Ein Minister-Satz, der Wellen schlägt: „Bürgerlichkeit ist das Verdienst des Protestantismus“, hat Johann Wadephul bei seiner Rede zum Johannisempfang der EKD in Berlin gesagt. Der Bundesaußenminister wollte damit zum Ausdruck bringen, dass die bürgerliche Gesellschaft Menschen braucht, die aus ihrem Glauben heraus eine Immunität gegenüber totalitären Versuchungen entwickeln und so zu Aktivposten für die freiheitliche Demokratie werden. Diejenigen, die sich an totalitären Ideologien orientierten, die setzten „Gefolgschaft über das Gewissen“ – der Protestantismus handele genau andersherum.
In diesem Zusammenhang hob Wadephul ausdrücklich positiv die Fußballspieler um Felix Nmecha hervor, die nach dem Spiel gegen Curaçao öffentlich gebetet hatten. Denn eine freie Gesellschaft erkenne man daran, dass Religion nicht unsichtbar werden müsse, sondern Menschen ihren Glauben sichtbar leben können.
Die katholischen Verdienste um bürgerliche Grundrechte
Der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe hat nun in einem Meinungsbeitrag für die „Welt“ die Aussagen Wadephuls aufgegriffen und die Protestanten gleich zur Avantgarde für eine solche Bürgergesellschaft erklärt. Den Hintergrund bilden seine Erfahrungen, die er in Ostdeutschland macht. Hier wird der Pfarrer konkreter als der Außenminister: Dort bestehe in vielen Gegenden die Gefahr, dass die AfD die Deutungshoheit übernehme. Die Kirchen – Geilhufe schließt hier auch die katholische mit ein – bildeten mit ihren Gemeinden, wenn auch oft zahlenmäßig nicht groß, trotzdem vor Ort vielfach die einzigen noch intakten Institutionen, die inhaltlich hier etwas entgegensetzen könnten. Seine Hoffnung ist wohl, dass sich diese kirchlichen Hotspots zu einer Art Pflanzstätte für eine neue bürgerliche Kultur entwickeln könnten.
Nun soll es nicht darum gehen, ins konfessionalistische Fingerhakeln abzugleiten. Zumal Wadephul wie auch Geilhufe ihre Äußerungen ja durchaus ökumenisch geöffnet haben, wenn auch beide, das sei ihnen als Protestanten ja auch zugestanden, ihrer Konfession eine gewisse Avantgarde-Funktion zuerkennen. Deswegen sollte das Thema um eine katholische Perspektive ergänzt werden: Auch die Katholiken haben sich in der deutschen Geschichte Verdienste um die bürgerlichen Grundrechte erworben. Und zwar in der Phase, in der sich der moderne deutsche Nationalstaat bildete.
Während des Kulturkampfes fochten die Katholiken sozusagen stellvertretend für alle das Grundrecht auf Religionsfreiheit aus. Sicher, zunächst ging es vor allem darum, die eigene Freiheit vor dem übergriffigen preußisch und protestantisch dominierten Staat zu schützen. In der logischen Konsequenz daraus ging es aber auch bald um die Grundrechte für andere. Das beste Beispiel dafür ist Ludwig Windthorst. Der Führer der Zentrumspartei stritt im Reichstag leidenschaftlich für die Religionsfreiheit der Juden in Deutschland. Dass das Zentrum von damals nicht konfessionell verengt dachte, zeigt sich auch daran, dass auch einige protestantische Abgeordnete aus Hannover bei der Fraktion hospitierten – eben aus Protest gegen den übergriffigen Staat, den auch sie ablehnten.
Wollen die Katholiken ihre Geschichte erzählen?
Politischer Katholizismus – heute leider selbst bei historischen Gedenkveranstaltungen oft nicht mehr als ein Schlagwort. Aber die Katholiken dürfen nicht vergessen, dass sich aus dieser sozialen Bewegung tatsächlich Formen der Bürgerlichkeit entwickelten, die gerade für die Bundesrepublik sehr prägend wurden. Man denke nur an den rheinischen Bürger Konrad Adenauer.
Heute – man mag es beklagen – muss derjenige, der die Öffentlichkeit prägen will, eine Erzählung über sich, seine Geschichte und seine Vision für die Gesellschaft mitbringen. Die Katholiken haben so eine Geschichte. Wollen sie sie auch erzählen? Die Protestanten haben mit ihrer Erzählung jetzt schon einmal einen Anfang gesetzt.
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