Die erste Enzyklika von Leo XIV. trägt den anmutigen Titel „Magnifica Humanitas“ – „Großartige Menschheit“. Aber sie hätte auch den Namen „Mit brennender Sorge“ tragen können, wie jenes auf Deutsch verfasste Lehrschreiben, mit dem Pius XI. die Kirche – vor allem in Deutschland – gegen den Nationalismus in Stellung brachte.
Der amerikanische Papst, von Hause aus Mathematiker, lässt keinen Zweifel daran: Künstliche Intelligenz sei zu einem entscheidenden Faktor geworden, um die öffentliche Meinung durch die Manipulation von Bildern und Inhalten zu lenken, womit es immer schwieriger werde, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Papst Leo erklärt ganz eindeutig, dass es nicht mehr genüge, sich allein auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes zu verlassen: Es sei vielmehr Aufgabe der Politik, die wirtschaftlich-technologischen Entwicklungen auf das Gemeinwohl auszurichten und menschenwürdige Arbeit, soziale Inklusion sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile der Künstlichen Intelligenz zu fördern.
Schon Papst Franziskus habe in der Enzyklika „Laudato sì“ die zunehmende Gefahr „eines technokratischen Paradigmas in der globalisierten Welt“ angeprangert, schreibt Papst Leo. Damit meint er die Tendenz, „persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen“.
Es geht dem Papst nicht so sehr um die Künstliche Intelligenz, die ein Instrument sei, sondern eben um jenes „technokratische Paradigma“, das sich aufgrund der Verbreitung von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie immer mehr verbreite. An sich können solche Innovationen wie auch die Künstliche Intelligenz eine große Hilfe bei der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung und bei der Bewahrung der Schöpfung sein. „Doch gerade wegen ihrer Leistungsfähigkeit“, heißt es in „Magnifica Humanitas“ weiter, „können sie als Beschleuniger des technokratischen Paradigmas wirken und bedürfen daher einer neuen geistlichen, ethischen und politischen Einordnung.“
Den modernen Menschen zum Gebrauch der Macht erziehen
Dazu will Papst Leo einen Beitrag leisten, indem er die digitale Revolution in die gewachsene Soziallehre der katholischen Kirche einbettet und mit den Worten von Romano Guardini ein Defizit aufzeigt: „Es zeigt sich, dass der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird.“ Denn in der digitalen Welt, so hält die Enzyklika fest, „liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern in der von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht“.
Daraus zieht der Papst die Konsequenz, dass man auch die Künstliche Intelligenz nicht als moralisch neutral betrachten darf. Es bedürfe vielmehr angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, einer unabhängigen Aufsicht, einer Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht. Andernfalls werde der Wandel nur von technokratischen Logiken bestimmt und als notwendig und unvermeidlich dargestellt, was letztlich dazu führe, dass Regeln durchgesetzt würden, die von denjenigen diktiert werden, die über Daten, Infrastruktur und die notwendigen Rechenkapazitäten verfügen.
Technische Macht verleiht noch kein Recht
Man müsse die Künstliche Intelligenz „entwaffnen“, schreibt Leo XIV. Damit meint er, dass man sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs entziehen müsse, eines Wettbewerbs, „der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. Bei diesem Wettrennen geht es um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank, um einen geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung gegenüber allen anderen zu festigen. Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen.“ So müsse man sich der Künstlichen Intelligenz nüchtern und wachsam nähern, schreibt der Papst.
Vor allem brauche es einen Ethikkodex, der den Kriterien einer gemeinsamen sozialen Gerechtigkeit unterliegt, denn „es nützt nichts eine moralischere KI zu haben, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird“. Was Papst Leo einfordert, wird von vielen Wissenschaftlern und Experten für Künstliche Intelligenz geteilt. Ob die internationale Staatengemeinschaft und deren wichtigste Akteure derzeit aber in der Lage sind, das auch umzusetzen, steht auf einem anderen Blatt.
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