Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Podiumsdiskussion in Salzburg

Interreligiöser Dialog: Den sich offenbarenden Gott gemeinsam bezeugen

Interreligiöser Dialog war das Thema einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion des St.-Georgs-Ordens in Salzburg. Dabei wurde auch die weltpolitische Lage in den Blick genommen.
Israelitische Kultusgemeinde
Foto: Neumayr | Sie diskutierten: Erzbischof Franz Lackner, Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler, der Österreich-Korrespondent der Tagespost, Stephan Baier, als Moderator, Heinz Anwalter und Weihbischof Wolodymir Hruska (v.l.n.r.).

„Sicherheit durch Einheit - Einheit in Verschiedenheit“ - unter dieser Überschrift veranstaltete der St.-Georgs-Orden Ende vergangener Woche eine Podiumsdiskussion in Salzburg mit dem Oberthema „Interreligiöser Dialog“. Dass die Frage danach, wie so ein Dialog angesichts der weltpolitischen Lage gelingen kann, höchst aktuell ist, scheint offensichtlich. Dass sie aber auch auf der Agenda des St. Georgs-Ordens steht, des europäischen Ordens des Hauses Habsburg-Lothringen, ist zumindest auf den ersten Blick nicht für jeden selbstverständlich.

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Dabei war die Bevölkerung Österreich-Ungarns multi-religiös, in der Armee des Reiches gab es Feld-Rabbiner und Feld-Imame. Baron Vinzenz von Stimpfl-Abele, Prokurator des Ordens, hob deswegen hervor, dass auch künftig „Interreligiöser Dialog“ in Veranstaltungen aufgegriffen werden solle. Dieser Meinung sei auch der Großmeister des Ordens, Karl von Habsburg-Lothringen, der aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht anwesend sein konnte. 

Vergessen, dass sie Gott vergessen haben

Was geschieht, wenn die Menschen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben? Diese Frage zielt nicht nur auf eine Antwort ab, in ihr steckt auch eine Zustandsbeschreibung. Welche Folgen dieses doppelte Vergessen nach sich zieht, ist beim Blick in die westlichen Gesellschaften bereits zu spüren. 

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner
Foto: Neumayr | Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz.

Wohl auch deswegen hat der Salzburger Erzbischof Franz Lackner schon öfter diese Formel verwandt. Und auch an diesem Abend nutzt der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz sie, um auf eine Angst hinzuweisen, die ihn umtreibt: „Ich sehe die große Gefahr, dass wir in eine Gottesfinsternis entgleiten.“ Gleichzeitig eröffnete Lackner daran anknüpfend aber auch eine Perspektive für den interreligiösen Dialog. Alle großen monotheistischen Religionen vereine das Wissen darum, dass Gott sich den Menschen offenbare. Sie verbinde die Aufgabe, dieses Wissen von diesem Gott wachzuhalten, „der zu uns gesprochen hat“.

Das Wissen um und der Glaube an diesen Gott schaffe die Hoffnung auf einen „Gerechtigkeitsraum für alle diejenigen, die zu Unrecht sterben mussten“. Was der Erzbischof damit meint, illustrierte er an einem Erlebnis bei seinem Besuch auf einem Friedhof im ukrainischen Lemberg im Sommer des Jahres 2022. Dort traf er auf eine Mutter, die am Grab ihres gerade gefallenen, vielleicht 25-jährigen Sohnes trauerte. „Da hat mich eine Sehnsucht erfasst: ,Lieber Gott, lass es bitte wahr sein.' Diese Sehnsucht wird zu wenig gefühlt.“ Die monotheistischen Religionen könnten hier gemeinsam Zeugnis abgeben von der Wirklichkeit des sich offenbarenden Gottes.

Die religiöse Dimension des Ukraine-Kriegs

Welche Bedeutung der Religion in der aktuellen Situation in der Ukraine zukomme, zeigte Wolodymyr Hruza auf, griechisch-katholischer Weihbischof von Lemberg. Einmal sei da die gefährliche Instrumentalisierung von Religion durch den Moskauer Patriarchen Kyrill für den russischen Imperialismus. Hier zeige sich das Zerrbild von Religion. Dann aber seien da auch die vielen seelsorgerlichen Aufgaben, die sich der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine angesichts von Not in Folge des Angriffskrieges stellten. Die Menschen, vielfach gerade auch solche, die sich vorher der Kirche fern fühlten, spürten nun, wo man wirklich ihr Leid erkenne und ihnen helfe. Materiell, aber eben auch in geistlicher Hinsicht.

Ein weiteres Thema: der Antisemitismus - der in Folge des Angriffs der Hamas auf Israel sein hässliches Gesicht auch auf österreichischen Straßen gezeigt hatte. Heinz Anderwald, ehemaliger Direktor der Landtages der Steiermark, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Graz und vielfach für das jüdische Leben in Österreich engagiert, berichtete von einem Erlebnis in Wien. Nach einer Pro-Israel-Demo sei den Teilnehmern geraten worden, ihre Israel-Fahnen zu verbergen, denn man könne nicht ausschließen, dass Demonstranten von der Gegenseite gewalttätig reagierten. Sein Mahnruf: „Jüdisches Leben ist ohne Polizei in Österreich nicht denkbar.“ 

Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler richtete in diesem Zusammenhang die besonderen Grüße der österreichischen Bundesministerin für EU und Verfassung im Bundeskanzleramt, Karoline Edtstadler, aus. Ursprünglich hatte die prominente ÖVP-Politikerin an der Podiumsdiskussion teilnehmen wollen, musste aber kurzfristig nach Washington reisen. Sie ließ nun über ihre Parteifreundin ausrichten, dass die Bundesregierung dem Antisemitismus den Kampf angesagt habe und einen umfangreichen Katalog mit Gegenmaßnahmen entwickelt habe. 

Sinnhaftigkeit im Miteinander in aller Unterschiedlichkeit

Kugler, die in ihrer Fraktion für Menschenrechte zuständig ist und sich seit vielen Jahren für Religionsfreiheit und gegen Christenverfolgung engagiert, warf einen Blick auf das kulturelle Selbstverständnis Europas und dessen Ausstrahlung in die Welt: Früher habe die Hälfte der Welt gesagt: Wir wollen so sein wie die. Heute sei das anders. Heute herrsche dort das Gefühl vor, die Freiheit habe Europa nicht weitergebracht. Dieser Stimmungslage müsse entgegengewirkt werden. 

Prokurator Stimpfl-Abele betonte für den Orden, der sich die Attribute „europäisch, christlich, wertkonservativ, karitativ, elitär“ auf die Fahnen geschrieben hat: „Wir bekennen uns zu unserem Glauben, treten aus Überzeugung und mit Stolz für die daraus resultierenden Werte, Traditionen und Ziele ein. Aber nicht trotzdem, sondern gerade deshalb ist uns der Dialog, der Austausch mit den anderen uns nahestehenden Religionen besonders wichtig. Wir respektieren das Judentum und den Islam. Wir sehen die gemeinsamen Wurzeln und Parallelen - wie wir auch die Unterschiedlichkeit sehen. Wir sind von der Möglichkeit und Sinnhaftigkeit eines Miteinander in aller Unterschiedlichkeit überzeugt.“

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