Krieg in der Ukraine

Andreas Umland: Zu viel Drama in den Fernsehstudios

In den deutschen Talkshows wird zu sehr auf die Konfrontation von Emotion mit vermeintlichem Realismus gesetzt, meint der Osteuropa-Experte Andreas Umland im Gespräch.
Andreas Umland
Foto: imago stock&people | Bis vor vier Monaten beruhte ein Großteil des deutschen geopolitischen Denkens auf einer rosigen Sichtweise auf europäische Zeitgeschichte, meint Andreas Umland.

Herr Professor Umland, man kann es schon fast nicht mehr hören, das Wort von der "Zeitenwende". Dass der Ukraine-Krieg tatsächlich einen Bruch in unserer jüngeren Geschichte markiert und er Faktoren offenbar macht, die unsere neue Gegenwart bestimmen, scheint irgendwie Allgemeingut. Welche Phänomene müssten besonders in den Blick genommen werden?

Zwar waren die Zeitenwende-Rede von Scholz vom Februar sowie zahlreiche ähnliche Erklärungen anderer deutscher Mainstream-Politiker vor dem Hintergrund früherer eskapistischer Interpretationen ermutigend. Die vielen Ankündigungen einer neuen Berliner Außenpolitik-Doktrin und die darauffolgende intensive Mediendiskussion über die deutsche Fehleinschätzung Putins haben sich jedoch bisher in Umfang und Tiefe in Grenzen gehalten. Deutschland unterstützt zwar weitreichende Sanktionen und liefert Waffen an die Ukraine. Die deutsche Kehrtwende hat jedoch keine ausreichende Selbstreflexion über die Ursachen vergangener Fehltritte ausgelöst und noch nicht zu einer vollwertigen Anpassung außenpolitischer Prärogativen Berlins geführt. 

Die historischen und ideellen Ursachen für das fragwürdige Engagement Deutschlands mit Putin & Co. in den letzten zwanzig Jahren sind noch immer nebulös. Der ehemalige Bundeskanzler und heutige Rosneft-Mitarbeiter Gerhard Schröder ist nach wie vor ordentliches Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Das Aufzeigen störender Ambivalenzen in der 50-jährigen Bilanz der Bonner und Berliner Ostpolitik gilt in vielen öffentlichen Debatten in Deutschland immer noch als pietätlos. 

"Für einen vollständigen Neustart der Berliner
Außenpolitik braucht Deutschland mehr als ein
paar politische Reden und Talkshow-Diskussionen"

Die Diskrepanz zwischen den lautstarken pro-ukrainischen Äußerungen Berlins auf der einen Seite und den nur zögerlichen Entscheidungen über militärische Hilfe für Kiew sowie Sanktionen gegen Moskau auf der anderen Seite irritiert nach wie vor unsere Verbündeten in West und Ost. Für einen vollständigen Neustart der Berliner Außenpolitik braucht Deutschland mehr als ein paar politische Reden und Talkshow-Diskussionen. Eine tiefere Untersuchung und breitere Debatte über das gesamte Spektrum der vergangenen Missgeschicke sollte dazu beitragen, endlich aus dem geopolitischen Wolkenkuckucksheim, in dem viele Deutsche immer noch leben, auszuziehen.

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Es ist keine neue Erkenntnis, dass ein Krieg nicht nur auf der Ebene des eigentlichen Schlachtgeschehens geführt wird, sondern auch auf der der Informationspolitik, der Propaganda. Neu ist nun, dass diese Propaganda über viel mehr mediale Kanäle als früher transportiert wird. Und: Diese Propaganda drückt sich nicht nur über Sprache aus, sondern auch über Bilder und Symbole. Ist aus Ihrer Sicht die deutsche Öffentlichkeit für diese Herausforderung gewappnet?

Russland schafft es immer wieder, den westlichen Diskus mit bestimmten Ideen zu füttern. Zurzeit etwa ist die deutsche Diskussion von einer fast schon panischen Furcht vor einem Dritten Weltkrieg geprägt. Dabei wird vergessen, dass wir im Kalten Krieg und in dessen verschiedenen heißen Stellvertreterkriegen rund um die Welt über Jahrzehnte am Rande eines Weltkriegs standen. Damals gab es weit mehr konventionelle und nukleare Waffen als heute. Die Deutschen jedoch sind mal wieder von ihrer sprichwörtlichen Angst ergriffen.

Welche Aufgaben haben dabei die Medien? Und werden die deutschen Medien ihr in ihrer Kriegsberichterstattung gerecht?

Es ist zwar prinzipiell erfreulich, dass nunmehr in deutschen Medien mehr und mehr Ukrainer und Ukrainerinnen - zumal jüngere - die ukrainische Position vertreten dürfen. Jedoch hat die gelegentliche Gegenüberstellung von jungen Nichtmuttersprachlern auf der einen Seite und gestandenen deutschen Diplomaten oder Politikern - oft männlichen Geschlechts und mit "realistischen" Positionen - auf der anderen Seite ein Gschmäckle. Die damit - bewusst oder unbewusst - erzeugte Dramaturgie der Talkshows läuft auf eine Konfrontation zwischen Emotion und Erwägung, Herz und Verstand hinaus. Der in vielen internationalen Verhandlungen und nationalen TV-Debatten gestählte Elder Statesman erklärt mitfühlend, aber eben auch realitätsbewusst dem frustrierten Immigranten sowie dem mitdenkenden Publikum, wie harte Weltpolitik funktioniert und was nationale Interessen bedeuten. Grundtenor: Wir sind zwar im Prinzip bei euch, aber so einfach ist das mit der Unterstützung nicht. Immerhin spielt dann der Moderator in der Debatte meist die Rolle eines Anwalts der Schwachen. Diese Konstellation erzeugt Drama im Fernsehstudio, ist aber weder der Tragik der Ereignisse in der Ukraine noch der Bedeutung des Krieges für den Westen angemessen. Die graumelierten Herren treffen auf ungenügend scharfes sowie unzureichend sarkastisches Gegenfeuer und bleiben als nicht sonderlich sympathische, aber letztliche Sieger der Kontroverse zurück.

