Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Leo XIV. in Assisi

Wenn aus Männern und Frauen Brüder und Schwestern werden

Die Kirche als Hort des Friedens in einer friedlosen Welt: Das war das Thema des Besuchs des Papstes in Assisi, wo er Jugendliche aus ganz Europa traf.
Papst Leo XIV. bei der Eucharistiefeier in der Basilika Santa Maria degli Angeli
Foto: IMAGO/ABACA (www.imago-images.de) | Bereits kurz nach 10 Uhr stand Papst Leo dann in der Basilika Santa Maria degli Angeli der Eucharistiefeier zum Fest der Verklärung Christi vor. Die Verklärung des Herrn war dann auch Thema der Predigt des Papstes.

Wieder großer Auftrieb in Assisi. Die 800. Wiederkehr des Todesjahrs des heiligen Franziskus – der „Poverello“ starb nackt und am Boden liegend am 3. Oktober 1226 – hat schon Massen in die Stadt und die Basilika Santa Maria degli Angeli in Porziuncola geführt. So bei der Ausstellung der Gebeine des Heiligen Ende Februar. Hunderttausende zogen anschließend an der Glasvitrine mit den sterblichen Überresten des italienischen Nationalheiligen vorbei.

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Und am 4. Oktober werden deshalb auch die Vertreter des Staates, angefangen mit Präsident Sergio Mattarella, zur großen Feier am Todestag des Heiligen nach Assisi kommen, weil Franz nicht nur dem Franziskanerorden und der katholischen Kirche „gehört“, sondern der Patron ganz Italiens ist. Heute aber kam der Papst. Leo XIV. traf früh morgens mit dem Helikopter nahe der Basilika ein und hatte sich den Vormittag für die franziskanische Jugend reserviert, die aus ganz Europa zum „GO! Franciscan Youth Meeting 2026“ zusammengekommen war – einer Veranstaltung, die ebenfalls der Franziskanerorden im Jahr des 800. Todestages des Heiligen organisiert hatte.

Vor der heiligen Messe, bevor die Sonne den Vorplatz der Basilika so richtig heiß werden ließ, begrüßte ein in der Ruhe von Castel Gandolfo sichtlich erholt wirkender Papst Tausende von jungen Leuten aus allen Ländern und beantwortete – sehr ausführlich – drei Fragen. Die Kroatin Karolina, die in Zagreb im Geiste der franziskanischen Spiritualität aufgewachsen ist, erinnerte an die gefährliche Verflechtung von Religionszugehörigkeit und Nationalismus auf dem Balkan und wies darauf hin, dass die Läuterung des Gedächtnisses und die Versöhnung eine ganz aktuelle Aufgabe der Gläubigen sei. Das war für Papst Leo die Gelegenheit, die krisenhafte Lage in vielen Weltreligionen in den Blick zu nehmen. Die Christen seien immer mehr gefordert, sagte er der jungen Kroatin, Friedensstifter in Gesellschaften zu sein, in denen die Versuchung bestehe, die Religion zur Konfrontation von Identitäten zu instrumentalisieren. Sich der Kultur der Macht zu entziehen und die Zivilisation der Liebe aufzubauen, werde jedoch nicht sofort verstanden und akzeptiert. 

Was vor 800 Jahren in Assisi geschah

Und dann ließ der Papst einen sehr schönen Passus folgen, der das Modell Assisi und den Geist des heiligen Franziskus beschrieb: „Versucht euch nun für einen Moment vorzustellen, wie der Ort, an dem wir uns befinden, vor acht Jahrhunderten aussah. Hier, mitten auf dem Land, hatten sich Hunderte junger Brüder aus ganz Europa um Franziskus versammelt. Versucht euch vorzustellen, wie es in den ,Quellen‘, den „Fonti Francescane‘ heißt, wie die Brüder ,in Scharen sitzen, hier sechzig, da hundert, dort zweihundert und anderswo dreihundert auf einmal. Alle waren sie ausschließlich mit dem Gespräch über Gott, mit Gebet, Tränen und Übungen der Liebe beschäftigt. Sie verweilten in solchem Schweigen und solcher Bescheidenheit, dass man dort weder Lärm noch Unruhe vernahm‘.“ 

Diese Stille, so der Papst, sei das Gegenteil des Krieges mit seiner Gewalt, seinen Schreien und seiner Grausamkeit. Und das sei die Kirche: „eine Versammlung von Brüdern und Schwestern, zu der alle eingeladen sind. Liebe junge Menschen, wie schön ist es, zusammen zu sein, um über Gott nachzudenken und so in seinem Licht auch über das Leben selbst, in seiner Schönheit, in seinem Geheimnis, in seiner Ernsthaftigkeit! Bezeugt diese Lebensweise überall, besonders in einer Zeit, in der die Technologie uns daran gewöhnt, nicht mehr zusammen zu sein, unter Menschen aus Fleisch und Blut.“

