Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Konsistorium in Rom

Leo XIV. plädiert für Gewaltfreiheit als Haltung bei Konflikten

Das Kardinalstreffen in Rom endet mit einem starken Appell des Papstes, die Synodalität zur Methode der Kirche zu machen.
Papst Leo XIV. beim Konsistorium
Foto: IMAGO/ABACA (www.imago-images.de) | Gemeinsam mit Papst Leo haben sich die Kardinäle beim Konsistorium mit der Frage beschäftigt, wie Christen und insbesondere die katholische Kirche einen Beitrag zu einem friedlicheren und gerechteren Zusammenleben ...

Das zweite außerordentliche Konsistorium Leos XIV. ist beendet. Gemeinsam mit dem Papst haben sich die knapp 180 Kardinäle sehr mit dem Zustand der Welt beschäftigt. Und mit der Frage, wie Christen und insbesondere die katholische Kirche einen Beitrag zu einem friedlicheren und gerechteren Zusammenleben der Staaten und der unterschiedlichen Gruppen in den Gesellschaften leisten können. Einer „Kultur der Macht“, die auch Kriege in Kauf nimmt, will die Kirche – getreu einem Motto von Papst Paul VI. – eine „Zivilisation der Liebe“ entgegensetzen. Wie das geschehen soll, ist auch bei dem Kardinalstreffen offen geblieben.

Lesen Sie auch:

Während das Konsistorium am Samstagabend endete, flammten die Kämpfe zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran wieder auf, ist der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah alles andere als beendet und gehen die russischen Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine und die militärischen Gegenschläge Kiews mit unverminderter Härte weiter – womit nur drei Kriegsschauplätze von vielen mit Gewalt ausgetragenen Konflikten genannt sind.

Die Synodalität als Weg der Kirche

Es ist also Zeit für Visionen. Und die trug Leo XIV. zum Abschluss des Konsistoriums in einer langen Ansprache vor. Zunächst ging der Papst auf den Gegenstand der vierten und letzten Sitzung des Treffens ein, die kurz zuvor die Schlussphase des synodalen Weltprozesses behandelt hatte. Papst Leo sprach über die Synodalität und legte diese den Kardinälen nochmals ans Herz: „Mir scheint, dass die Frage nach der Synodalität nicht in erster Linie lautet: ,Wer hat die Entscheidungsgewalt?‘ Die Frage ist tiefer: ,Wie bewahren wir gemeinsam das Geschenk, das der Herr seiner Kirche anvertraut hat?‘“

Wenn diese Frage zum Mittelpunkt der Entscheidungsfindung werde, fänden auch die Fragen nach Autorität, Mitverantwortung und Entscheidungen ihren richtigen Platz. „So möchte ich euch noch einmal den Weg der Umsetzung der Synode anvertrauen“, sagte der Papst. „Ich bitte euch, diesen Weg in den Kirchen, denen ihr dient, mit Überzeugung zu begleiten, ein authentisches Verständnis dafür zu fördern und alle zur Teilnahme zu ermutigen: Es geht darum, unseren Kirchen zu helfen, in einem immer evangelischeren Stil zu wachsen.“

Synodalität, so Papst Leo weiter, sei weder eine Ansammlung von Sitzungen noch eine Arbeitsmethode. „Sie ist ein spiritueller Lebensstil. Sie entsteht aus der Begegnung, wächst im Zuhören und reift in der Unterscheidung. Die eigentliche Frage ist nicht, wie viele Gespräche wir organisieren können, sondern welche evangelische Qualität unsere Begegnungen haben werden.“ Was für Papst Leo bedeutet, einander in Demut und Freiheit zuzuhören, dem Heiligen Geist Raum zu geben, sodass die gemeinsamen Gespräche „nicht nur ein Austausch von Ideen, sondern zu einem Ort der Bekehrung werden, an dem wir gemeinsam in der Treue zum Herrn wachsen“.

Das Leiden der jungen Menschen

Dann kam der Papst auf den Zustand der Welt von heute zu sprechen, der dieses Konsistorium – ausgehend von der Enzyklika „Magnifica humanitas“ – geprägt hatte: „Viele von euch haben von den Leiden berichtet, die durch Kriege, Gewalt, Armut und die vielen Ungerechtigkeiten verursacht werden, die das Leben der Völker prägen. Ihr habt euch jedoch nicht darauf beschränkt, diese zu beschreiben. Hinter diesen Dramen habt ihr ein noch tieferes Leiden erkannt: die Einsamkeit, die Beziehungskrise, den Verlust der Hoffnung, die Schwierigkeit, einander als Brüder und Schwestern anzuerkennen.“

Besonders beeindruckt habe ihn, den Papst, die Art und Weise, wie die Kardinäle über die jungen Menschen gesprochen hätten. In den Fragen der Jugendlichen, „aber auch in dem Leid, das sie manchmal bis zur Verzweiflung treibt – und manchmal bis zur äußersten Verzweiflung, sich das Leben zu nehmen –, habt ihr eine der tiefsten Wunden unserer Zeit erkannt“. Aber ihr habt auch das Wirken des Heiligen Geistes darin erkannt. Die Suche der Jugend nach Authentizität, nach echten Beziehungen und nach Sinn sei aber auch ein Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes und erinnere daran, „dass das Evangelium weiterhin die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Herzens trifft“.

