Wer ein Kind über den Weg der Leihmutterschaft bekommen möchte, hat einen langen Leidensweg hinter sich – oder einen Kinderwunsch lange vor sich hergeschoben. Dem letzten Akt – der Geburt des per Leihmutterschaft produzierten Kindes – geht in aller Regel ein mehrjähriger Prozess voraus. Sein Leben ist von Anfang an strukturiert geplant. Seine Eltern legen fest, welche genetischen Bestandteile und Verfahren zum Einsatz kommen: das eigene genetische Material oder per Katalog ausgewählte Ei- und Samenzellspender. Sie wählen eine Leihmutter aus, die das durch Befruchtung im Reagenzglas (IVF) entstandene Kind austragen soll.
Wer so viel Mühe, Zeit und Geld investiert, um ein möglichst perfektes Kind zu bekommen, ist weniger geneigt, es auch mit pränatal festgestellten Anomalien zu akzeptieren. Die Verpflichtung zur Abtreibung in einem solchen Fall ist daher Bestandteil der Leihmutterschaftsverträge. Frauen, die sich widersetzen, drohen Rechtsstreitigkeiten und Entschädigungsforderungen.
Ein hoch technisierter Prozess
Nach Vertragsabschluss folgt ein hoch technisierter Prozess mit zahlreichen Eingriffen in die frühesten Phasen menschlicher Entwicklung. Hormonstimulation, Eizellentnahme, ICSI, Kryokonservierung, In-vitro-Kultur, Embryotransfer und häufig der Einsatz fremder Eizellen unterscheiden sich grundlegend von einer natürlichen Schwangerschaftsbiografie. Sie greifen genau dort an, wo Zellen, Organe und Regulationssysteme des ungeborenen Kindes besonders empfindlich sind.
Bei allen Studien zu gesundheitlichen Risiken von Leihmutterschaftsschwangerschaften und -kindern gilt es zu bedenken, dass bei diesen Verfahren nichts dem Zufall überlassen wird. Ei- und Samenzelle werden so ausgewählt, dass genetische Vorerkrankungen möglichst ausgeschlossen sind, weitere Präimplantationstests stellen sicher, dass nur gesunde Kinder übertragen werden. Anders als bei spontanen Schwangerschaften werden die Frauen, die sich als Leihmütter zur Verfügung stellen, zahlreichen medizinischen und psychologischen Tests unterzogen. Sie müssen nachweislich mindestens ein gesundes Kind komplikationslos geboren haben. All das schränkt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse beider Verfahren – Leihmutterschaft und natürliche Schwangerschaft – deutlich ein.
Risiken für das Kind
Was jedoch verglichen werden kann, sind die Risiken, die sich im Verlauf von Zeugung und Schwangerschaft für das Kind ergeben. Bei einer Leihmutterschaft wird die Eizellspenderin hormonell stimuliert, damit mehrere Eizellen gewonnen und so mehrere Embryonen gleichzeitig produziert werden können. Es gibt Hinweise, dass die eingesetzten Hormone vier sogenannte „geprägte“ Gene epigenetisch verändern können. Störungen hier könnten die Entwicklung von Eizelle und Embryo beeinträchtigen: Wachstumsverzögerungen beim Fötus, Probleme bei der Plazentaentwicklung, gescheiterte Einnistung des Embryos, Fehlgeburten.
Das IVF-Verfahren selbst birgt die bekannten Risiken für die Kinder. Das Risiko angeborener Fehlbildungen ist bei Kindern, die mithilfe von IVF-Technologie gezeugt wurden, um etwa ein Drittel höher als bei anderen Kindern. Viele Studien legen nahe, dass Kinder, die auf diese Weise gezeugt wurden, anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind sowie Adipositas infolge von Insulinresistenz und gestörtem Glukosestoffwechsel aufweisen.
Vom Spermium zum ausgewählten Embryo
Bei Leihmutterschaften erfolgt die Befruchtung meist per ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion): Ein einzelnes, sorgfältig ausgewähltes Spermium wird mit einer feinen Nadel direkt in die Eizelle injiziert, weil dies erfolgversprechender ist – aber auch invasiver. Zudem umgeht dies natürliche Selektionsmechanismen bei der Befruchtung, was das Risiko neuer Chromosomenveränderungen beim Kind erhöhen kann.
Um das Einnistungspotenzial von Embryonen möglichst zu erhöhen, werden diese häufig bis zum Blastozystenstadium in einer Nährlösung kultiviert. Dies scheint mit nachteiligen Entwicklungen zusammenzuhängen (fehlerhafte oder geringere Einnistung, Störungen des Entwicklungstempos, geringere Embryoqualität). Die fehlende Durchwanderung der Eileiter sowie das Tiefgefrieren des Embryos vor Implantation (nicht alle produzierten Embryonen werden gleich implantiert) erhöht ebenfalls das Risiko für Fehlbildungen und Frühgeburten.
