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„Syrien ist heute ein islamistischer Staat“

Das armenische Christentum dünnt an der Levante immer mehr aus. Der Iran spielt da eine überraschende Rolle.
Die orthodoxe Mar-Elias-Kirche von Damaskus
Foto: IMAGO/Sally Hayden / SOPA Images (www.imago-images.de) | Nach dem Krieg zermürbt nun die wachsende Bedrohung durch gewalttätige Islamisten Syriens Christen. Die orthodoxe Mar-Elias-Kirche von Damaskus wurde im Vorjahr attackiert, 25 Menschen wurden ermordet.

Eines der ältesten christlichen Völker der Welt ist heute auf vielfache Weise in existenzieller Gefahr: das armenische Volk, das nur zum geringeren Teil – rund drei von zehn Millionen – in Armenien selbst lebt, in schwindender Zahl auch in seinen angestammten Siedlungsgebieten in der heutigen Türkei und in Nahost, aber zunehmend in der Diaspora in den USA, in Russland oder Frankreich. Das spätantike Königreich Armenien, auf dessen Boden schon zwei Apostel missioniert hatten, nahm im Jahr 301 das Christentum offiziell als Staatsreligion an, knapp vor Georgien und Äthiopien, aber lange vor dem Imperium Romanum. Seither sind Völkerwanderungen und Völkermord, Staatsgründungen und Staatszerfall über das Siedlungsgebiet der Armenier hinweggegangen.

Am dramatischsten in der Geschichte dieses christlichen Volkes war der Genozid 1915/16 im Osmanischen Reich, bei dem rund 1,5 Millionen Armenier ermordet wurden oder zu Tode kamen. Viele Armenier flohen damals in die syrische Wüste, wo die Araber „ihre Türen öffneten und ihr tägliches Brot mit uns teilten“, wie der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, im Gespräch formuliert. Doch gerade hier, im traditionell multireligiösen Syrien, wo Staat und Gesellschaft vor 2011 stolz darauf waren, Heimat für Christen wie Muslime zu sein, ist das Christentum in einem Überlebenskampf. Etwa 350.000 christliche Armenier lebten im Jahr 1950 in Syrien, bei Kriegsausbruch 2011 dürften es noch rund 120.000 gewesen sein. Heute zählen die armenisch-apostolischen Diözesen von Aleppo und Damaskus noch etwa 15.000 Gläubige.

Kein Platz für religiöse Toleranz

Unter Hafiz al-Assad und seinem Sohn Bashar, die zusammengerechnet von 1970 bis 2024 an der Macht waren, habe es weder Verfolgung noch Hass aufgrund von Religionszugehörigkeit gegeben, sondern lediglich Verfolgung aus politischen Motiven, bestätigt der Bischof: „Niemand wurde marginalisiert wegen seiner Religion.“ Doch in der Ideologie des neuen, islamistischen Regimes gibt es keinen Platz für religiöse Toleranz. Bischof Armash räumt ein, dass es bislang kein Dekret oder Gesetz gibt, das die Kirche direkt behindert, und dass der neue Präsident Al-Sharaa die Christen sogar als „Teil dieses Landes“ bezeichnete. Doch in der syrischen Regierung gibt es nur eine christliche Ministerin – die einzige Frau der Regierung repräsentiert zugleich die christliche Minderheit; im Parlament sind nur sechs der 210 Abgeordneten Christen. „Wir wurden marginalisiert“, so Bischof Armash.

Eine systematische Christenverfolgung gibt es in Syrien bisher nicht, aber sich mehrende „Einzelfälle“ von Gewalttaten und Übergriffen – und viel Kriminalität, bei der die Polizei wegschaut und die Gerichte untätig bleiben. Die Regierung in Damaskus setzt auf die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung, durchsetzt die Verwaltung mit Islamisten, die nichts anderes kennen als Koranstudien, entlässt qualifiziertes Personal. „Die Christen fragen sich: Wo ist unser Platz?“, erzählt der Bischof. Und immer mehr sind nach 14 Jahren des Krieges und bald zwei Jahren islamistischer Herrschaft müde: „Wir haben hier keine Zukunft!“

Droht die kulturelle Auslöschung?

Hatten viele Bischöfe im Orient bislang ihre Gläubigen fast flehentlich bedrängt, in der Heimat zu bleiben, so agiert Armash Nalbandian zurückhaltender: „Ich kann ihnen nicht helfen. Es ist eine private Entscheidung.“ Wenn ihr Bischof nach Europa reist, fragen seine Gläubigen, ob er ihnen Visa organisieren könne. Und manche syrischen Armenier besorgen sich neben dem syrischen auch einen armenischen Pass, wofür eine armenische Taufurkunde ausreicht – aber nicht, um nach Armenien auszuwandern, sondern um in den Westen zu gelangen. Das kann zur Falle werden, denn mitunter schieben europäische Staaten diese Leute dann nach Armenien ab, wo sie nie gelebt haben und niemanden kennen.

Schlimmer noch: Die levantinischen Armenier sprechen Westarmenisch, können also das in Armenien und Russland verbreitete Ostarmenisch kaum verstehen; zudem ist ihre Mentalität – anders als im Kaukasus – nicht von der postsowjetischen, sondern von der arabischen Gesellschaft geprägt.
Bischof Armash versucht, den im Süden Syriens verbliebenen armenischen Christen nach Kräften zu helfen, etwa beim Schulgeld für die christliche Privatschule, bei der Grundversorgung mit Essen, Medikamenten und Renten- oder Mietzuschüssen. Aber die Spenden für Syrien sind nach Kriegsende im Dezember 2024 eingebrochen; der Westen anerkennt, ja hofiert die neue syrische Regierung.

