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„Ich war nur eine gesunde Gebärmutter“

Warum sich die erste Leihmutter der Welt von einer überzeugten Befürworterin zu einer noch entschiedeneren Gegnerin wandelte.
Storch
Foto: KI generiert | Selbstloser Storch? Die erste kommerzielle Leihmutter, Elisabeth Kane, bereute ihre Zusagen später.

Eigentlich wäre es ganz einfach. Leihmutterschaft ist Menschenhandel. Der Handel mit Menschen ist immer und überall falsch. Mehr noch: Er ist ein Verbrechen. Etwas, das ein Verbrechen darstellt, gehört verboten, jede Übertretung des Verbots sanktioniert. Immer und überall. Ausnahmslos. Punkt. Ende.

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Nur so einfach ist es leider nicht. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Sogar viel komplizierter. In ihr werden Leihmutterschaft sowie die Reproduktionsmedizin hemmungslos romantisiert. Die Hochglanzbroschüren der Babyfabriken und der Agenturen, die Leihmutterschafts-Arrangements offerieren, fluten die Hirne potenzieller Kunden mit Bildern kerngesunder und vor Glück strotzender Familien. Bilder, auf denen Bestelleltern und Kinder um die Wette strahlen und von der Qual zu erlösen versprechen, die Kinderlosigkeit für manche auch bedeuten kann.

Die Frau, die all das ins Rollen gebracht hat, dachte anfangs ganz ähnlich. Als Elizabeth Kane, wie sich die erste Leihmutter der Welt zum Schutz der wahren Identität ihrer Familie nannte, im Jahre 1979 bei einer Klinik in Louisville, Kentucky, meldete, da wollte die damals 37-jährige Mutter von drei Kindern lediglich einem unfruchtbaren Paar zu einem Kind verhelfen. Wie Kane in ihrer zehn Jahre später erschienenen Autobiografie „Birth Mother – The Story of America’s First Legal Surrogate Mother“ schreibt, war ihr der Altruismus praktisch in die Wiege gelegt worden. Als zweitälteste von vier Geschwistern wuchs sie in einem streng lutherischen Mittelklasse-Haushalt im Mittleren Westen auf. Ihre Eltern hätten sie und ihre Geschwister dazu erzogen, „zu geben und mit anderen zu teilen, auch wenn das persönliche Opfer“ erfordere.

Die Antwort auf jede Frage? Vertragsbruch

Nach dem Verlassen der Schule absolviert Kane eine Ausbildung zur Arzthelferin und „begann das Gefühl zu verinnerlichen, dass Ärzte“ gewissermaßen Halbgötter und „allen anderen überlegen“ seien. Wenn sie ihrem Chef Nachrichten überbringen muss, schleicht sie sich auf Zehenspitzen in sein Büro und entschuldigt sich anschließend für die „Störung“. Sie leistet „bereitwillig unbezahlte Überstunden“ und betrachtete die Ärzte, mit denen sie zusammenarbeitet, „als säßen sie zur Rechten Gottes“.

Der Reproduktionsmediziner Richard Levin, dessen Klinik in Louisville eine Leihmutter suchte, hatte also leichtes Spiel. Wie Kane schreibt, hätte ihr „Babyvermittler“, sie „bitten können, über glühende Kohlen zu laufen, und ich hätte mich bereitwillig dazu bereit erklärt. Leider wusste er das bereits 15 Minuten, nachdem ich sein Büro für die ersten Gespräche betreten hatte.“

Sechs Wochen später war sie mit ihrem Mann erneut in Louisville, um sich medizinischen und psychologischen Untersuchungen zu unterziehen. „Niemand sprach darüber, was ich meinen drei Kindern sagen sollte oder wie sie sich fühlen würden, wenn sie sich am Ende von ihrem Bruder trennen müssten. (…) Ihre Hauptsorge schien meine Fähigkeit zu sein, meine elterlichen Rechte aufzugeben. Ich weiß heute, dass sie mich lediglich als Fortpflanzungsinstrument betrachteten, einschließlich der 23-jährigen Anwältin (…). Jedes Mal, wenn ich eine Frage stellte oder darauf bestand, das Vertragspaar kennenzulernen, drohte sie mir ununterbrochen mit ,Vertragsbruch‘. Ich war nur eine gesunde Gebärmutter ohne Verstand und ohne Herz.“

Die totale Instrumentalisierung

Es dauert einige Monate, bis Kane klar wird, „dass das auftraggebende Paar und Dr. Levin“ sie „vom Hals abwärts in ihrer Gewalt hatten. Mir wurde gesagt, ich dürfe zum Abendessen kein Glas Wein trinken, ich dürfe nicht rauchen und nicht einmal ein Aspirin gegen Kopfschmerzen einnehmen – ohne die schriftliche Zustimmung von Dr. Levin, der 350 Meilen entfernt wohnte.“ Sie unterzieht sich „zahlreichen Blutuntersuchungen, Ultraschalluntersuchungen und einer Fruchtwasseruntersuchung, um dem Paar ein makelloses Kind zu garantieren.“

Levin tut aber noch mehr. Er vermarktet die erste Leihmutterschaft der Welt auch medial. „Auf Wunsch von Dr. Levin war ein männlicher Fotograf des People-Magazins während der gesamten Befruchtung anwesend; er versprach mir, dass die Bilder niemals veröffentlicht würden, sondern ausschließlich für Dr. Levins persönliches Fotoalbum bestimmt seien.“ Doch das war gelogen. Am 14. April 1980 publiziert das People-Magazin die Sensation in Wort und Bild. Darunter ein ganzseitiges Foto von Kane, auf dem sie mit gespreizten Beinen zu sehen ist und der Krankenschwester, die die Insemination durchführte, die Hand schüttelt.

