 und 2022. Zwei Spiele, die schon in der Ansetzung Spaß machen. So kann es doch noch was werden mit dieser WM, auch ohne die Vier aus dem deutschsprachigen Raum.
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