Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Baden-Württemberg

Hagel und Wüst: Verbrüderung im Kloster

Hendrik Wüst besucht Manuel Hagel. Beide sehen sich als Gesichter einer „modernen Christdemokratie“: Fokus auf Wachstum, Wachstum, Wachstum – und immer an die Kinder denken.
Manuel Hagel
Foto: IMAGO/Michael Bihlmayer (www.imago-images.de) | Bald Landesvater? Manuel Hagel möchte Baden-Württembergs neuer Ministerpräsident werden.

Das steht als Erstes: Während um die Ecke noch die Rednerpulte für die Pressekonferenz errichtet werden, zu der an diesem Freitagnachmittag NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und der Mann, der bald Landesvater in Stuttgart werden will, erwartet werden, ist dieses Plakat schon aufgebaut. Es zeigt Manuel Hagel neben einer älteren Dame in Schwarzwälder Tracht mit schwarzem Bommelhut (Sie ist verheiratet!), die ein Selfie von beiden macht, im Hintergrund lachende junge Menschen. Das Plakat ist platziert vor der malerischen Kulisse der barocken Klosterkirche des Klosters Schöntal, einst Zisterzienserabtei, jetzt kirchliches Tagungshaus. Die Aufschrift: „Wir schützen unsere Werte“ – ein Schlüsselslogan für die Kampagne, mit der Hagel Ministerpräsident werden will. Und eine Variante des Dauerbrenners der Christdemokraten – Oldie but Goldie –: eine Synthese aus Tradition und Moderne schaffen. Auf Bayerisch heißt das: Laptop und Lederhose. In Baden-Württemberg dann wohl eher: Maultaschen und MacBook.

Einer, der diesen Spagat schon ganz gut hinkriegt, ist Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von NRW. Zumindest scheint das die CDU im Ländle zu denken und hat deswegen den Düsseldorfer Landesvater als Stargast zu ihrer Klausurtagung in Schöntal eingeladen. Gleich zu Beginn üben Hagel und Wüst den Schulterschluss: eine Verbrüderung im Kloster. Das ist zuallererst auch ein innerparteiliches Signal: Wir machen die Flügelkämpfe nicht mit – das ist die Botschaft, die rausklingt, wenn beide sich ausgiebig loben und ihrer Wertschätzung versichern. Nach dem klassischen Deutungsmuster ist der 37-jährige Hagel ein Konservativer, der gerade 50 Jahre alt gewordene Wüst hat sich als Gesicht der eher Liberalen in der Union profiliert. Aber über solche Etiketten wollen die zwei heute nicht sprechen, sie kleben sich lieber eines gemeinsam auf die Stirn: „moderne Christdemokratie“.

Alte Ziele, frische Energie

Vieles von dem, was Wüst und Hagel dann als zentrale Punkte für so eine Agenda verkünden, klingt freilich ziemlich klassisch. Das Motto: Wirtschaft ist nicht alles, aber alles ist ohne Wirtschaft nichts. Und da spielen dann auch die Werte eine Rolle. Denn eine Politik für junge Familien, für soziale Sicherheit – das alles sei nur finanzierbar, wenn die Wirtschaft brummt. Das ist sicher keine revolutionär neue Erkenntnis. Das Narrativ, das Wüst wie Hagel hier erzählen: Dieses alte politische Ziel setzen wir mit neuer, frischer Energie um. Denn wir leben vor Ort, wir haben selbst junge Familien. Die, für die diese Politik gemacht werden soll, das sind unsere Freunde und Nachbarn. Wir spulen nicht einfach nur rhetorisch die Spiegelstriche auf einer großen Themenliste ab, wir machen diese Politik für die Menschen, die wir kennen, die wir lieben. Wüst fährt mit dieser Methode gut, führt das Beliebtheitsranking der CDU-Politiker an. Im einstigen SPD-Stammland NRW scheint ein Machtwechsel aktuell so gut wie ausgeschlossen. Wüst sitzt, so wie Hagel auch, in einer Koalition mit den Grünen. Der entscheidende Unterschied: Wüst ist Regierungschef, Hagel Juniorpartner.