Zwei Wochen später tritt Kane mit Levin in der „Phil-Donahue-Show“ im US-Fernsehen auf. „Ich strahlte vor warmherzigen Gefühlen für das werdende Paar und das gesamte Konzept der Leihmutterschaft. Ich war völlig unfähig, mich zu wehren oder gar Dr. Levins zunehmende Kontrolle über mich zu erkennen. (…) Er prüfte alle Anfragen von Medienvertretern und rief mich an, um mir mitzuteilen, wo ich auftreten sollte. Damals ahnte ich noch nicht, dass das Fototagebuch, das er über die Schwangerschaft führte, und die Videokamera, die er im Kreißsaal aufgestellt hatte, von seinem Agenten an Medien weltweit verkauft werden würden. Ich hatte keine Ahnung, dass bei meinem nächsten Auftritt in der Phil-Donahue-Show, nur wenige Wochen nach der Geburt, ein Video gezeigt werden würde und ich gezwungen sein würde, auf der Bühne zu sitzen und mir selbst bei der Geburt zuzusehen.“ Damit nicht genug: Bei der Geburt wimmelte es im Kreißsaal geradezu vor „Gästen“, die Levin eingeladen hatte, um dem „historischen Ereignis“ beizuwohnen, darunter „seine Frau, seine Sekretärin und sein Cousin“.

Aber schlimmer als die vielen Demütigungen war für Kane die Trennung von ihrem Sohn: „Ich hatte mir eingeredet, dass eine hingekritzelte Unterschrift auf einem Vertrag garantieren würde, dass ich mein Kind niemals lieben würde. Während der gesamten Schwangerschaft sagte ich mir täglich, dass dieses Kind nicht mein eigenes sei – Worte, die mein Babyvermittler häufig wiederholte. Die Tatsache, dass dieses Paar bereits einen adoptierten Sohn hatte und nicht kinderlos war, störte mich nicht, bis ich herausfand, dass es der Samenspender war, der davon besessen war, ein leibliches Kind zu haben.

Seine Frau war mit dem Sohn zufrieden, den sie gemeinsam adoptiert hatten. Es tat mir weh für sie, als sie mir erzählte, wie leer sie sich fühlte, weil sie wusste, dass ihr Mann eine Leihmutter engagieren musste, um seine Fruchtbarkeit zu beweisen. Er hatte ein Kind gewonnen, das zuvor nur in seiner Vorstellung gelebt hatte, und ich hatte einen Sohn verloren, der achteinhalb Monate lang Teil meines Lebens gewesen war. Doch selbst nach der Entbindung konnte ich meine Trauer darüber, meinen Sohn an eine völlig Fremde abgeben zu müssen, nicht zugeben.“

Nach der Geburt schickt Levin Kane weiter quer durch das Land, um „über die Vorzüge des Daseins als Leihmutter zu sprechen“. Doch Kane steht das nicht lange durch. „Sieben Monate später war es mir unmöglich, mich noch einmal vor eine Fernsehkamera oder einem Zeitungsreporter zu stellen. Ich sagte ihm, dass ich nicht länger zur Verfügung stehen würde, um für sein Geschäft zu werben. Gleichzeitig erhielt ich Fotos von einem wunderschönen Säugling mit braunen Augen und pausbäckigen Wangen. Er sah nicht mehr ganz so aus wie sein Vater, wie es zum Zeitpunkt der Geburt der Fall gewesen war. Stattdessen war die obere Hälfte seines Gesichts identisch mit meiner. Erst da wurde mir bewusst, dass er auch mein Sohn war. Er würde meine Gene von einer Generation zur nächsten weitergeben. Und ich hatte das Recht, ihn wiederzusehen, gegen 11 500 Dollar eingetauscht.“

Erst Verzweiflung, dann Wende

Kane, deren Familie inzwischen in Trümmern liegt, versinkt in einer tiefen Depression. „Ich begann, Selbstmord als einzigen Ausweg in Betracht zu ziehen, um meine Familie von der Schande zu befreien, die sie während meiner Schwangerschaft erlitten hatte. Die emotionalen Narben, die wir alle davongetragen hatten, waren offensichtlich und sind es bis heute noch. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie ohne mich in eine andere Kleinstadt ziehen und von vorne anfangen könnten. Niemand müsste jemals erfahren, dass sie mit Elizabeth Kane verwandt waren.“

Glücklicherweise kommt es dazu aber nicht. Kane findet Wege aus der Verzweiflung. „Als mein Sohn zwei Jahre alt war, beschloss ich, Gott für die drei Kinder zu danken, die ich zu Hause hatte, anstatt um den Sohn zu trauern, den ich nie sehen würde. Ich zwang mich dazu, mich aktiv am Gemeinschaftsleben zu beteiligen, Aerobic-Kurse zu besuchen, um meine Figur zurückzugewinnen, und Karate- sowie Fallschirmsprungkurse zu belegen, um mein Selbstwertgefühl wiederzuerlangen. Ich kehrte zu den Abendkursen an der Universität zurück, um mir durch die Einser, die ich erzielte, zu beweisen, dass ich doch nicht dumm war.“

Am Ende findet sie auch eine neue Aufgabe. Von einer überzeugten Anhängerin der Leihmutterschaft wandelt Kane sich zu einer noch entschiedeneren Gegnerin. Als 1985 das erste von einer Leihmutter in Großbritannien geborene Baby zur Welt kommt, fliegt sie nach England, um sich dort gegen die „reproduktive Prostitution“ auszusprechen. Später schließt sie sich der von Jeremy Rifkin und Mary Beth Whitehead 1987 in Washington gegründeten National Coalition Against Surrogacy (NCAS) an, die sich für ein Verbot von Leihmutterschaftsverträgen in den USA einsetzt.

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