Laien sollen eine „politische Nächstenliebe“ leben

Auch auf die zweite Sitzung des Konsistoriums, die dem fünften Kapitel des jüngsten Lehrschreibens des Papstes gewidmet war, ging Leo XIV. ein: „Mir scheint, dass ihr eine der Einsichten der Enzyklika ,Magnifica humanitas‘ sehr klar erfasst habt: Krieg ist nicht nur ein Konflikt zwischen Staaten. Er entsteht viel früher, aus einer Kultur der Macht, die unser Denken, unsere Beziehungen, die Ausübung von Macht sowie den Umgang mit Wirtschaft, Technologie und sogar Religion durchdringt. Wenn dies die Wurzel der Krise ist, dann erfordert die Antwort den Wiederaufbau einer Kultur der Zusammenarbeit und des Dialogs, die auch dem Multilateralismus neue Kraft verleihen kann, damit die Völker wieder lernen, gemeinsam das Gemeinwohl der gesamten Menschheitsfamilie anzustreben. Auf diesem Weg ist der Beitrag der im öffentlichen Leben engagierten Laien von entscheidender Bedeutung: Sie brauchen die Nähe und die Unterstützung der kirchlichen Gemeinschaft, um die ,politische Nächstenliebe‘ zu leben.“

Die Logik der Konflikte nicht „reproduzieren“

Beeindruckt hätte ihn auch, so Leo XIV. weiter, was einige Kardinäle zum Thema „der gewaltfreien Antwort angesichts der vielen Formen von Gewalt angesprochen“ hätten. Diese Gewaltfreiheit sei „eine zutiefst evangelische Art, in der Geschichte zu leben, und das Ergebnis der Betrachtung des Handelns Jesu.“ Die Haltung der Gewaltfreiheit bestehe weder im Verzicht auf den Konflikt noch in einer passiven Haltung, sondern in der Entscheidung, dem Konflikt zu begegnen, „ohne seine Logik zu reproduzieren“.

Diese Haltung verzichte weder auf die Wahrheit noch verschweige sie das Böse, sondern lehne es ab, diese mit Gewalt zu verteidigen und den anderen zum Feind zu machen: „Sie beginnt damit, sich selbst zu entwaffnen. So offenbart sie die Logik von Ostern, in der sich die Liebe stärker als der Hass erweist und die Vergebung die Spirale der Rache durchbricht. Das ist die Kraft des auferstandenen Gekreuzigten: eine Kraft, die den Feind nicht vernichtet, sondern es ermöglicht, einen Bruder wiederzufinden“.

Gewalt hat nicht das letzte Wort

Papst Leo wollte seine lange Ansprache mit einer positiven Bilanz des Konsistoriums beschließen: „So stärken diese Tage meine Hoffnung. Nicht nur wegen dessen, was wir miteinander geteilt haben, sondern auch wegen der Art und Weise, wie wir dies getan haben. In einer Zeit, die von Polarisierung geprägt ist, wird auch die Art und Weise, wie die Kirche zuhört und im Dialog steht, Teil ihrer Verkündigung. Wenn wir weiterhin gemeinsam den Willen des Herrn suchen und uns dabei vom Heiligen Geist leiten lassen, bin ich sicher, dass unsere Gemeinschaft für die Mission der Kirche und für den Dienst an der gesamten Menschheitsfamilie immer fruchtbarer werden wird.“

Abschließend bat Leo XIV., diesen Geist des Konsistoriums der ganzen Kirche und der Welt weiterzugeben: „Sagen wir es unseren Mitbrüdern im Bischofsamt, den Kirchen, die unserem Dienst anvertraut sind, und allen Völkern der Erde: Gott wünscht sich Frieden für jede Nation und jedes Volk. Deshalb dürfen wir uns nicht mit der Gewalt abfinden. Die Gewalt wird nicht das letzte Wort haben. Gott eröffnet in der Geschichte immer wieder Wege der Versöhnung und des Friedens. Wir haben die Verantwortung, diese mutig zu beschreiten und der Welt zu helfen, sie zu erkennen.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Guido Horst Leo XIV. Päpste

Weitere Artikel

Was zeichnet den neuen Pontifex aus? Welche Akzente setzten Leos Vorgänger mit ihren jeweils ersten Lehrschreiben? Es zeigt sich die Kontinuität.
28.06.2026, 11 Uhr
Christoph Münch
Der Sozialethiker Elmar Nass zeigt, warum „Magnifica Humanitas“ weit mehr ist als eine KI-Enzyklika: Sie entwirft eine christliche Antwort auf das technokratische Menschenbild.
27.06.2026, 10 Uhr
Margarete Strauss
Der Theologe Wolfgang Palaver warnt vor einer naiven Friedenssehnsucht. Ungerechtigkeit und Krieg dürfen nicht passiv hingenommen werden. 
25.06.2026, 07 Uhr
Henry C. Brinker

Kirche

In würdigem Rahmen und bei magerer Kost ein letztes Gespräch, bevor sich die Wege trennen.
28.06.2026, 05 Uhr
Mario Monte
Intrigen, Verleumdungen und Grabenkämpfe begleiteten das Panorthodoxe Konzil, das vor zehn Jahren auf Kreta stattfand.
27.06.2026, 11 Uhr
Stephan Baier
Die Vorwürfe gegen den verstorbenen Essener Kardinal Franz Hengsbach wiegen schwer. In der Bewertung ist Augenmaß angesagt – schon im Interesse der Betroffenen.
26.06.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Gespräch mit Meinrad Walter, Mitarbeiter im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg, über die Lage der Kirchenmusik.
27.06.2026, 15 Uhr
Barbara Stühlmeyer