Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Zur Papstreise nach Spanien

Das Wort hat der Heilige Vater

Die Rede von Leo XIV. vor dem spanischen Parlament war keine Premiere. Schon öfter haben Päpste vor Parlamenten das Wort ergriffen.
Das Wort hat der Heilige Vater
Foto: imago stock&people | Auf dem Weg zum Rednerpult: Papst Benedikt XVI. sprach 2011 zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Das war der Höhepunkt der Reise von Papst Leo XIV. nach Spanien, der neben Besuch in der Sagrada Familia und der dortigen Weihe des Christusturmes besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt hat: die Rede des Pontifex vor den beiden Kammern des spanischen Parlaments. Als erster Papst der Geschichte sprach das Kirchenoberhaupt am 8. Juni 2026 vor den Vertretern der spanischen Politik und behandelte dabei die „entscheidende Frage: Welches Menschenbild steht hinter den Gesetzen, und welche Art von Gesellschaft entsteht durch diese Gesetze?“. Eng verbunden mit der Beantwortung dieser Frage war für den Papst der Verweis auf die Würde des Menschen, welche er wenige Tage zuvor in seiner ersten Enzyklika eingehend thematisiert hatte. 

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Welch herausragende Bedeutung die besagte Ansprache vor dem spanischen Parlament hat, zeigt sich nicht nur daran, dass vor Leo XIV. kein anderer Papst an diesem Ort gesprochen hatte, sondern auch angesichts der Tatsache, dass überhaupt nur wenige Päpste der Geschichte die Gelegenheit erhielten, vor Parlamenten zu sprechen. 

Naturrecht als Orientierung

Aus deutscher Sicht sind diesbezüglich vor allem zwei Ansprachen in Erinnerung zu rufen, die beide von einem Papst aus Deutschland gehalten wurden. So kam Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 die Ehre zu, als erster Papst vor dem deutschen Bundestag zu sprechen. Dabei wandte er sich an seine Zuhörer bewusst auch „als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt“.

In der Sache wählte Benedikt zwar einen anderen inhaltlichen Fokus als Leo, blieb dabei aber mit seinen „Gedanken über die Grundlangen des freiheitlichen Rechtsstaats“, ähnlich wie Leo, auf einer gesellschaftlich-politischen Ebene. Tatsächlich ging seine grundlegende Fragestellung in die Richtung, die der Nachfolger seines Nachfolgers fünfzehn Jahre später vor dem spanischen Parlament aufgreifen sollte. Denn auch Benedikt stellte damals fest: „Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage.

Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch viel schwieriger geworden.“ In der Beantwortung dieser Frage aber kam Benedikt sodann auf das Naturrecht zu sprechen, wohlwissend, dass dieser Begriff wie zugleich die dahinterstehende Theorie in einer aufgeklärten, wissenschaftlich denkenden Welt und Gesellschaft kaum noch Gehör fand.

Benedikt wurde auch von den Briten eingeladen

Hier aber betonte er - wie Papst Leo in Spanien - den Aspekt der Würde in einem ganzheitlichen Sinne: „Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“ Formulierungen wie „auf die Sprache der Natur [zu] hören“ und die „Ökologie des Menschen“ zu beachten nahmen dabei in gewisser Weise das vorweg, was dann Papst Franziskus wenige Jahre später in seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ zu einem Kernelement seines Pontifikates machen sollte.

Der Aspekt der Würde, den Papst Leo sowohl in seiner ersten Enzyklika als auch in seiner Ansprache vor dem spanischen Parlament aufgegriffen hatte, fand sich auch in Benedikts zweitem Besuch eines Parlamentes. Fast genau ein Jahr vor seiner Rede im Bundestag hatte er im September 2010 als erster Papst der Geschichte in Westminster Hall sprechen dürfen, dem britischen Parlamentsgebäude. Hier hatte er die politisch-gesellschaftliche Entwicklung Großbritanniens mit der kirchlichen Soziallehre verglichen und als gemeinsamen Ansatz herausgestellt, „die einzigartige Würde der als Ebenbild Gottes geschaffenen menschlichen Person zu bewahren und das Augenmerk auf die der staatlichen Autorität zukommende Pflicht der Förderung des Gemeinwohls zu legen“.