Das soll sich nun ändern. Die Christdemokraten im Ländle versammeln sich immer im Januar hier im Kloster Schöntal, um in das neue politische Jahr zu starten. Aber die nächsten zwölf Monate haben es besonders in sich: In 44 Tagen, hier wird ganz genau gezählt, gibt Baden-Württemberg den Auftakt zum Superwahljahr. Gelingt er, ja dann, so hofft man in Stuttgart, vor allem aber auch in Berlin, dann könnte „Sieg“, trotz aller Unkenrufe, doch noch zum schwarzen Leitmotiv für 2026 werden. Und wenn nicht, was dann? Diese Frage wird verdrängt – und trotzdem scheint sie aus den vielen Gesprächen durch, die in der weitläufigen Klosteranlage geführt werden.

Es wird wohl Schwarz-grün werden

„Wir haben Rückenwind aus Berlin“, ruft Hagel bei seiner Pressekonferenz mit Wüst laut im Klosterhof. Es klingt ein bisschen auch nach Selbstsuggestion. Denn, das hört man aus vielen Gesprächen heraus, richtig glücklich mit der Performance der Regierung Merz, vor allem der schwarzen Anteile in ihr, ist kaum jemand. Es werde schon alles zu einem guten Ende kommen, die richtigen ersten Akzente seien doch gesetzt, jetzt gelte es abzuwarten. Aber wie viel Geduld haben die Menschen noch? Hier im Land des „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ wird das „Sondervermögen“ ziemlich klar „Schulden“ genannt. Am Samstag wird eine Studie veröffentlicht, nach der in Baden-Württemberg die geringste Krankenstandsquote in der ganzen Republik besteht. „Leistung muss sich lohnen“ – das ist so etwas wie die gar nicht mal heimliche, sondern ziemlich offensichtliche Lebensdevise im Ländle. Hagel steht für diesen Habitus. Und genau das wollen die Christdemokraten – man sieht es schon den ersten Plakaten an, die jetzt geklebt werden – in ihrer Kampagne ausspielen.

Lesen Sie auch:

In den Umfragen steht die CDU ziemlich fest auf Platz eins mit 29 Prozent, im letzten Jahr riss sie aber noch die 30er-Latte. Dann kommen schon die Grünen: 23 Prozent. Spitzenkandidat Cem Özdemir hat gute Bekanntheits-, vor allem aber auch Beliebtheitswerte. Der Ober-Realo macht denn auch bewusst einen Ländle-Wahlkampf, ganz in der Tradition von Winfried Kretschmann, weit weg von Berlin. Das zieht aus dem Ampel-Tief, 2024 trennten Christdemokraten und Grüne noch teilweise 16 Prozent. Und dann an dritter Stelle die AfD: 20 Prozent. Auch sie ziemlich stabil. Die Blauen hätten jetzt aber auch ihre maximale Größe erreicht, hört man als Deutung auf den Klosterfluren. Aber man mag es drehen und wenden, wie man will: Die AfD als Faktor bestimmt so entscheidend die Politik mit, zwar nicht in der Regierung, aber dadurch, indem sie die Koalitionsfrage, die von den Christdemokraten im Moment niemand stellen will, zu einer Antwort führt: Es wird auf Schwarz-Grün hinauslaufen. Nur diesmal mit der CDU als Senior, die Grünen als Junior.

Hagel träumt zwar von einer „Deutschland-Koalition“. Aber ob die FDP es in ihrem einstigen Stammland überhaupt in den Landtag schafft, ist nicht sicher. Bei den Umfragen liegt sie gerade bei fünf Prozent. Und – anders als in NRW, wo Wüst mit den noch nicht total dezimierten Sozialdemokraten als Alternativpartner seine Grünen unter Druck setzen kann – in Baden-Württemberg führen die Sozis eine Schattenexistenz. Was heißt das als Konsequenz? Die Christdemokraten unterscheiden im Wahlkampf zwischen dem Hauptkonkurrenten und dem Hauptgegner. Der Konkurrent, das sind die Grünen, denn sie sind die einzige andere Kraft, die theoretisch den Ministerpräsidenten stellen könnte. Der Gegner aber, das ist die AfD. Da lässt Hagel gar keinen Zweifel aufkommen. Konservativ, schön und gut. Aber die AfD, das seien eben keine in der Wolle gefärbten Nostalgie-Konservativen, die sich eigentlich nur nach der guten alten Kohl-CDU der 80er zurücksehnten – sie, es ist das Ceterum censeo von Hagel, wollten eine andere Republik.

