Herr Rötzel, was hat Sie auf die Idee gebracht, Allerheiligen als christliches Kinderfest und Alternative zu Halloween anzubieten?
Vor zwei Jahren wurde in der katholischen Kita, die unsere beiden Kinder besucht haben, Halloween zum Thema. Das hat uns zunächst irritiert, weil wir uns bewusst für eine katholische Einrichtung entschieden hatten. Im Gespräch erklärte uns die Leiterin dann, woher „Halloween“ kommt: „All Hallows’ Eve“ ist der Vorabend von Allerheiligen. Daraus entstand mit der Kita die Idee für ein Verkleidungsfest, bei dem die Heiligen im Mittelpunkt stehen. Ich habe Abbé Thomas Diradourian, den leitenden Pfarrer, gefragt, ob wir daraus etwas für die ganze Gemeinde machen könnten. Er war sofort offen dafür und so kam es zur Allerheiligen-Aktion in Neviges.
Welche Reaktionen haben Sie darauf erhalten?
Ein paar Familien waren allein durch die Werbung auf uns aufmerksam geworden. Von ihnen kam die Rückmeldung: Endlich gibt es am 31. Oktober auch etwas für Kinder, die sich zwar gerne verkleiden wollen, aber gerade vor dem Horror bei Halloween zurückschrecken. Das Gleiche gilt für Eltern, denen Halloween mittlerweile viel zu kommerziell und inhaltlich zu dürftig erscheint und die nun in der Gemeinde ein ebenso buntes und unterhaltsames, aber wertebezogenes und kindgerechtes Fest gefunden haben.
Wie können Sie Kinder, die bereits lesen können, und solche, die noch im Kindergarten sind, gleichzeitig vorbereiten?
Wir setzen bei dem an, was Kinder jeden Alters sehen und anfassen und auch in der Bildsprache begreifen können. Ein Mantel, ein Korb oder ein Lichterkranz geben ihnen einen Anhaltspunkt, noch bevor sie den Namen der Heiligen kennen. Das greift ein wenig auf, wie im Mittelalter Bilder und Figuren biblische Geschichten und Heiligenlegenden ebenso Menschen nahebrachten, die nicht lesen konnten. Beim heiligen Georg beispielsweise steht neben dem Kind im Ritter-Kostüm ein Erwachsener als Drache mit im Raum. Ein Kindergartenkind kann auf ihn zeigen und fragen, warum er da ist. Ein älteres Kind kann weitererzählen und darüber nachdenken, wofür der Drache steht. Beide kommen über dasselbe Bild ins Gespräch. Ältere Kinder erarbeiten in der Grundschule mit unserem Material für die Primarstufe schließlich, dass der Drache nur eine Allegorie für die Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian ist und dass der heilige Georg auch nur deshalb als Ritter dargestellt wird, obwohl er wohl „nur“ ein Märtyrer war.

Wie vermitteln Sie Kindern, dass Heilige echte Vorbilder sind?
Vor allem im Grundschulalter lässt sich die Nachfolge Jesu besonders gut an konkreten Geschichten zeigen, und durch die Taufnamen ist ein emotionaler Bezug oft schon grundgelegt. Heilige haben in ganz unterschiedlichen Zeiten und Lebensumständen versucht, das Evangelium zu leben. Unsere Tochter Elisabeth konnte etwa erzählen, dass Elisabeth von Thüringen entgegen den Konventionen des damaligen Adels den Armen in ihrer Grafschaft zu essen gab. Zudem liegen manche Heiligengeschichten des 19. und 20. Jahrhunderts für Kinder näher an ihrer eigenen Welt als die Lebenswelt Jesu vor 2000 Jahren. An ihnen können sie entdecken, was es heute für sie selbst etwa heißen könnte, selbstlos zu teilen oder mutig jemandem beizustehen. Viele Heilige sind für Kinder somit Vorbilder „niederschwelligen“ gottgerechten Handelns im Alltag.
Erreichen Sie damit auch eine katechetische Wirkung auf die Eltern?
Nach zwei Durchgängen können wir noch nicht beurteilen, ob sich bei den Eltern etwas an ihrer Glaubenspraxis oder an ihrem Bild von Kirche verändert hat. Aber wer sein Kind begleitet, erlebt selbst einen kindgerecht gestalteten Gottesdienst und danach die Gemeinde beim gemeinsamen Feiern. Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem „Tag der offenen Tür“ an Schulen. Man kommt zunächst wegen seines Kindes und merkt vielleicht, dass man auch selbst wiederkommen möchte. Gerade wenn im eigenen Umfeld wenige zur Kirche gehen, kann es den Einstieg erleichtern, gemeinsam mit anderen Familien da zu sein.
Haben auch Ungetaufte Interesse?
Das lässt sich bisher nicht verlässlich bestätigen. Beim späteren „Party-Teil“ erfahren wir im Gespräch, was die Familien neugierig gemacht hat und wie sie von der Aktion gehört haben. Ob ein Kind getauft ist, fragen wir dabei nicht ab. Wir hoffen, dass auch ungetaufte Kinder und ihre Familien über das Fest einen Zugang zur Kirche finden. Aus solchen Begegnungen kann mit der Zeit der Wunsch nach der Taufe und nach den weiteren Sakramenten wachsen.
Welche Reaktionen bestärken Sie darin, dass die Aktion sinnvoll ist?
Ich denke an eine Familie, die über unsere Kita von der Aktion erfahren hatte. Ihre Kinder erlebten eine Gemeinde, in der die Priester mit ihnen beteten, ihnen die Heiligen nahebrachten und beim gemeinsamen Spielen Humor zeigten. Besonders hat mich gefreut, wie die Kinder sich gegenseitig mit ihrer Begeisterung ansteckten. Das Gemeinschaftsgefühl reichte über diesen Nachmittag hinaus, bis hin zu gemeinsamen wiederkehrenden Messbesuchen. Für mich hat das etwas Missionarisches. Eine vertraute Kita kann den ersten Kontakt vermitteln. Was dann trägt, ist die Erfahrung der Kinder, dass sie in der Gemeinde willkommen sind und dort mit anderen etwas erleben, das sie verbindet.
Simon Rötzel ist 50 Jahre alt, katholisch, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seit 2005 ist er als Lehrer an einer Gesamtschule in Wuppertal tätig. In der Gemeinde „Maria, Königin des Friedens“ in Neviges leitet er die Projektgruppe „Allerheiligen-Aktion“.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









