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Internationale Experten wollen Leihmutterschaft weltweit abschaffen

Experten aus 72 Ländern fordern in Casablanca ein weltweites Verbot von Leihmutterschaft.
Leihmütter in Indien
Foto: Doreen Fiedler (dpa) | Leihmutter Dharmistaben im Leihmutter-Haus der Akanksha Infertility Clinic in Anand, Gujarat, Indien. Daneben sitzt ihr Sohn Arya.

Ein weltweiter Skandal ruft nach einer weltweiten Antwort: Davon sind die Experten aus 72 Ländern auf fünf Kontinenten überzeugt, die am Wochenende die „Erklärung von Casablanca“ verabschiedet haben. Darin fordern die unterzeichnenden Juristen, Mediziner, Psychologen, Philosophen und Angehörige weiterer Fachgebiete alle Staaten der Erde dazu auf, „Leihmutterschaft in allen ihren Formen, ob bezahlt oder unbezahlt, zu verurteilen und Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Praxis zu ergreifen“. Die Verfasser der Erklärung schlagen ebenfalls einen Entwurf für ein internationales Abkommen vor, der Staaten empfiehlt, Leihmutterschaft auf ihrem Territorium zu verbieten, und Personen zu bestrafen, die Leihmutterschaft vermitteln oder in Anspruch nehmen.

EU-Kommission wagte Vorstoß zur internationalen Anerkennung

Leihmutterschaft ist in mehreren Ländern auch in der Europäischen Union erlaubt. Staaten, die wie Österreich, Deutschland oder Frankreich Leihmutterschaft auf ihrem Territorium verbieten, stehen vor der Schwierigkeit, dass ihre Staatsangehörigen dort eine Leihmutterschaft durchführen lassen, wo sie erlaubt ist, und anschließend fordern, dass das durch Leihmutterschaft erworbene Kind auch in ihrem Heimatstaat als ihr eigenes anerkannt wird. Die EU-Kommission wagte vor kurzem unter Ursula van der Leyen einen Vorstoß zur internationalen Anerkennung der Elternschaft, die in einem anderen EU-Staat festgestellt wurde. Sollte das Vorhaben Erfolg haben, käme dies faktisch einer EU-weiten Legalisierung der Leihmutterschaft gleich.

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Die Veröffentlichung der „Erklärung von Casablanca“ erfolgte im Anschluss an ein Expertenseminar in der marokkanischen Küstenstadt am vergangenen Freitag. Der ehemalige Präsident des UN-Ausschusses für Kinderrechte, Luis Perdernera (Uruguay) wies in seinem Grußwort darauf hin, dass sich hinter der Praxis der Leihmutterschaft in der Regel der Kauf eines Kindes verbirgt. Leihmutterschaft stehe in der Spannung zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und Menschenrechten, so der Südamerikaner. Als Beobachterin nahm außerdem Suzanne Aho Assouma teil, ebenfalls Mitglied des UN-Ausschusses für Kinderrechte und dessen ehemalige Vizepräsidentin. Auch sie begrüßte die Experteninitiative und geißelte Leihmutterschaft als eine Praxis, die größtenteils auf der Ausbeutung armer Frauen beruhe.

"Kein juristischer Rahmen wird jemals angemessen sein"

Die „Erklärung von Casablanca“ geht zurück auf die Initiative einer kleinen Gruppe von Experten aus dem französischsprachigen Raum. Aude Mircovic, Direktorin des französischen Juristenkollektivs „Juristes pour l’enfance“ (Juristen für die Kindheit) erklärt im Gespräch mit der „Tagespost", warum die Unterzeichner der Casablanca-Erklärung nicht etwa einen klaren ethischen und juristischen Rahmen für Leihmutterschaft, sondern deren komplettes Verbot fordern: „Kein juristischer Rahmen wird jemals angemessen sein, weil nicht nur diese oder jene Modalitäten der Leihmutterschaft ein Problem darstellt, sondern das Prinzip der Leihmutterschaft selbst, das gegen die Menschenwürde verstößt: Keine Regelung kann die Tatsache akzeptabel machen, dass eine Frau dazu benutzt wird, ein Kind auszutragen, das nicht ihr eigenes ist. Keine Regelung kann die Tatsache akzeptabel machen, dass ein Kind vertraglich bestellt und ausgehändigt wird.“