Aus den produzierten Embryonen wird ein chromosomal unauffälliger Embryo ausgewählt, um die Geburt eines Kindes mit genetischen Erkrankungen möglichst früh zu verhindern. Auch die Selektion nach Geschlecht ist möglich. Die begrenzte Forschung hierzu deutet darauf hin: In einer US-Studie mit 40 Familien schwuler Väter waren 60 Prozent der Kinder Jungen und 40 Prozent Mädchen. Die Stichprobe ist jedoch zu klein, um daraus eine allgemeine Regel abzuleiten.
Der elektive Single-Embryo-Transfer
Leihmüttern werden häufig mehrere Embryonen übertragen, um die Chancen einer Schwangerschaft zu erhöhen. So kommt es etwa achtmal häufiger zu Mehrlingsschwangerschaften, die mit deutlich höheren Risiken für Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und Präeklampsie einhergehen. US-amerikanische Fachgesellschaften empfehlen daher den elektiven Single-Embryo-Transfer.
Die gezielte Erzeugung mehrerer Embryonen, ihre In-vitro Kultur zur Auswahl und anschließend die Übertragung nur eines Embryos folgt der Logik, dass Menschen im Frühstadium ihrer Existenz nach Kriterien wie Entwicklungsverlauf, Morphologie oder genetischen Befunden bewertet und selektiert werden können. Nimmt man an, dass auch der in vitro gezeugte Embryo ein Kind ist, so besteht sein größtes Überlebensrisiko im Selektionsverfahren vor der Implantation.
Bei den meisten Leihmutterschaftsverfahren kommt eine Eizelle zum Einsatz, die nicht von der Leihmutter selbst stammt. So soll eine genetische und auch emotional engere Verbindung zum Kind vermieden werden. Die Folge ist, dass der Fötus, der bereits in einer natürlichen Schwangerschaft ein semi-allogenes Transplantat für die Mutter darstellt (nur die Hälfte seines genetischen Materials ist identisch mit dem der Schwangeren), nach einer Eizellspende ein vollständig allogenes Transplantat ist. Die Folge ist ein höheres Risiko für Fehlgeburt, Schwangerschaftshypertonie, Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht.
Pränatale Psychologie
Die besondere emotionale Situation der Leihmutterschaft kann zusätzlichen Stress erzeugen. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen mütterlichem Stress und niedrigem Geburtsgewicht beziehungsweise Frühgeburt. Säuglinge sehr ängstlicher Mütter zeigten in den ersten sieben Lebensmonaten anhaltendes Schreien sowie Reizbarkeit, unregelmäßige Körperfunktionen und Koliken. Pränataler mütterlicher Stress beeinflusst zudem das Verhalten der Kinder maßgeblich – sie wurden als antisozial und mit niedriger Frustrationsschwelle beschrieben.
Die pränatale und perinatale Psychologie zeigt, dass jeder Reiz, der im Bewusstsein des Kindes gespeichert wird, maßgeblich dessen späteres Verhalten als Erwachsener bestimmt: körperliche Gesundheit und psychisches Gleichgewicht ebenso wie die Beziehungen, die das Kind im Laufe seines Lebens eingeht. Das Bewusstsein des Embryos entwickelt sich bereits während der intrauterinen Phase, Wahrnehmung und Gefühle der Leihmutter können daher die kindliche Entwicklung erheblich beeinflussen.
Medizinisch belegt ist der Transfer verschiedener Neurohormone von der Mutter zum Fötus während der Schwangerschaft – diese sind entscheidend für die fetale Hirnentwicklung, die normale Funktion des Nervensystems sowie das spätere Selbstvertrauen und die Intelligenz des Kindes. Wenn die Mutter ein inniges Verhältnis zum Ungeborenen hat, wirkt das wie ein Katalysator auf die Mutter-Kind-Kommunikation und trägt zu wichtigen Entwicklungsschritten bei, bis hin zur späteren Sprachfähigkeit des Kindes.
Risikien bei Adoptionskindern
Aus der Adoptionsforschung ist bekannt, welchen psychischen Risiken Kinder ausgesetzt sind, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Hierzu zählen Depressionen, Angstzustände, bipolare Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und oppositionelles Trotzverhalten (ODD).
Die Schwere der Beeinträchtigung und die Höhe des Risikos, davon betroffen zu sein, hängen mit dem Adoptionsalter zusammen. Eine frühe Adoption und keinerlei Bindung an die leibliche Mutter begünstigen zwar die Situation für das Kind, stellen aber immer noch einen deutlichen Nachteil im Vergleich zum Verbleib bei den leiblichen Eltern dar.
Bei Leihmutterschaftsverfahren wird eine Familienkonstellation mit Absicht so gestaltet, dass Herkunft und Bindungen zerrissen werden. Kinder werden zur Erfüllung eines Erwachsenenwunsches instrumentalisiert und haben Folgen zu tragen, die sie selbst nie gewählt haben. Wo Elternschaft von Anfang an durch Verträge, medizinische Verfahren und die geplante Trennung eines Kindes von der Frau, die es ausgetragen hat, organisiert wird, stellt den Kinderwunsch Erwachsener über das Recht des Kindes auf verlässliche Bindungen, Kenntnis seiner Herkunft und Schutz vor vermeidbaren Belastungen.
Die Autorin ist Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e. V.
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