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Trost der Erinnerung

Der Lyriker und Weltenbummler Joachim Sartorius wird 80. Sein neuer Gedichtband ist durchzogen von gar nicht so leiser Melancholie.
Mnemosyne
Foto: imago stock&people | Mnemosyne, die griechische Göttin der Erinnerung: Sie hütet auch den Gedächtnisschatz all jener Ereignisse, an denen wir uns im Alter festhalten. Foto: Imago/Itar-Tass

Wenn du alt bist / hast du nur zu viel gesehen / Scherben noch und noch und / Medusen, die Brunnen suchen / Ach, könnten wir die Augen schließen / sie wieder öffnen sehen
ach, könnten wir sehen
das Licht in der Luft / die Muster der Felsen / den Leuchtstoff der Erde / all das und das Meer:
Die ganze / jenseits des Menschen / vorhandene funkelnde Welt“

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Es ist ein Buch der Trauer geworden. Eine gar nicht so leise Melancholie zieht sich durch den neuen Gedichtband von Joachim Sartorius, der am 19. März 80 Jahre alt wird. Alt kann man ihn nun wohl nennen, und gesehen hat der Weitgereiste gewiss mehr als die meisten Menschen – der Diplomat, Jurist, Intendant, Lyriker und Übersetzer ist in Tunesien, dem Kongo und in Kamerun aufgewachsen, hat auch später in verschiedenen Ländern gelebt und zahlreiche bereist. Seine literarischen Werke zeugen von umfassender Bildung und einer kindlichen Neugier, das Gelesene mit allen Sinnen selbst zu erfahren.

Sartorius lässt das aktuelle Buch mit den „Gegenständen des Arbeitszimmers“ beginnen, die sein Schreiben inspirieren und beflügeln und denen er sich in Form eines sechsstrophigen Poems nähert: einer alten Schautafel aus Budapest, einer bronzenen Eidechse, der schwarzen Bakelitdose, die alles Wichtige aufnimmt, wenn es nur hineinpasst. Den Karton mit alten Fotos, die sein jüngeres Selbst an den verschiedenen Orten seines Daseins hervorzaubern: „(...)Und wo man überall gewesen war! / Unglaublich, was alles in ein Leben passt! / Und diese vom Durst benommenen Augen / in einem fortundfortwährenden Abschied. (...)“

Eine Strophe ist elf bunten Gebetsketten und ihren Herkunftsorten gewidmet, Bernsteinperlen aus Damaskus, Korallen aus Istanbul, „(...) Manche Schund, manche wertvoll / Muslimisches Anbetungszubehör (...)“ Fünf arabische Fatima-Hände aus Silber aus Tunis, Gabès, Tozeur, Tanger, Fez: „(...)Sie schützen vor dem bösen Blick. / Kein Dschinn an meinem Totenbett.“
Der Tod ist allgegenwärtig – zwar nicht willkommen, doch beiseiteschieben lässt er sich nicht, auch nicht mit feiner Selbstironie, wie sie etwa in den „Osmosen von Messina“ zelebriert wird: „(...) Ich atme schwer. Wer Zitronen trägt, / sagen sie hier, kann nicht sterben, / kann nicht müde werden. So pflücke ich / Zitronen, trage ihrer viele, schneide sie auf, / sauge sie aus. (...)“

Sizilien, die zweite Heimat von Joachim Sartorius, verfügt über noch weitere schöne geflügelte Worte, die sich in ein Gedicht fassen lassen. „Gott auf sizilianisch“: „Hagel: Gott schüttelt sein Sieb. / Donner: Gott beschlägt sein Pferd. / Wein: Was von Gottes Rausch übrig blieb. / Berge: Von Gottes Sohlen berührt. / Bucht: Gott tanzt in langsamen Bögen. / Gott: Der Himmel weiß nicht ein noch aus.“

Das Kapitel „Krieg“ spricht eine andere Sprache. Schmerz und Zorn über die sinnlose Zerstörung und Vernichtung von Menschenleben, Bau- und Kunstwerken und aller Schönheit brechen hervor in einem eindeutigen expressionistischen Aufschrei: „So weit sind wir schon“:

„(...) Soldaten schneien in schwarzen Klumpen / über die Straße. Krieg macht die Stiefel rot. / So weit sind wir schon: Dass Fetzen / Himmel in die Hosentasche passen. (...) Dass du / das Schloss des Auges nicht mehr öffnen kannst.“
Ein Buch der Trauer, Trauer über die Vergänglichkeit alles Lebendigen, Schönen und Wertvollen, das die Schöpfung hervorgebracht hat, bei allem Wissen darüber, dass wir ohne Grausamkeit und Zerstörung die paradiesischen Augenblicke nicht erkennen könnten. Dass diese immer wieder hoffnungsvoll aufscheinen im Dunkel der Nacht, in einem ewigen Kreislauf, gab dem Buch den Titel: „Die besseren Nächte“. Im gleichnamigen Gedicht (im Abschnitt „Lebenskarten für den Abend“) öffnet der Dichter seine Seele – die besten Nächte sind die, „in denen ein Gedicht gelingt“, aber: „Am besten die Nächte, / in denen eine Berührung gelingt: / Dann hat das unablässige Fragen, Zweifeln / ein Ende, Haut wird wirklich und Wärme auch. / Und es ist alles nicht mehr umsonst.“

Das ist ein Trost. Ein weiterer, universaler, findet sich im letzten großen Epos (nach den Kapiteln „Wir sind Streuner“ und „Mein Pantheon“) „Coda. Gedächtnis des Mittelmeeres“, das die Wiege aller Zivilisation an den Gestaden des Mittelmeeres verortet – in der legendären Bibliothek von Alexandria, in Homers Griechenland, der Odyssee, bei den Römern und dem „Diwan des Ibn Hamdis“: „es mag heute gebeutelt sein, halb vergessen, von Reibungen angenagt, / und doch leuchtet es./ Es ist da. Es tritt durch die große Tür. Es umarmt uns.“

Joachim Sartorius hat ein weises, kluges und trotz aller Melancholie nicht zuletzt auch ermutigendes Buch geschrieben. In seinen schönen Versen spiegelt sich die Erinnerung an das persönliche, überaus erfüllte, facettenreiche Leben wider; sie öffnen aber auch dem Leser ein Fenster in den eigenen Schatz der Erinnerungen, den es zu heben lohnt. „Das Gedicht umkreist ein Erinnerungshaus,“ schreibt Sartorius in seinem Nachwort: „Es schreitet alle Zimmer eines Gebäudes ab, das es nicht mehr gibt, bis hin zu dem Raum zur Aufbewahrung der Schatten. Dieser Raum ist das Herzstück eines Gedichtbuches.“

Joachim Sartorius: Die besseren Nächte, Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2026, 80 Seiten, gebunden, EUR 22,–

Die Rezensentin hat über 30 Jahre bei den Berliner Festspielen im Pressebüro und als Protokollchefin gearbeitet. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.

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