Wie schnell kann man sich an das Gute gewöhnen! Die Regale sind voll, die Felder tragen Früchte, die Kühe geben Milch – und wir nehmen all das hin, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Bis einmal etwas schiefgeht. Das Erntedankfest ist der Moment, an dem viele sich daran erinnern, dass all dies so selbstverständlich gar nicht ist und es Menschen gibt, die sich wenigstens gern die Krümel holen würden, die von unseren mit Nahrung schwer beladenen Tischen fallen. Dass hinter all dem, was auf unseren Tischen landet, eine Menge Arbeit steckt. Und dass letztlich Gott der Urheber alles Guten ist. Einmal im Jahr danken wir also für Ernte, volle Scheunen und glückliche Esser. Aber reicht das eigentlich? Immerhin gilt die Dankbarkeit seit Cicero als „Mutter aller Tugenden“.
Selbstverständlich ist unser Überfluss nicht. Wie schnell können Flut, Sturm, Hitze oder Hagel eine Ernte zunichtemachen. Landwirte wissen das nur zu gut, und so spenden Priester vom Frühjahr bis in den Herbst den Wettersegen. Apropos: Dass Danken zum Kern des Glaubens gehört, zeigt schon das Wort „Eucharistie“. Es bedeutet „Danksagung“, woran Benedikt XVI. gern erinnerte. Jede heilige Messe ist also ein kleines Erntedank, wenn auch ohne Kürbis, Kartoffeln und Getreide.
Essen wie beim König
Bei uns muss zum Glück kaum jemand darum bangen, im nächsten Jahr genug zu essen zu haben. Eher im Gegenteil: Wir stopfen uns die Bäuche voll wie beim königlichen Hofgelage. Die einen tun das mit Stolz, die anderen legen zwischendurch Fastenkuren ein, um danach wieder zu essen, wonach es sie gelüstet. Uns geht es einfach gut. So gut, dass der Mensch es für gegeben nimmt. Papst Franziskus sprach angesichts des globalen Elends von einem „gleichgültigen Hochmut“ des Überflusses. Und was Gott von Hochmut hält, kann man in der Bibel nachlesen. Paulus bringt uns jedenfalls auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn er fragt: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7).
Na gut, da fiele den meisten einiges ein, und zwar mehr, als sie brauchen. Doch wer immer mehr will, schiebt die Dankbarkeit auf die lange Bank. Denn Dankbarkeit setzt voraus, dass ich überhaupt anerkenne, etwas empfangen zu haben, einen Geber zu kennen, dem man sich zu Dank verpflichtet weiß. Wer dagegen meint, alles selbst gemacht und verdient zu haben, hat folgerichtig auch niemandem zu danken oder benutzt das Wort „Danke“ höchstens als Floskel. Thomas von Aquin sah deshalb in der Undankbarkeit eine Tochter der Hoffart: Wer sich selbst zum Maß aller Dinge macht, hält sich nicht mehr für einen Empfangenden, sondern für den eigenen Schöpfer. Da reicht das „Danke“ gerade mal fürs eigene Schulterklopfen.
Für alles danken?
Erntedank sagt: Hey, dass es dir so gut geht, hat einen anderen Grund, und der heißt Gott. Wer nicht an Gott glaubt, der denke einmal an Situationen zurück, die so brenzlig waren, dass sie auch schlimmer hätten ausgehen können. Das hilft der Dankbarkeit schnell auf die Sprünge. Der heilige Franziskus von Assisi lehrte, man solle Gott für alles danken, denn aus ihm geht alles Gute hervor. Ihm gebühren „alle Arten von Lob und Segnung, Dank und Verherrlichung, denn alles Gute gehört ihm, der allein gut ist“. Dietrich Bonhoeffer erklärte, dass nur, wer für das Geringe danke, auch das Große empfange. Und Meister Eckhart war sogar der Ansicht, dass das bloße Wort „Danke“ – abseits jeder Floskel – als einziges Gebet völlig genügen würde.
Das ist mal eine Ansage. Ein dankbares Herz dankt sogar dafür, dass Dinge nicht so laufen, wie man es sich vorgestellt hat. Nicht, weil Enttäuschungen plötzlich schön wären, sondern weil der Glaubende vertraut, dass Gott größer ist als eigene Pläne und auch dann nicht die Hände aus dem Spiel genommen hat, wenn er den Sinn einer Sache nicht versteht. Papst Franziskus sagte es so: „Dankbar sein bedeutet, Liebe und Hoffnung in der Welt zu bezeugen.“
Das Wunder von Bayern
Man stelle sich einen Biergarten vor, in dem niemand über dies und jenes lästert, sondern man sich in froher Dankbarkeit überbietet. Statt „Des Bier is scho wieder warm“ hörte man ein ehrliches „Dankeschön“. Das wäre das Wunder von Bayern. Dass Dankbarkeit dem Wohlbefinden und der Lebenszufriedenheit guttut, ist inzwischen auch wissenschaftlich gut untersucht. Dankbarkeit lässt Zufriedenheit und positive Gefühle wachsen, während Sorgen verblassen. Das kann auch dem Gottvertrauen nur gut tun. Es ist so einfach, wie es klingt: Man muss sich nur dafür entscheiden.
Dankbarkeit und Lobpreis verändern die Seele, weiten sie und machen sie empfänglicher für die Gnaden des Himmels. Die menschlichen Alternativen dagegen nagen an ihr. Worauf wartet die Welt also noch? Einfach machen! Einfach danken – Gott für die Ernte, für den vollen Tisch, für die hart schuftenden Landwirten, denen wir unsere üppigen Mahlzeiten verdanken. Und warum nicht auch für das etwas zu warme Bier. Und ganz grundsätzlich, um es mit Dag Hammarskjöld zu sagen: „Dem Vergangenen: Dank – dem Kommenden: Ja!“
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