Die kleine umbrische Stadt Assisi ist als Heimat des heiligen Franziskus weltberühmt. Die Basilika San Francesco mit den Fresken von Giotto und der Grablege des „Poverello“ erhebt sich weithin sichtbar etwas oberhalb der Stadt am Fuße des Monte Subasio. Geradezu unscheinbar ist dagegen die im mittelalterlichen Stadtkern gelegene Kathedrale des Bistums Assisi-Nocera Umbra-Gualdo Tadino. Sie ist dem heiligen Rufinus geweiht, der als erster Bischof von Assisi und Schutzpatron des Bistums verehrt wird. Sein Gedenktag ist der 11. August. Rufinus’ Leben ist nur legendenhaft überliefert, in einer im neunten Jahrhundert aufgezeichneten Vita.
Ihr zufolge stammte Rufinus aus der römischen Provinz „Bithynia et Pontus“ an der Schwarzmeerküste, der heutigen Türkei, wo er gegen Ende des zweiten Jahrhunderts geboren wurde. Er war verheiratet und hatte einen Sohn namens Caesidius, als er Bischof der Stadt Amasya wurde. Während einer Christenverfolgung wurde er zusammen mit Caesidius ins Gefängnis geworfen, dann aber vom römischen Prokonsul befreit, da er diesen zum Christentum bekehrt hatte. Zusammen mit Caesidius floh Rufinus nach Italien, wo sie sich in dem Ort Supinum – heute Transacco – in den Abruzzen niederließen.
Hier stand ein verfallener Palast, den Kaiser Claudius im ersten Jahrhundert hatte errichten lassen, zusammen mit einer Tunnelanlage, die den Wasserpegel des Fuciner Sees senken sollte, um die Gegend bewohnbar zu machen. Rufinus ließ den Palast zu einer Basilika umbauen und vertraute die Kirche seinem zum Priester geweihten Sohn an, während er selbst nach Umbrien weiterzog. Auch in Italien wurden Caesidius und Rufinus von der Christenverfolgung eingeholt. Caesidius wurde im Jahr 238 zusammen mit zwei Gefährten namens Placidus und Euthychius verhaftet, gefoltert und schließlich hingerichtet. Rufinus dagegen ließ sich in Assisi nieder, wurde hier Bischof der kleinen christlichen Gemeinde und verkündete in der Gegend das Evangelium. 238 oder 239 wurde er in Costano unweit von Assisi ebenfalls verhaftet, vom Prokonsul Aspasius unter Folter verhört, zum Tode verurteilt und mit einem Mühlstein um den Hals in den Fluss Chiasco, einen Nebenfluss des Tibers, geworfen. Sein Leichnam wurde in Assisi beigesetzt.
„Tauziehen” um Reliquien
Soweit der legendenhafte Bericht der Vita aus dem neunten Jahrhundert. Historisch gut belegt ist dagegen der Bau der Kirche auf dem Grab von Rufinus. Sie stammt in ihrer heutigen Form aus dem zwölften Jahrhundert, aber eine im linken Seitenschiff erhaltene Inschrift belegt, dass ihr erster Vorgängerbau bereits im Jahr 412 errichtet wurde. Dies wird durch ein im Diözesanarchiv aufbewahrtes Pergament von 1007 bestätigt. Der erste Umbau von „San Rufino“ im elften Jahrhundert geht auf eine etwas kuriose Geschichte zurück, die in einer zeitgenössischen Predigt des heiligen Petrus Damiani aus dem Jahr 1052 überliefert ist: Als Bischof Ugone von Assisi Rufinus’ Reliquien in die damalige Kathedrale „Santa Maria Maggiore“ überführen lassen wollte, kam es zu einem Streit mit dem Volk, das den Märtyrerbischof in seiner Kirche mitten in der Altstadt bei sich behalten wollte.
Die Entscheidung sollte durch ein „Tauziehen“ herbeigeführt werden, in dem 60 Männer des Bischofs gegen sieben Männer aus dem Volk antraten. Als das Volk siegte, betrachtete man es als Zeichen des Himmels, und so mussten nicht Rufinus’ Reliquien umziehen, sondern der Bischof verlegte seinen Sitz nach „San Rufino“, das 1036 zur Kathedrale von Assisi erhoben wurde, nachdem es umgebaut und ausgeschmückt worden war. Bei dieser Gelegenheit entstand nicht nur die romanische Fassade, auf der das erste Bildnis von Rufinus zu sehen ist, sondern auch das Taufbecken, in dem später sowohl Franziskus als auch seine Gefährtin, die heilige Klara, getauft wurden. In „San Rufino“ hatte Klara außerdem ihr Berufungserlebnis, als sie Franziskus in der Nacht zum Palmsonntag 1212 hier predigen hörte. Und sie starb am Gedenktag des heiligen Rufinus, am 11. August 1253. Damit hat sie diesem in Assisi am Ende sogar den Rang abgelaufen: Wegen der Feierlichkeiten zu ihrem Gedenken wird Rufinus dort erst am Folgetag, dem 12. August, gefeiert.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









