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Das Fußballfieber befällt auch die Philosophen

Die Krankheit wird nicht nur durch bedeutende Turniere übertragen. Auch im Fußballalltag ergreift sie die Denker und beeinflusst ihre Thesen durch das Spiel mit dem runden Leder.
Fussballfieber
Foto: IMAGO/Andreas Friedrichs (www.imago-images.de) | Das Fußballfieber treibt seltsame Blüten und erwischt sogar Philosophen.

Das Fußballfieber grassiert. Es befällt auch die Philosophie. Nicht erst seit Mitte Juni. Und das nicht ohne Grund. Kaum etwas kann existenzielle und ethische Dimensionen des Leben so nachdrücklich und klar konkretisieren wie der Fußball.

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Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer, Autor des Buchs „Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs“, erklärt den intrinsischen Sinngehalt des beliebten Mannschaftssports mit dessen Nähe zur schicksalhaft erfahrenen Lebenswirklichkeit. Deutlich werde das bei Toren in letzter Minute, von denen wir während der Europameisterschaft eine ganze Menge gesehen haben (man denke nur an den 2:1-Siegtreffer der Spanier im Viertelfinale gegen Deutschland, der in der 29. Minute der halbstündigen Verlängerung fiel): „Mit einem Schlag wird für die Spieler und ihre Anhänger die ganze Schutzlosigkeit des Menschen präsent. Es ist ein tragischer Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz“. Ein deutscher Fan fasst die Gemütslage der Nation nach dem Schlusspfiff zusammen: „Absolute Leere“.

Eine kollektive Handlung

Und der Fußball ist als kollektive Handlung ethisch hochrelevant. Alles, was ich über Moral weiß, habe ich beim Fußball gelernt. Das soll Albert Camus, Philosoph des Absurden, und Torwart bei Racing Universitaire d’Alger, einmal gesagt haben. In der Tat: Der Fußball hat viele Aspekte, die auch in jeder Ethik eine Rolle spielen: Fairness, Teamgeist, Siegermentalität, Fouls, Rote Karten, blindes Spielverständnis, taktische Zwänge, Fehlentscheidungen, bittere Niederlagen. In den großen ethischen Entwürfen werden daraus Gerechtigkeit, Solidarität, Besonnenheit, eudämonistisches Gelingen und deontologische Pflicht. Der Fußball bringt es in der Praxis auf den Punkt: „Grau ist alle Theorie – entscheidend is' auf'm Platz!“ (Adi Preißler).

Andererseits hat die Wertevermittlung im Sport eine große gesellschaftliche Bedeutung. Der Sport, vor allem der Fußball, erreicht viele Menschen. Gerade auch Kinder und Jugendliche, denen die schwergewichtigen Ethiken der Philosophiegeschichte im Allgemeinen nicht wirklich helfen können, eine moralische Orientierung zu finden. Der Sport, der Fußball schon. Umso fataler, wenn dessen Protagonisten auf großer Bühne mit obszönen Gesten (Jude Bellingham), symbolischer Werbung für faschistoide Gruppen (Merih Demiral) oder nationalistischer Animation (Mirlind Daku) wahrgenommen werden und sich der Nachwuchs nicht nur die Schusstechnik bei den Stars der Szene abschaut.

Es prägt das Bewußtsein

Mit den beiden Halbfinalspielen heute und morgen und vor allem mit dem großen Finale am Sonntag steigt noch einmal die Aufmerksamkeit. Die Spiele werden global übertragen. Alles blickt nach München, Dortmund und Berlin. Was es dort zu sehen gibt, ist nicht nur sportlich von Bedeutung. Es prägt auch das Bewusstsein für Werte. Oder deren Gegenteil. Die Spieler haben es in der Hand. Beziehungsweise auf dem Fuß.

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