Hohe Kirchenvertreter aus der Ukraine sprachen in der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Berlin über „Glaube und Verantwortung in Zeiten des Krieges“. Nils Wörmer von der KAS begrüßte den römisch-katholischen Bischof der Diözese Kyiv-Zhyhtomir, Vitalii Kryvytskyi; den Primas der Orthodoxen Kirche der Ukraine und Metropoliten von Kyiv, Epiphaniy Dumenko; den Leitenden Bischof der Ukrainischen Pfingstkirche, Anatoliy Kozachok sowie Bischof Sándor Zán Fábián von der Reformierten Kirche in Transkarpatien.
Ein großes Bild hinter dem Podium zeigte das durch russischen Beschuss brennende Höhlenkloster in Kyiv. „Der Angriff auf das Höhlenkloster zielte wie viele andere russische Angriffe auf Kirchen nicht zuletzt auf das identitätsstiftende Erbe des ukrainischen Volkes“, sagte Nils Wörmer. Die KAS habe dauerhaft zwei Mitarbeiter in der Ukraine präsent und werde das Land weiter unterstützen. Gerade in schwierigen Zeiten sei der Dialog wichtig.
Bedeutung der Religion ist im Krieg gewachsen
Die Podiumsdiskussion leitete der Direktor des Katholisch-Sozialen Instituts in Siegburg, Richard Ottinger. Auf dessen Fragen erklärte Bischof Epiphany, die Bedeutung der Religion sei in der Kriegszeit gewachsen: „Sie hilft den Menschen, den Krieg zu ertragen. Und Barmherzigkeit ist keine Theorie mehr“. Die Menschen in der Ukraine seien auch „keine graue Pufferzone“ zwischen Europa und Russland. Sie hätten immer für eine freie Heimat gekämpft. „Europa“, fügte der Bischof hinzu, „ist für uns ein Raum der Demokratie und Freiheit, der uns schützt vor der russischen Russki-Mir-Welt“. Die Kirchen in der Ukraine seien „vielfältig, aber gleich“. Dass die russisch-orthodoxe Kirche das Vorgehen Russlands gegen die Ukraine als „Heiligen Krieg“ bezeichnet habe, nannte Epiphany „Häresie“. Richard Ottinger hatte bereits 2025 einen lesenswerten Sammelband mit dem Titel „Religiöse Elemente im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine“ (ibidem-Verlag) herausgegeben. Darin schrieb er: „Der Krieg, den Russland seit 2014 gegen die Ukraine führt und mit der Invasion 2022 dramatisch eskalierte, ist kein Religionskrieg. Dennoch spielen religiöse Elemente in Genese und im Verlauf des Krieges eine bemerkenswerte, aber oft übersehene Rolle.“
„Der Krieg prüft uns alle“
Ottinger fragte den katholischen Bischof Kryvytskyi, ob ein Bischof in dieser Zeit in der Ukraine noch die Zeit habe, die neue Enzyklika von Papst Leo IV. „Magnifica Humanitas“ zu lesen? In dieser heißt es unter anderem auch: „Heute ist es – unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges“ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen.“ Bischof Kryvytskyi sagte, er habe sie gelesen und erklärte: „Wir haben diesen Krieg nicht angefangen“. Die Ukraine habe das Recht auf Selbstverteidigung. „Der Krieg prüft uns alle“, fügte er hinzu. „Wir werden gefragt, wann endet der Krieg? Wir wissen es nicht“, erklärte er. Man versuche, den Menschen beizustehen - einfach da zu sein. Bei den Soldaten, bei Familien, die Angehörige verloren haben. Kryvytskyi verwies dabei auch auf die russischen Angriffe auf zivile Wohnhäuser.
Bischof Sándor Zán Fábián erklärte, in der Zeit seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine sei eine neue Generation herangewachsen, die die Freiheit kennengelernt habe. Das habe geholfen, sich 2022 schnell gegen die Truppen des russischen Aggressors zusammenzuschließen. Bischof Epiphany äußerte sich zuversichtlich über einen ukrainischen Sieg: „2022 hieß es, wir würden nur sehr kurze Zeit durchhalten“. Die Ukraine werde siegen, erklärte er. Bischof Sándor Zán Fábián berichtete von Besuchen und der Hilfe deutscher Glaubensbrüder, wofür er dankte. „Barmherzigkeit ist immer die effektivste Form der Predigt“, erklärte er.
Wird es wieder eine Versöhnung geben können?
Ottinger fragte: „Gesetzt den Fall, es kommt zu einem nachhaltigen Frieden: Sehen Sie die Chance, dass es wieder zu einer Versöhnung mit dem russischen Volk kommen kann? Ich weiß, dass diese Frage zu früh gestellt ist.“ Bischof Kryvytskyi erklärte, die Wunden seien noch frisch und die Frage sei sehr schwer für Menschen, die gerade erst Angehörige begraben haben. Es gebe den Satz: „Wir werden nie vergessen und nie verzeihen.“ Der erste Teil sei richtig: Vergessen dürfe man nicht, sonst würden sich die Fehler wiederholen. Von „nie vergeben“ könne aber nur jemand sprechen, „der kein Evangelium kennt“. Man dürfe sich nicht auf das Niveau des Aggressors begeben. Rache finde sonst keine Grenze mehr.
Kryvytskyi verwies auch darauf, wieviel Zeit es für eine deutsch-polnische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte. Dabei zitierte er den berühmten Satz in der Botschaft der polnischen Bischöfe in ihrem Schreiben an die Deutsche Bischofskonferenz vom 18. November 1965: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Bischof Kozachok erklärte: „Vergebung ist wichtig, um die Herzen frei zu bekommen“. Aber es sei auch Buße nötig.
Bischof Epiphany sagte: „Die Wunden sind tief.“ Nach einem Sieg könne man Wege zur Versöhnung finden. „Wir sind Christen“, betonte er. Hass könne zur Selbstzerstörung führen. „Der Herr wird uns beistehen, dass wir aktiv mit Liebe in der Welt handeln“, fügte er hinzu. Und: „Liebe bringt immer gute Folgen und wird in der Zukunft auch zur Versöhnung führen.“
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