Auf dem Expertenseminar in Casablanca beleuchteten 17 Redner aus 15 Ländern Nord- und Südamerikas, Afrikas und Europas die Praxis der Leihmutterschaft aus juristischer, historischer, philosophisch-anthropologischer und psychologischer Sicht. Der marokkanische Sozialwissenschaftler Rachid Achachi betrachtete aus historisch-philosophischer Perspektive die Entwicklung des Verhältnisses des Menschen zu seinem Körper von der frühen Neuzeit bis zur Postmoderne. Nachdem in der europäischen Geistesgeschichte Körper, Seele und Geist immer als untrennbare Einheit wahrgenommen worden seien, habe der Körper in der frühen Neuzeit seine Heiligkeit verloren und sei zunehmend als Maschine im Dienst des Geistes wahrgenommen worden. In der Postmoderne werde der Körper als reine soziale Konstruktion konzipiert, der nicht einmal mehr die Geschlechtsidentität eines Menschen definieren könne. Diese „Verleugnung des Körpers“ führe zu einer Verleugnung des Leides von Leihmüttern, denen das Kind entrissen werde, das sie neun Monate lang ausgetragen haben, als ob die Frau sich willentlich dafür entscheiden könne, psychisch davon unbeeinträchtigt zu bleiben.

Sofia Maruri aus Uruguay behandelte in ihrem Beitrag das verbreitete Argument, es handle sich bei Leihmutterschaft nicht um Ausbeutung, sondern um die autonome Entscheidung der mitwirkenden Leihmütter, die aus freien Stücken einen Vertrag zur Leihmutterschaft unterschreiben würden. Überzeugend legte die Anwältin und Juraprofessorin dar, dass die meisten betroffenen Frauen nur aus schwerer finanzieller Not heraus ihren Uterus „verleihen“, um einem fremden Paar zu einem Kind zu verhelfen. „Die Einwilligung wird also nur erreicht, weil die Frau unter schwerem wirtschaftlichen Druck steht“, so Maruri: „Eine Person in einer solch schwierigen Lage kann keine autonome Entscheidung treffen.“ Auch wies sie auf die vielfachen Zwänge hin, die mit einem Leihmutterschaftsvertrag verbunden sind, etwa medizinische Kontrollen, eine bestimmte Diät oder gar die Abtreibung des Kindes, sollten sich die „Bestelleltern“ anders entscheiden. „Die Freiheit wird also um der Freiheit willen aufgegeben“, kommentierte die Südamerikanerin diese traurige Praxis.

Schwerwiegende Verlusterfahrung für das Kind

Die belgische Psychologin und Psychotherapeutin Anne Schaub ist auf dem Gebiet des vorgeburtlichen Gedächtnisses spezialisiert. Sie erklärte auf Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, wie die Mutter, ihre Emotionen und ihr Umfeld ihr Kind bereits im Mutterleib prägen. Verantwortlich dafür sei unter anderem die Amygdala, die bereits im Mutterleib funktioniere und bereits während der Schwangerschaft emotionale Prägungen erfahre, die für den Rest des Lebens präsent bleiben.

Die bereits im Mutterleib empfangenen Eindrücke, so Schaub, erleichtern es dem Baby einerseits, sich nach der Geburt an die Außenwelt anzupassen. Ein Baby, das wie bei der Leihmutterschaft direkt nach der Geburt von seiner Mutter und ihrem Umfeld getrennt werde, erleide daher andererseits eine schwerwiegende Verlusterfahrung. „Das Kind verliert seine grundlegende Sicherheit, was ihm eine bleibende und schwere Verletzung beschert, die seine Identität betrifft“, so die Psychologin. Im Gegensatz zu einem akzidentiellen Verlust der Eltern werde diese Verletzung bei der Leihmutterschaft bewusst in Kauf genommen. Diese könne sich bereits ab der frühen Kindheit, aber auch im weiteren Leben, in psychosomatischen und emotionellen Beeinträchtigungen zeigen. „Im späteren Leben kann dies bis zum psychischen Zusammenbruch führen“, warnt Schaub.

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