Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung "Das Tagestor" - Die EM-Kolumne

Die schönste Nebensache der Welt: ein Jammertal

Dass es beim Fußball nicht immer gerecht zugeht, mussten jüngst die Fans der Schweiz und Deutschlands erfahren. Aber wäre ein ungerechtes Weiterkommen nicht noch schlimmer gewesen?
Schiedsrichter Anthony Taylor beim Spiel Deutschland gegen Spanien
Foto: IMAGO/Gerhard Schultheiß (www.imago-images.de) | Sich keiner Schuld bewusst: Schiedsrichter Anthony Taylor war der einzige, der kein strafbares Handspiel erkennen konnte.

Als Katholiken wissen wir: Die Welt ist ungerecht. Nicht umsonst ist etwa im „Salve Regina“ vom „Tale der Tränen“ die Rede, aus dem heraus die Gläubigen „trauernd und weinend“ die Gottesmutter um ihre Fürsprache anflehen. 

Im Jammertal dürften sich derzeit auch all jene Fußballfans fühlen, die es mit der deutschen oder der schweizerischen Auswahl halten. Gegen Spanien war Deutschland vor allem in der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft und schied trotzdem aus. Nicht nur, dass Mikel Merino nur eine Minute vor Ende der Verlängerung mit einem sehenswerten Kopfball das Turnieraus des Teams von Bundestrainer Julian Nagelsmann besiegelte, zuvor war den Deutschen ein glasklarer Elfmeter verweigert worden. Und das, obwohl der englische Schiedsrichter Anthony Taylor eigentlich beste Sicht auf das Geschehen hatte und nicht einmal der Hilfe seines Videoassistenten bedurft hätte.

Lesen Sie auch:

Es ist besser, Ungerechtigkeit zu erleiden, als sie zu begehen

Ähnlich erging es den Schweizern, die den biederen Engländern fußballerisch deutlich überlegen waren. Aber ein Geniestreich von Bukayo Saka, der bei Arsenal London sein Geld verdient, genügte den Engländern, um die Führung der Schweizer zu egalisieren und sich schließlich ins Elfmeterschießen zu retten. Während man früher darauf wetten konnte, dass die „Three Lions“ vom Punkt aus scheitern, haben sie nun gerade gegen die tapferen Schweizer ihren Elfmeterfluch abgelegt: Zum ersten Mal überhaupt trafen ausnahmslos alle fünf englischen Schützen und schossen ihre Mannschaft damit unverdient ins Halbfinale.

Womit können sich Schweizer und Deutsche angesichts der Ungerechtigkeit des Fußballs trösten? Vielleicht hilft die Philosophie. In Platons Dialog „Gorgias“ belehrt Sokrates seine Zuhörer darüber, dass es besser sei, Ungerechtigkeit zu erleiden, als sie zu begehen. Denn letztlich führe der Täter seiner eigenen Seele den schwersten Schaden zu. Seien wir also zusammen mit unseren eidgenössischen Leidensgenossen froh, dass unser Herz nicht für Spanien oder England schlägt. Lieber gar nicht ins Halbfinale kommen, als unverdient.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Ostritsch Katholikinnen und Katholiken Mutter Jesu Maria Platon Sokrates Ungerechtigkeiten

Weitere Artikel

Ein stiller Denker mit anhaltendem Nachleben: Heinrich Meier porträtiert Leo Strauss als Philosophen der Distinktion.
14.03.2026, 19 Uhr
Urs Buhlmann
Was meinten die Engel, als sie den Hirten ihren berühmten Friedensgruß zuriefen? Bei Augustinus und Thomas von Aquin finden sich Antworten, die auch in Zeiten des Krieges überzeugen.
25.12.2025, 07 Uhr
Sebastian Ostritsch
Julian Nagelsmann wirkt: Zuerst drehte er „die Mannschaft" und dann bei der EM auch noch die Stimmung im Land. Hinzu kommt: Nagelsmann hat mehr im Kopf als nur Fußball.
09.07.2024, 20 Uhr
Stefan Ahrens

Kirche

Leo XIV. will zu den Anhängern des „Vetus Ordo“ Brücken schlagen. Seine Weisung an die Bischöfe Frankreichs weicht von der Linie seines Vorgängers ab.
26.03.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Symposion: Ein wissenschaftlicher Blick auf Ursprung und Entwicklung kirchlicher Synoden.
27.03.2026, 11 Uhr
Reinhild E. Bues
Ein volles Seminar ist kein unerfüllbarer Wunschtraum: Im Vorfeld des Papstbesuchs in Madrid und Barcelona hat der Primas von Spanien eine ermutigende Botschaft.
26.03.2026, 17 Uhr
Regina Einig