Und auch hier brachte er mahnend zur Sprache, was sein Nachfolger auf dem Stuhl Petri mit weitaus drastischeren Worten als wirtschaftlichen Missstand verurteilen sollte, nämlich „dass der Mangel an soliden ethischen Grundlagen für die wirtschaftliche Tätigkeit zu den großen Schwierigkeiten beigetragen hat, unter denen jetzt Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu leiden haben“. Daher sei, wie Benedikt betonte, die Religion für die Politik kein „Problem, das gelöst werden muss, sondern ein äußerst wichtiger Gesprächspartner im nationalen Diskurs“.

Franziskus redete zu den Kongressmännern

Nicht anders sah dies fünf Jahre später sein Nachfolger Franziskus, als er vor dem Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika sprechen durfte. Ebenfalls im Monat September, fünf Jahre nach Benedikts Rede vor dem britischen Parlament und vier Jahre nach der Rede vor dem Bundestag, ging auch Franziskus auf den Aspekt der „transzendenten Würde des Menschen“ ein. Dabei erinnerten seine Worte zuweilen an die Botschaft seines Vorgängers in Westminster Hall, wenn er – in diesem Fall die US-amerikanischen Gesetzesvertreter – auf ihre verantwortungsvolle gesellschaftliche Aufgabe hinwies: „Sie sind aufgefordert, durch die Gesetzgebung das Gott ähnliche Abbild zu schützen, das dieser jedem menschlichen Gesicht eingeformt hat.“

Wie in den genannten Ansprachen seines Vorgängers und seines Nachfolgers auf dem Stuhl Petri ging auch Franziskus im September 2015 auf die auf Freiheit und Demokratie ausgerichtete Geschichte des Landes ein, vor dessen Parlament er als Oberhaupt der katholischen Kirche sprechen durfte. Doch war die Kernbotschaft seiner Rede deckungsgleich mit dem, was Papst Benedikt XVI. und Papst Leo XIV. in anderen Ländern, aber doch auch vor gewählten Volksvertretern zu sagen hatten und womit sie sich letztlich an die ganze Nation richteten, deren Gast sie zum jeweiligen Zeitpunkt waren.

Papst als Mahner der Politik

Mit den Worten Papst Franziskus’ gesprochen lautete diese Kernbotschaft: „Unsere Bemühungen müssen darauf ausgerichtet sein, wieder Hoffnung zu geben, Ungerechtigkeiten zu korrigieren, Verpflichtungen treu einzuhalten und so das Wohl der Einzelnen und der Völker zu fördern. Wir müssen gemeinsam und geschlossen vorangehen, in einem neuen Geist der Brüderlichkeit und der Solidarität, und hingebungsvoll für das Gemeinwohl zusammenarbeiten.“ 

Die Auftritte Papst Leos in Spanien, Papst Franziskus’ in den Vereinigten Staaten von Amerika und Papst Benedikts in Großbritannien und Deutschland stellen nur vier Beispiele für Reden dar, welche ein Oberhaupt der katholischen Kirche vor dem Parlament eines Landes gehalten hat. Unter anderem hatte auch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1999 bereits vor dem polnischen Parlament gesprochen sowie im Jahre 2002 vor dem italienischen Parlament, vor dem Papst Franziskus im Jahre 2023 noch einmal eine Rede hielt. Wenngleich es folglich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zu solchen Reden kam, bleiben sie doch insgesamt seltene, jedoch wichtige Gelegenheiten, der Politik ins Gewissen zu reden. Dass dies notwendig ist, steht wohl außer Frage.


Der Autor arbeitet als katholischer Religionslehrer.

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