Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Demo in Augsburg

Gegen die AfD - aber bitte mit Sekt, Wein und Lillet

25.000 Menschen demonstrieren in Augsburg „gegen Rechtsextremismus und für Demokratie“. Doch verstehen sie nicht immer dasselbe darunter. Auch der Augsburger Bischof Meier zählt zu den Rednern – und wird dafür bejubelt. Zu Recht? Ein Ortsbesuch.
Demo Augsburg gegen Rechts
Foto: IMAGO/Klaus Rainer Krieger (www.imago-images.de) | Über 25.000 Menschen versuchen am Samstagmittag, sich auf 6.400 Quadratmeter zu quetschen, und bewegen sich wie eine homogene Masse zum Rhythmus ihrer Parolen.

Blick aus einem Fenster im dritten Stock eines Hauses am Augsburger Rathausplatz: Ein buntes Meer aus Menschen und Schildern ergießt sich über den Platz und darüber hinaus. Über 25.000 Menschen versuchen am Samstagmittag, sich auf 6.400 Quadratmeter zu quetschen, und bewegen sich wie eine homogene Masse zum Rhythmus ihrer Parolen: „All-le zusam-men gegen den Faschis-mus.“ Dann donnert es von der Bühne: „Zeigen wir, was wir an Stelle unserer Großeltern getan hätten“ – wie auf Kommando heben alle ihre Schilder, Fahnen und Plakate in den strahlend blauen Himmel.

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In vielen deutschen Städten gehen seit Wochen Menschen auf die Straßen, nachdem das Recherchezentrum Correctiv über ein angeblich geheimes Treffen in Potsdam berichtet hat. AfD-Politiker sowie Mitglieder von CDU und Werteunion sollen unter anderem über eine strikte Abschiebepolitik gesprochen haben; der führende Kopf der „Identitären Bewegung“, der Österreicher Martin Sellner, soll einen Vortrag zum Thema „Remigration“ gehalten haben.

„AfD wählen ist wie 1933“

Laut dem Meinungsforschungsinstitut INSA haben 61 Prozent der Deutschen nun Angst, dass die 75-jährige Demokratie mit Füßen getreten wird. Nicht wenige befürchten, dass die AfD an die Macht kommen könnte. In einigen Bundesländern hat sie Umfragen zufolge die Nase vorn. Dem halten die Augsburger nun Schilder entgegen: „Braun ist ‘ne Kackfarbe“ oder „FCK NZS“ und „AfD wählen ist wie 1933“. Daneben wird regenbogenbunte Vielfalt gefordert. Manche tragen bodenlange Regenbogenumhänge aus Plastik.

Wofür auch immer der Einzelne in Augsburg en Detail einsteht, dem Wort nach demonstrieren alle einmütig und feierlich für die gleiche Sache: gegen Rechtsextremismus und für Demokratie. Musliminnen mit Kopftuch, Jugendliche mit lila Igelschnitt, Dunkelhäutige, Senioren, Kinder — alle lachen, geben sich freundlich und zuvorkommend. Wer sich einen Weg durch die Menge bahnt, dem wird — soweit möglich — Platz gemacht, ja fast der rote Teppich ausgerollt. Man ist ja eine Familie. „Wir haben alle rotes Blut, wir sind alle gleich“, informiert ein Plakat.

Geschrei von Kindern, die Seifenblasen zu fangen versuchen, verschmilzt mit Pfiffen und Jubelrufen, wenn es „Hallo Augsburg“ oder „Wir kämpfen für die Demokratie“ von der Bühne schallt – und die Menge aufgerufen wird, in puncto Lautstärke alles zu geben, schließlich wolle man „laut sein gegen rechts“. Gefühlte 140 Dezibel prasseln nieder.

Unterschiedliche Definitionen von Demokratie

So homogen die Versammlung auf den ersten Blick erscheint: Nach und nach kommen unterschiedliche Definitionen von Demokratie und unterschiedliche Partikularinteressen zum Vorschein. Während von der Bühne eine Migrantin mit osteuropäischem Akzent ruft, Deutschland sei ihr Zuhause, fordern andere die „Liebe für alle“. Eine 16-jährige Augsburgerin wolle einfach nur dabei sein. Sie zuckt die Schultern: „Ist das nicht auch Demokratie?“ An anderer Stelle dreht sich eine junge Frau zu ihrem Freund: „Ich verstehe nicht, warum die Kirche keine Homopaare segnet.“ Das ist ihr Verständnis von Demokratie, für das sie heute eintritt.

Augsburgs Bischof Bertram Meier auf der Demo am Samstag
Foto: Bistum Augsburg | „Ausnahmslos jeder Mensch ist hier auf dieser Welt zuhause und hat das Recht auf ein menschenwürdiges Leben!“, so der Augsburger Bischof Bertram Meier.

Schon die Kleinsten werden in Sachen Demokratie „aufgeklärt“. Auffällig teilnahmslos ins Leere schauend hält eine junge Frau mit streng zusammengebundenem Haar ein Schild: „EKELHAFD — Conny geht die AfD ärgern“ und „Conny redet nicht mit Faschisten. Sei wie Conny.“ Conny — das sind Bilderbücher für Drei- bis Sechsjährige, die eigentlich für kleine, aus dem Alltag gegriffene Abenteuergeschichten bekannt sind.

