„Alle Reflexion zerstört die Realität.“ Dieser berühmte Satz Fichtes verweist auf die Tatsache, dass keine Erkenntnis vor einem möglichen Zweifel sicher ist. Reflexion schafft Distanz: Ich kann auf meinen Erkenntnisakt reflektieren, dessen Gegenstand zu einem bloßen Bewusstseinsphänomen verfremden und ihn mir dadurch so sehr vom Leibe halten, dass sich ein Raum möglichen Zweifels eröffnet. So wird Reflexion „die tiefste Quelle des Zweifels und der bohrende Stachel der Verzweiflung“ (Wolfgang Janke). Wie der Verzweiflung entrinnen? Man muss, so Fichte, „reflektieren bis zu Ende“, bis zur Entdeckung „der Realität des Wissens eben selbst“ - also bis zur „alles begründenden Realität Gottes“, wie Reinhard Lauth Fichte deutet.
Eine ähnliche Empfehlung finden wir bei Chesterton: Der Zweifler soll nicht aufhören zu zweifeln, sondern weiter zweifeln, jeden Tag Neueres und Wilderes im Weltall bezweifeln, bis er schließlich durch eine seltsame Erleuchtung anfange, an sich selbst zu zweifeln.
Wenn sich so der Zweifel gegen die Reflexion selbst wendet, dann nicht, um sie zu unterbinden, sondern in das überzuführen, was „höher ist denn alle Reflexion, aus keiner Reflexion quellend, und keiner Reflexion Richterstuhl anerkennend“. Dieses Höhere, das Fichte hier meint, ist die Liebe. Sie überwindet die Distanz, die die Reflexion aufreißt. Erkenntnis ist dann nicht mehr distanzierende Reflexion, sondern, wie Dietrich von Hildebrand schreibt, eine „geistige Vermählung“. Das ist natürlich nur möglich, wenn das, was in der Erkenntnis erscheint, unsere Liebe verdient. Das ist bei der Werterkenntnis der Fall. Werte im Sinne Hildebrands sind „ein Abglanz der unendlichen Herrlichkeit des lebendigen Gottes – eine Botschaft von Gott selbst in allen geschöpflichen Gütern und eine letzte Realität in Gott selbst, der ja die Gerechtigkeit, die Güte, die Liebe ist.“
Ich verweigere mich dem Diktat des Zweifels
Wo immer mir Güte, Liebe, sittlicher Adel oder moralische Größe begegnet, kann ich sie nur erkennen in einem freien Akt der Anerkennung. Das schließt die demütige Bereitschaft ein, anzuerkennen, was größer ist als ich selbst. Ich gebe dann die „Laboratoriumseinstellung“ (Hildebrand) auf, in der ich mich zum Richter aufschwinge, vor dem sich das Erkenntnisobjekt erst als wahr und gewiss dadurch beweisen muss, dass es den Ansprüchen des Richters genügt. Ich gebe dann den Zweifel auf – nicht deshalb, weil ich auf einen Punkt gestoßen bin, an dem ich nicht mehr zweifeln kann, sondern weil ich jener Größe begegnet bin, an der ich nicht mehr zweifeln soll.
Die Reflexion, die sich das Erkannte unterwerfen will, weicht der Liebe, die sich ihm unterwirft. Das Böse auszuschließen ist wichtiger, als alle Möglichkeit des Zweifels auszuschließen. Der Zweifel macht das Erkannte fragwürdig, die Liebe aber macht den Zweifel fragwürdig. Angesichts des Guten ist nur noch die Liebe, nicht der Zweifel, die angemessene Antwort. Ich verweigere mich dem Diktat des Zweifels, um der Liebe die Herrschaft in mir einzuräumen. Und im Vollzug dieser Liebe schenkt dieselbe mir eine Gewissheit ein, die eine Reflexion ohne Liebe niemals erreichen könnte.
Der Autor ist katholischer Priester, Philosoph und Mitbegründer der Priesterbruderschaft St. Petrus.
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