Die Radikalität des Evangeliums ist kein Fundamentalismus

Bei der nächsten Frage eines Giovanni aus Bologna ging es um den Mut, sich für eine Berufung zu entscheiden und dann entschlossen seinen Weg zu gehen. In seiner Antwort warnte der Papst vor der Gefahr, die Radikalität des Evangeliums mit Fundamentalismus zu verwechseln. Eine Entscheidung für immer sperre einen nicht in einen Käfig ein, „sondern öffnet uns für eine größere Dynamik. Lieben ist ein Exodus, ein Weg, den es zu entdecken gilt, ein Weg, den Gott mit uns geht, und darin liegt der wahre Sinn jeder Berufung. Die Bibel inspiriert uns, so zu leben: wie jemand, der dazu berufen ist, aufzustehen, seinen Lebensweg zu gehen und dabei Führung und Sinn vom Herrn als Geschenk zu empfangen, um nach seinen Plänen zu lieben.“  Man könne zwar Erfahrungen, Kontakte und Konsum vervielfachen, bleibe dabei aber immer am selben Punkt stehen. Der menschliche Preis sei hoch und die innere Leere tief.  Das „für immer“ dagegen „ist also eine Gnade, bei der Gott selbst uns hilft, mit unserer Treue zu antworten, um die Fülle des Lebens zu erlangen“.

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Einem Luigi aus Sizilien antwortete Papst Leo auf die Frage, was man Menschen sagen solle, die an Gott glauben, aber nicht an die Kirche – weil die Schwächen und Fehler in der Kirche für viele ein Ärgernis seien. Viele Menschen, entgegnete der Papst, hätten im Laufe der Geschichte und auch heute die Kirche nicht so erleben können, wie Jesus Christus sie sich wünscht. Das verursache Leid, hinterlasse Wunden und Enttäuschungen und könne für manche sogar zu einem Hindernis für den Glauben werden. „Im Evangelium warnt Jesus vor dieser Art von Hindernis, nämlich vor dem Ärgernis, das seine Jünger anderen bereiten können, insbesondere den Kleinen und den Armen.“

Der Wunsch Jesu sei es gewesen, ein Volk zu versammeln, in dem das überwunden wird, was die Menschen gewöhnlich trenne. Um Jesus herum seien aus Männern und Frauen Brüder und Schwestern geworden, die sich sonst niemals begegnet wären oder Umgang miteinander gehabt hätten. „Wenn dieses Wunder der Kirche, Gott sei Dank, weiterhin geschieht, ist das auch heute noch erstaunlich in unseren Städten, die voller unsichtbarer Mauern sind, die die Menschen voneinander trennen. Wie viele Diskriminierungen und Ungleichheiten könnten sofort ein Ende finden, sobald wir uns als Brüder und Schwestern anerkennen!“

Statt Stimmengewirr die Kunst des Gesprächs

Am Ende des Gesprächs begab sich der Papst in den Kreuzgang des Franziskanerklosters, um die dort versammelten Franziskaner und die anwesenden Bischöfe zu begrüßen. Bereits kurz nach 10 Uhr stand Papst Leo dann in der Basilika Santa Maria degli Angeli der Eucharistiefeier zum Fest der Verklärung Christi vor. Die Verklärung des Herrn war dann auch Thema der Predigt des Papstes: „Wenn wir hören, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht, dann denken wir an den Ostermorgen, als ein Engel des Herrn den Stein wegrollte, der das Grab verschloss, und die Botschaft von der Auferstehung verkündete.“

Es sei das Licht eines neuen Tages, „während um uns herum und manchmal auch in uns noch Dunkelheit herrscht. Wir sehen dessen Morgendämmerung in den kanonisierten Heiligen wie dem heiligen Franziskus und der heiligen Klara sowie in einer Unzahl von Brüdern und Schwestern, die dem Bösen mit dem Guten antworten. Wir sind nicht allein! In diesen Tagen habt ihr dies erfahren: Ihr seid einander begegnet und habt einander zugehört, wobei ihr vom Gewirr sich überlagernder und widersprechender Stimmen zur Kunst des Gesprächs übergegangen seid.“ Die Kirche sei dazu da, in diese Dynamik des Zuhörens und Entscheidens zu führen, „in der wir verstehen, für wen wir leben und wie wir leben sollen. Sie ist die Gemeinschaft, in der wir lernen, die Stimme Gottes zu erkennen, die niemals einfach mit unseren eigenen Ansichten übereinstimmt, sowie jenen Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist zu wagen, der all diejenigen mutig und kreativ werden ließ, die sich bereit erklärt haben, Jesus nachzufolgen.“

Schon kurz nach 12 Uhr verließ der Papst Assisi und kehrte mit dem Hubschrauber in den Vatikan zurück. Es war das zweite Mal, dass Papst Leo in der umbrischen Pilgerstadt war. Kurz vor dem Start zu seiner ersten Auslandsreise in die Türkei und in den Libanon hatte Leo XIV. bereits Assisi besucht, um still am Grab des „Poverello“ zu beten und anschließend vor der Vollversammlung der Italienischen Bischofskonferenz zu sprechen. Und die Franziskaner hoffen, dass er noch in diesem Jahr ein drittes Mal die Stadt ihres Gründers aufsuchen wird, wenn sich am 27. Oktober das erste interreligiöse Friedenstreffen mit Papst Johannes Paul II. zum 40. Mal jährt.

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