Am Rand des Marktplatzes halten Senioren in einer Reihe auf einer Bank sitzend ihre Gesichter in die Sonne. Von all dem Trubel scheinen sie wenig mitzubekommen, obwohl die Demo-Party direkt hinter ihnen mit vielen „Prosts“ begleitet wird. Mittendrin steht eine Demo-Teilnehmerin, verkleidet als wandelnde Warnweste: Von dem Kind, das sie trägt, ist nur das braune Kraushaar zu sehen. Auf dessen Rücken klebt ein Plakat mit der Aufschrift „Kinder an die Macht“. Der Vater tätschelt dem Kind den Kopf, während er ein Glas Wein hebt: „Prost!“

Wie definieren die Teilnehmer der Demo eigentlich Faschismus?

Die Kellnerin eines Cafés am Rathausplatz hat Mühe, ein Tablett mit mehreren Gläsern auf dem Arm zu balancieren. Aperol Spritz, Wein, Lillet — das sind die Kultgetränke auf dem Rathausplatz und drumherum. Etwas abseits stehen auf einem zum Tisch umfunktionierten Weinfass mit Weißwein gefüllte Gläser; junge Erwachsene, allesamt schwarz-grau gekleidet, plaudern und feiern, liegen sich abwechseln in den Armen — bis von der Bühne ein Lied mit der Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ angestimmt und so lange wiederholt wird, bis 25.000 Menschen grölen: „Wer von euch leistet Widerstand gegen den Faschismus hier im Land? Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden…“

Wie definieren die Teilnehmer der Demo eigentlich Faschismus? Wie definieren sie rechts? Diese Fragen wirft ein Mann mit locker zur Seite gekämmtem grauem Haar auf. Er arbeitet in einem Haus direkt am Rathausplatz und schaut sich die Kundgebung von oben an. „Vorhin hieß es, alle seien willkommen, nur nicht Rechte.“ Er steckt seine Hände in die Taschen seiner Jeans. Er sei auch gegen Rechtsextremismus. Aber „wenn die so etwas sagen, dann tun sie genau das Gegenteil von dem, was sie wollen; sie grenzen auch aus“. Zwei Freunde, die das Spektakel ebenfalls vom Fenster aus beobachten, horchen auf. Mehrere Fragen stehen im Raum: Ist rechts gleich rechtsextrem? Und: Ist alles rechts, was nicht links ist? Sie werden von den Demonstranten in Augsburg nicht endgültig beantwortet — als zu heterogen entpuppt sich die nach Außen so einheitlich wirkende Menge.

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Die Kirche beispielsweise gilt als „rechts“, weil sie Werte vertritt, die der breiten Gesellschaft unverständlich sind und kaum noch rezipiert werden. Auf dieser Demo begrüßen dennoch alle die Anwesenheit von Geistlichen. Wenn bunt, dann richtig, so der Tenor. Die Rede von Augsburgs Bischof Bertram Meier — prominenter Vertreter der katholischen Kirche – kommt bei den Zuhörern gut an. Als Bischof setze er sich „dafür ein, dass die Botschaft von der Liebe Gottes bei ausnahmslos jedem Menschen ankommen kann — unabhängig von Herkunft, Alter, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung“, schallt die Stimme des Bischofs durch die Lautsprecher. Jubel bricht aus, als er fortfährt: „Egal, ob Kind oder Greis, Mann oder Frau, queer oder hetero — ausnahmslos jeder Mensch ist hier auf dieser Welt zuhause und hat das Recht auf ein menschenwürdiges Leben!“

Meier: Kirche hat mit Evangelium "echte Alternative" anzubieten

Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt Bischof Meier, er sei „selbstverständlich“ bei der Kundgebung aufgetreten, weil die Kirche mit dem Evangelium schließlich „eine echte Alternative“ anzubieten habe. Und „menschenverachtende, antidemokratische Tendenzen“ gehörten klar benannt – „aus welcher Richtung auch immer“ sie kommen, meint er in Anspielung auf das linkspolitische Lager. Ungeborene erwähnt er auf der Kundgebung dennoch nicht.

Beim Lebensschutz wird der Kirche oft eine Scharnierfunktion zur AfD unterstellt, wie zuletzt im Herbst beim „Marsch für das Leben“ in Berlin. Dem stellt sich die Kirche vehement entgegen. Mehrere Bischöfe haben sich öffentlich gegen die AfD ausgesprochen. Eine „Schnittmenge zwischen Christentum und AfD“ gebe es nicht, sagte etwa Hamburgs Erzbischof Stefan Heße.

Diesen Fokus auf die AfD kritisieren mehrere Experten. Beispielsweise Florian Hartleb, Forschungsdirektor beim Europäischen Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention. In einem Bericht für diese Zeitung warnte er jüngst, man drohe die „wiederkehrende Melange zwischen Linksextremisten und radikalen Islamisten“ und damit andere „Strömungen mit antisemitischen Tendenzen“ aus dem Blick zu verlieren. In Augsburg ist diese Botschaft noch nicht angekommen. Als die Demo-Teilnehmer sich langsam mit ihren Plakaten unterm Arm zerstreuen, spaziert ein Vater mit seiner Tochter auf den Schultern auf und ab und demonstriert leise mit. Ihr Plakat: „Lillifee statt AfD.“

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