Armash Nalbandian ist armenisch-apostolischer Bischof von Damaskus
Foto: Stephan Baier | Armash Nalbandian ist armenisch-apostolischer Bischof von Damaskus. „Die Tagespost“ sprach mit ihm am Rande einer Tagung in Salzburg.

Von einer „ungewissen Zukunft“, von Christen „zwischen Hoffen und Bangen“ sprach Bischof Armash Nalbandian in Salzburg bei einer Veranstaltung der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO). Auf dem Spiel steht das Christentum in einem Land, in dem der Glaube bereits in apostolischer Zeit blühte und in dem auch die christlichen Armenier seit Jahrhunderten tief verwurzelt sind. Auf die Jahrzehnte nach dem Genozid von 1915 zurückblickend, sagte der Bischof: „Wir haben dieses Land mitaufgebaut, das uns einst gerettet hat.“ Heute erlebe man „eine zweite Vertreibung und kulturelle Auslöschung“.

Vertrauen in die neuen Machthaber ist begrenzt

Müssen die Enkel derer, die einst als Flüchtlinge in dieses Gebiet kamen, nun selbst aus Syrien flüchten? Bisher habe die relative Stabilität, der Wohlstand der armenischen Mittelklasse und die kulturellen wie kirchlichen Entfaltungsmöglichkeiten seine Leute im Land gehalten, meint Bischof Armash. „Aber das Vertrauen in die neuen Machthaber ist bei den Christen begrenzt.“ Deren islamistische Vergangenheit ist ebenso bekannt wie die jüngsten Grausamkeiten gegen Alawiten, Drusen und Kurden. Er selbst will „abwarten, mit den Behörden sprechen, schauen, was geschieht“.

Bei vielen Christen aber seien die Angst und der Leidensdruck zu groß. „De facto ist Syrien heute ein islamistischer Staat; es gibt keine Religionsfreiheit.“ Die Christen vieler Konfessionen, darunter die Gläubigen der Armenisch-Apostolischen Kirche, sehen Syrien als Heimatland, doch sie haben keine gleichen Rechte und Mitwirkungsmöglichkeiten beim Aufbau des neuen Syrien. „Die Christen werden geduldet, solange sie sich unsichtbar machen“, sagt der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus.

Sorgen macht den Christen in Syrien nicht nur das straflose Agieren gewalttätiger Islamisten, sondern auch der wahrnehmbare Einfluss des Nachbarlandes Türkei. Ankara hatte bereits beim Regimewechsel im Dezember 2024 die Finger im Spiel. Heute sind türkische Unternehmen am Wiederaufbau des Landes beteiligt, der türkische Außenminister und der türkische Geheimdienst üben einen starken Einfluss auf Damaskus aus.
„Wenn die Welt weiter wegschaut, wird das armenische Christentum in Syrien bald Geschichte sein“, sagt Bischof Armash. Mehr noch: „Das Schicksal der syrischen Christen steht auf Messers Schneide!“ Im Gegensatz zu den orthodoxen, melkitischen, syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christen des Landes haben die armenischen Christen ein Mutterland, auch wenn Mentalität und Sprache sie mehr trennen als einen. Zehntausende Westarmenier aus Syrien und dem Libanon hat Armenien bereits aufgenommen.

Vandalismus und Anfeindungen

Laut der österreichischen Armenologin Jasmine Dum-Tragut leben im Libanon heute noch maximal 60.000 Armenier, in Jordanien und Israel jeweils rund 3.000, in der Türkei höchstens 80.000. Vor dem Genozid von 1915 lebten 2,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich. Sie bilden heute die größte der vielen kleinen christlichen Konfessionen, die in der Türkei nur im Promillebereich liegen. An der Levante, wo Armenier seit Jahrhunderten präsent sind und in der Kreuzfahrerzeit das Königreich Kilikien hatten, dünnt die armenische Präsenz aus. Zwar arbeiten die drei armenischen Konfessionen (neben der Armenisch-Apostolischen Kirche gibt es eine armenisch-katholische und eine kleine armenisch-evangelische Kirche) in Nahost in Bildungs- und Sozialeinrichtungen eng zusammen, doch haben sich die politischen Rahmenbedingungen dramatisch verschlechtert.

Die armenischen Patriarchate von Jerusalem und Konstantinopel sehen sich mit Vandalismus und Anfeindungen konfrontiert – seitens ultraorthodoxer Juden in Jerusalem wie seitens türkischer Nationalisten in Istanbul. Nicht nur in der von Aserbaidschan 2023 gewaltsam eroberten armenisch besiedelten Region Berg-Karabach (Arzach), sondern auch in der Türkei werden armenische Kirchen und Friedhöfe mehrheitlich dem Verfall preisgegeben oder gar vorsätzlich zerstört.

Die Bedrängnis der levantinischen Armenier ist von doppelter Tragik, denn sie sind sich des christlichen Erbes ihres Volkes oft bewusster als ihre in Armenien lebenden Landsleute, die das schwere Erbe des atheistischen Sowjetkommunismus tragen. Experten meinen, dass libanesische oder syrische Armenier kirchlich gebundener und religiös gebildeter seien, ja auch ihrer Liturgie sprachlich wie inhaltlich eher folgen könnten als durchschnittliche Armenier in Armenien selbst. Sehr lebendige armenische Diözesen gibt es aber auch im Iran, dem „einzigen Nachbarland mit stabil guten Beziehungen zu Armenien“, wie Jasmine Dum-Tragut formuliert.

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Stephan Baier Bischöfe Christen Hafiz al-Assad Muslime

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