Das größte Kompliment: „bodenständig“ 

Unweit von Kloster Schöntal liegt das Gut Halsberg. Es gehört der Familie von Berlichingen, auch die Götzburg ist nicht weit. Deren Urahn, der berühmte Ritter Götz, ist sozusagen der Ehrenpräsident des Vereins für deutliche Aussprache auf Ewigkeit. Und so findet Hagel, als die Christdemokraten den Freitag im Gut gesellig ausklingen lassen, denn auch dort die Formel dafür, wie der AfD rhetorisch zu begegnen sei: sachlich und nicht moralisieren. Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange: Die CDU, so Hagel, sei nicht auf andere Parteien fixiert. Damit wäre dann auch erst einmal die leidige Koalitionsfrage vom Tisch.

Die eigene Agenda: Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Und immer an die Kinder denken: Dafür steht auch der Schulterschluss von Hagel mit Wüst. Wüst wie Hagel loben sich gegenseitig als „bodenständig“ – offenbar das möglichst größte Kompliment, das ein Ministerpräsident einem Landesvater in Ausbildung geben kann. Es ist kein Zufall, dass Hagel wie Wüst ihre Rolle als Familienvater herausstreichen. Auch der deutlich ältere Wüst ist noch verhältnismäßig junger Vater, gerade ist erst das zweite Kind geboren worden. Hagel ist Vater dreier Söhne. Der 37-jährige Katholik wirkt authentisch, wenn er hier oder auch in seinen Wahlkampf ruft: „Es geht um unsere Kinder.“ Und damit eben erst gar nicht der Verdacht der Sonntagsrede aufkommt: Das hängt eben mit der Wirtschaft zusammen.

Hagel wird an diesem Wochenende nicht müde, dieses Beispiel zu erzählen, offenbar eine eigene Praxiserfahrung: Es könne doch nicht sein, dass man zwischen Weihnachten und Neujahr fünf Apotheken abfahren müsse, bis man endlich den passenden Hustensaft für die kranken Kinder gefunden habe. Die heimische Chemie- und Pharmaindustrie soll gestärkt werden. Hier will Hagel mit Nordrhein-Westfalen zusammenarbeiten. Wie überhaupt die beiden Industrieländer als wirtschaftliche Kraftmotoren künftig an einem Strang ziehen wollen. Hier das Motto: Nachhaltigkeit, Transformation – alles wichtig. Aber bitte mit Augenmaß. Der industrielle Kern darf nicht gefährdet werden, denn von ihm leben die Menschen.

Am Samstagmorgen bei der ökumenischen Andacht in der Klosterkapelle – die Bänke sind bis auf den letzten Platz besetzt, manche müssen stehen – lenkt der Schöntaler katholische Pfarrer Guido Bömer den Blick der Politiker auf Johannes den Täufer: Manchmal müsse man zurücktreten, um einen anderen hervortreten zu lassen. So habe Johannes für Christus den Weg bereitet. Das sei auch eine Möglichkeit, Weichen zu stellen. Insgesamt wünschte er den Politikern weniger Wutanfälle, sondern stattdessen „Mutanfälle“. Ob es helfen wird? Die Christdemokraten wirkten jedenfalls zuversichtlich, als sie aus der Kapelle herausströmten.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Alternative für Deutschland CDU Cem Özdemir FDP Jesus Christus Johannes der Täufer Pfarrer und Pastoren Sozialdemokraten Winfried Kretschmann

Weitere Artikel

Vor 100 Jahren wurde Hans-Jochen Vogel geboren. Am Ende seines Lebens betonte er seine enge Christus-Beziehung. Vor jeder Entscheidung frage er sich: „Was würde Jesus jetzt tun?“
03.02.2026, 17 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Johannes Hartl hat theologische Ansätze kritisiert, die überlieferte Glaubenswahrheiten relativieren. Warum Hartl recht und seine Kritiker unrecht haben.
12.02.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch