Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

Fußball-Fans, Deutschland-Fans

Die einen schauen Fußball, die anderen schauen Fußball, wenn Deutschland spielt. Beide Gruppen versammeln sich im Wohnzimmer zu einem aufschlussreichen Sozialexperiment.
Fußballschauen im heimischen Wohnzimmer
Foto: IMAGO/Franci Leoncio (www.imago-images.de) | Einzigartiges Gruppenerlebnis, bei dem auch unterschiedliche soziologische einiges zutage gefördert wird: das gemeinsame Fußballschauen im heimischen Wohnzimmer.

Die Tatsache, dass Deutschland bereits vor Anpfiff des abschließenden Vorrundengruppenspiels gegen Ecuador als Sieger der Gruppe E feststand, hielt uns nicht davon ab, das Spiel in Gemeinschaft einiger Gäste zu schauen. Und der aus deutscher Sicht eher suboptimale Spielverlauf führte auch nicht zum vorzeitigen Ausschalten. Wir hielten tapfer durch bis Mitternacht.

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Ganz nebenbei bekam in den vier Stunden TV-Zeit (zwei Stunden Spiel, zwei Stunden Kindheitsgeschichte Deniz Undavs, Trinkpausen auf dem Schulhof inklusive) die These von der binären Struktur des Menschengeschlechts eine weitere empirische Bestätigung. Es gibt in der Tat zwei Arten von Menschen: Die einen schauen Fußball, die anderen schauen Fußball, wenn Deutschland spielt. Beide Untersuchungsgruppen versammelten sich im Wohnzimmer zu einem der typischen Sozialexperimente, für die sich bedeutungslos gewordene Gruppenspiele hervorragend eignen.

Schweinsteiger ist nicht verletzt, sondern Experte

Diejenigen, die Fußball schauen (nachfolgend: „Fans“ oder „echte Fans“) und sich dafür ab dem frühen Vormittag mit Bionade stärken, sowie diejenigen, die vor dem Anpfiff drei Stunden im Badezimmer verbringen, in den Spiegel starrend, um mit allerhand Kosmetiktricks wahre Kunstwerke zu vollbringen, damit das Schwarze im Schweiße des von 40 Grad im Schatten gezeichneten Angesichts nicht ins Rote und Goldene läuft, könnten in Frieden koexistieren. Eigentlich.

Echte Fußball-Fans grenzen sich von Deutschland-Fans so deutlich ab wie der Club of Rome vom Freihantelbereich eines Neuköllner Fitnessstudios. Sie sehen sich jede Wiederholung eines bedeutungslosen Zweitligaspiels an, stellen sich bei strömendem Regen auf die baufällige Tribüne irgendeines brandenburgischen Verbandsligisten, um ein Vorbereitungsspiel ihrer Hertha zu sehen oder fiebern gleich mit einem Oberligateam mit, von dem der Durchschnittsbürger nicht mal weiß, dass es existiert. Echte Fans kennen die Abseitsregel. Und ihre Geschichte, die kontroverse Debatte um ihre Abschaffung und die sieben wichtigsten Grenzfälle ihrer Anwendung. Sie können nicht nur die 74er-Elf runterleiern („Meier – Beckenbauer – der Kleine aus Gladbach“ – „Schon gut!“), sondern auch die Ersatzbank Fortuna Düsseldorfs vom Pokalfinale 1980. Dem Deutschland-Fan, der sich gestern noch schnell was zum Um-den-Hals-hängen oder Auf-den-Kopf-setzen gekauft hat, muss der Fußball-Fan kurz vor dem Spiel noch sagen, dass Schweinsteiger nicht verletzt ist, sondern Experte. Und dass heute nicht in Weiß gespielt wird, sondern in „Conavy“. Für männliche Deutschland-Fans: Dunkelblau. „Steht doch da: New Jersey“. Genau.

Ansonsten sind sich die beiden Untersuchungsgruppen zur Überraschung des Studienleiters weitgehend einig: Deutschland hat Historisches geschafft. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren wurde wieder eine WM-Vorrunde überstanden. Damals wurden „wir“ Weltmeister. Dann ist das jetzt wohl auch schon die halbe Miete auf dem Weg zum Titel. Einem Deutschland-Fan kann man sowas glaubhaft machen.

Was Amiri mit der Rohrzange zu tun hat

Ein tragischer Unterfall des Deutschland-Fans ist der Deutschland-Fan, der studiert. Oder studiert hat. Byzantinistik. Oder Geschichte auf Lehramt. Mit dem wenige Stunden zuvor aus dem Sportteil der FAZ gesaugten Halbwissen kann ein einziger Akademiker unter den Deutschland-Fans mehr nerven als 30.000 italienische Fußballtouristen auf dem Oktoberfest. „Moment – Italien ist doch diesmal gar nicht dabei!“ – Erraten.

Da ist zum Beispiel Malte. Malte ist Ethnologe und beschäftigt sich mit Migration. Die Struktur der deutschen Mannschaft liefert ihm eine Steilvorlage zur Erläuterung der Völkerwanderungen (erste Halbzeit) sowie der transnationalen Wanderungsbewegungen der Gegenwart (zweite Halbzeit), unter besonderer Berücksichtigung Bayerns (Trinkpause). „Ein ‚Stadion‘ war in der Antike ein Längenmaß. Wusstest du das?“ Petra will Lehrerin werden. „In Olympia betrug es umgerechnet 192,28 Meter, in Delphi nur 177,35 und in Athen 184,30. Das hing damit zusammen, dass die einzelnen Stadtstaaten... hörst du mir überhaupt zu?“. Von Alexander Ché (Linguistik, drittes Semester im Promotionsstudium) erfährt man beiläufig, dass es im Sanskrit eine Nebenform von „am'iri“ gibt, was „Rohrzange“ bedeuten kann, oder auch – mit Betonung auf dem zweiten „i“ und nach dem dritten Bier „Wir müssen uns im Sechzehntelfinale deutlich steigern“, während die anwesenden Mediziner ungefragt erklären, warum man Wadenkrämpfe bekommt, wenn man anderthalb Stunden lang in praller Sonne rennt. Irgendwas mit Magnesium.

Schnell trennt sich im Laufe eines bedeutungslosen Vorrundenspiels beim More-or-less-Public-Viewing die Spreu der Deutschland-Fans vom Weizen echter Fußball-Fans. Ich für meinen Teil habe aber Verständnis für die Deutschland-Fans, die das Verfolgen der WM als ihre Staatsbürgerpflicht begreifen. Vorschlag zur Güte: Lasst uns gemeinsam feiern! Nur eins noch: In der KO-Runde, wenn es wirklich um was geht, bitte keine Fragen mehr. Abseits ist, wenn der Schiedsrichter (oder die -in) pfeift und wer die meisten Tore schießt, gewinnt. Also: Tore, die dem Adlerauge des VAR widerstehen. Mehr muss man nicht wissen bis zum 19. Juli. Ach, so – richtig: Das Runde ist der Ball.

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Josef Bordat Einwurf – die „Tagespost“-WM-Kolumne

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