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Der J.D-Vance-Faktor und die deutsche Politik

Trumps Wunsch-Vizepräsident hat ein Talent, an dem es im deutschen Politikbetrieb mangelt: Er ist der Autor eines zugkräftigen Narrativs.
J.D. Vance beim Parteitag der Republikaner
Foto: IMAGO/William Glasheen (www.imago-images.de) | Unter Deutschlands Spitzenpolitikern ist aktuell niemand zu erkennen, der in der gleichen Weise wie Vance nicht nur zum Autor, sondern auch zur Verkörperung einer Geschichte werden könnte.

Auch Deutschland hat einen Vize, der Schriftsteller ist. Aber inhaltlich könnten die Unterschiede wohl nicht größer sein zwischen Vizekanzler Robert Habeck und Donald Trumps Wunsch-Vizepräsidenten. J.D. Vance hat mit der „Hillbilly-Elegy“ einen weltweiten Bestseller geschrieben. Dieses autobiographisch gefärbte Werk ist ein Schlüsselbuch zum Verständnis der weißen Unterschicht in den USA. Und J.D. Vance selbst ist ein Musterbeispiel eines „self-made-man“, der den sozialen Aufstieg geschafft hat, darüber aber nicht die Sensibilität für die Sorgen seines Herkunftsmilieus verloren hat.

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Olaf Scholz soll bei der Lektüre des Buches vor Rührung geweint haben. Sollte der Kanzler schon einmal wegen Robert Habeck Tränen vergossen haben, es lag sicher nicht an den Kinderbüchern des Bundeswirtschaftsministers. Doch zurück zu Vance: Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass Scholz sich auch durch die „Hillbilly-Elegy“ zu seinem Respekt-Wahlkampf 2021 inspirieren ließ. 

Die großen Unterschiede zum Berliner Politikbetrieb

Und hier werden auch die Grenzen deutscher Politiker erkennbar. Während Vance einen Roman schreibt, dessen Verfilmung bei „Netflix“ läuft, flüchtet sich die SPD in die Bürokratiesprache und fabuliert von der „arbeitenden Mitte“. Solche Leute wie Vance sorgen dafür, dass die Trump-Republikaner schon längst zur amerikanischen Arbeiterpartei geworden sind. Der SPD laufen seit Jahren die alten Stammwähler weg. Egal, wie man die Positionen Vances, seinen Protektionismus, seinen Populismus, inhaltlich bewerten mag, vor allem politisch-handwerklich werden die großen Unterschiede zum Berliner Politikbetrieb deutlich. 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Heute dreht sich im politischen Streit alles um die Narrative. Es reicht nicht, ein gutes Parteiprogramm zu haben. Die Inhalte müssen sich durch eine gute Geschichte erzählen lassen. Solche Erzählungen brauchen Autoren. J.D. Vance ist so ein Narrativ-Autor. Nun mag man ja beklagen, dass die Fixierung der Öffentlichkeit auf solche Geschichten nicht der Komplexität der tatsächlichen Herausforderungen gerecht wird, aber diese Krokodilstränen werden es nicht ändern: Menschen wollen Geschichten. Die Geschichten unterhalten nicht nur, sie geben auch Unterhalt in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird. Narrative schaffen Orientierung. 

Wer wird der deutsche J.D. Vance?

Unter Deutschlands Spitzenpolitikern ist aktuell niemand zu erkennen, der in der gleichen Weise wie Vance nicht nur zum Autor, sondern auch zur Verkörperung einer solchen Geschichte werden könnte. Robert Habeck hat vielleicht einmal davon geträumt, aber wenn überhaupt könnte er höchstens zum J.D. Vance der Bionade-Bourgeoisie werden. Habeck wird sicherlich nicht den Stahlarbeiter oder die Krankenschwester in seinen Bann schlagen, eher den Oberstudienrat oder die Beamtin im Rathaus.

Bleibt Sahra Wagenknecht. Sie hat die rhetorischen Talente, verfügt auch über das intellektuelle Potential. Und dann gibt es noch Maximilian Krah: Er hat es versucht, aber ist zumindest vorläufig gescheitert. Trotzdem: Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, alles aus Amerika kommt etwas später auch in Deutschland an. Der deutsche J.D. Vance sitzt vielleicht noch gar nicht im Bundestag. Das heißt aber nicht, dass es ihn nicht irgendwann geben könnte.

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