Wenn kein Wunder geschehen ist, dann wird die Priesterbruderschaft St. Pius X (FSSPX) zwischen Drucklegung und Erscheinen dieses Kommentars im schweizerischen Ecône vier neue Bischöfe geweiht haben – ohne päpstliche Erlaubnis, ja sogar gegen den ausdrücklichen Wunsch Roms. In einem letzten Appell am Vortag der Weihen bat Papst Leo die Piusbruderschaft, von ihrem Plan doch noch abzukommen.
Einerseits warnte der Papst vor den Konsequenzen einer Exkommunikation, die bei der Beichte und bei der Eheschließung nicht nur zu unerlaubten, sondern auch ungültigen Sakramenten führen dürfte. Damit aber geriete das Heil der der FSSPX anvertrauten Seelen in Gefahr. Andererseits lobte Leo unter anderem „die Hingabe an das liturgische Leben“ und auch das „Verlangen nach Treue zur Tradition“ der Piusbruderschaft und ihrer Gläubigen. In der Tat dürfte einer Einigung zwischen den Piusbrüdern und Rom weniger die liturgische Frage nach der alten oder neuen Messe im Weg stehen als die Frage nach der Kontinuität des Lehramtes.
Verhältnis zwischen Müller und Piusbruderschaft seit Jahren notorisch schlecht
Vor dem jüngsten Konsistorium hatte die Piusbruderschaft ein Glaubensbekenntnis an alle Kardinäle geschickt. Kardinal Gerhard Ludwig Müller forderte daraufhin in seinem Redebeitrag während des Konsistoriums, „die skandalöse Anschuldigung, die römische Kirche sei vom katholischen Glauben abgewichen“, zurückzuweisen. Zudem schlug Müller vor, eine Kommission nach Vorbild der ehemaligen „Ecclesia Dei“ zu gründen, um den Piusanhängern eine Rückkehr zur vollen Einheit mit Rom zu ermöglichen. Das Verhältnis zwischen Müller und der Piusbruderschaft ist seit Jahren notorisch schlecht. Während Müllers Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation scheiterten die theologisch-dogmatischen Gespräche um die Deutung der strittigen Elemente des Zweiten Vatikanums.
Müllers Aufruf, Rom müsse mit Entschiedenheit den Vorwurf zurückweisen, mit und seit dem letzten Konzil habe sich die Lehre der Kirche geändert, trifft jedenfalls ins Schwarze – ganz unabhängig davon, wie man zu den Bischofsweihen und dem Glaubensbekenntnis der Bruderschaft steht. Denn immer noch gibt es zu viele Kräfte in der Kirche – nicht nur, aber vor allem auch in Deutschland –, die meinen, das Lehramt beginne mit dem Zweiten Vatikanum, was sie wiederum als Freifahrtschein für ihre progressistischen Träume deuten.
Dabei machte das Konzil selbst immer wieder unmissverständlich klar, dass es um die Bewahrung der Lehre gehe. Papst Johannes XXIII. formulierte etwa in seiner Eröffnungsansprache „Gaudet Mater Ecclesia“ wie folgt: „Die größte Sorge des ökumenischen Konzils ist diese: dass das heilige Depositum der christlichen Lehre gehütet und wirksamer gelehrt werde.“ Dabei ist es kein Widerspruch, dass die Kirche natürlich eine legitime Entwicklung der Lehre kennt, die sich aber niemals als Bruch, sondern als „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ (Ratzinger) gestaltet.
Es darf nicht sein, dass diese heilige Aufgabe der Kirche, das Glaubensgut zu schützen, durch ungehorsame Bischöfe und Priester konterkariert wird. Genau das aber geschieht, wenn beispielsweise in Deutschland trotz eines klaren Neins aus Rom weiter offen Regenbogenpaare gesegnet und routinemäßig Glaubensinhalte infrage gestellt werden. Rom als Hüterin der Tradition darf nicht mit zweierlei Maß messen: Wer meint, der katholische Glaube beginne und ende mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil oder gar mit dem Pontifikat von Franziskus, sollte von Rom mit derselben Deutlichkeit und Konsequenz auf den rechten Weg zurückgeführt werden, wie es Papst Leo bei der Piusbruderschaft unternimmt.
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