Mit Blick auf die deutsche Debattenkultur wird oft ein Zug hin zum Moralismus beklagt. Gibt es so eine Flucht in den Moralismus auch in der Analyse des Krieges? Und, falls ja, wie sähe für Sie eine Alternative aus?

Woran es bislang in der westlichen Debatte fehlt, ist eine Diskussion unter den Westeuropäern, welche nationalen Interessen westlicher Staaten Russlands Krieg in der Ukraine berührt. Bislang findet etwa in den deutschen Medien meist eine Gegenüberstellung von emotional motivierter Solidarität für die Ukraine einerseits und scheinbar rational formulierten eigenen Sicherheitsinteressen andererseits statt. Dieser Vergleich verfälscht jedoch die Natur der Auseinandersetzung. Moskaus Verhalten betrifft auch uns und unsere Kinder im Westen. So unterwandert Russland als offizieller Nuklearwaffenstaat mit seiner Attacke auf einen offiziellen Nichtnuklearwaffenstaat die Logik des Atomwaffensperrvertrags und das Völkerrecht. Wenn nun die Macht des Stärkeren gilt, könnten etliche Staaten rund um die Welt beginnen, die Anschaffung von Massenvernichtungswaffen zur eigenen Sicherheit oder Gebietsausweitungen zu erwägen. Wenn Russland in unmittelbarer Nähe zu ukrainischen Atomreaktoren Krieg führt, betrifft uns das auch. Wenn Millionen Flüchtlinge aus Osteuropa und demnächst womöglich auch Afrika und Asien in die EU strömen, ist das nicht nur ein ukrainisches Problem. Wir müssen uns selbst dieser Gefahren besser bewusst werden und unsere Sorgen besser Russland kommunizieren. 

Wie wichtig ist es für unsere Gesellschaft, dass der "mündige Bürger" dazu in der Lage ist, das komplexe Phänomen "Krieg" zu verstehen? Was können die Schule, die politische Bildung und die öffentliche Debatte leisten? Gab es zu lange eine innere Sperre bei den Deutschen, sich mit "Krieg" auseinanderzusetzen?     

"Die deutsche Öffentlichkeit lebte, was die Quellen
und Funktionsweise zwischenstaatlicher Konflikte
anging, in einem Wolkenkuckucksheim"

Bis vor vier Monaten beruhte ein Großteil des deutschen geopolitischen Denkens auf einer rosigen Sichtweise auf europäische Zeitgeschichte. Die deutsche Öffentlichkeit lebte, was die Quellen und Funktionsweise zwischenstaatlicher Konflikte anging, in einem Wolkenkuckucksheim. Das vorherrschende deutsche außenpolitische Paradigma ging davon aus, dass sich bewaffnete Konfrontationen (die nicht von Adolf Hitler initiiert wurden) durch Missverständnisse und mangelnde Kommunikation erklären. Politischer Dialog, kultureller Austausch, Entwicklungshilfe, wirtschaftliche Kooperation und diplomatische Verhandlungen erzeugen - anstelle von Militärbündnissen, Abschreckung und Verteidigungsanstrengungen - nachhaltige nationale Sicherheit und Frieden. Aus dieser Sicht brauchte Deutschland keine akademische Kriegsforschung, sondern war bestens mit ihrer verzweigten Friedens- und Konfliktforschung bedient. 

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Der auch heute noch weit verbreitete deutsche weltpolitische Eskapismus rechtfertigt sich freilich mit einem selbstkritischen Blick auf die jüngere Geschichte und dem Hinweis auf die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Der Aufstieg pazifistischer Stimmungen in Westdeutschland war jedoch weniger von tatsächlich angemessenen Lehren aus der Vergangenheit geprägt. Stattdessen war er in hohem Maß eine Funktion des kostenarmen Schutzes Westeuropas durch US-Truppen und nichtdeutsche NATO-Atomwaffen. 

Mit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks und Beginn der EU- sowie NATO-Erweiterungen in den 1990er Jahren verstärkte sich die weltpolitische Tagträumerei der Deutschen und ihre Perzeption, dass die Herstellung internationaler Sicherheit eine ethisch und strategisch unproblematische Aufgabe sei. Deutschland ist seit 30 Jahren ausschließlich von befreundeten Nationen und Bündnissen umgeben und eng mit ihnen verbunden. Die günstige geografische Lage der wiedervereinigten Deutschen und die Verlässlichkeit ihrer Verbündeten schufen den Nährboden für einen introvertierten außenpolitischen Diskurs, der hohen Moralismus, unreflektierten Pazifismus und impraktikablen Idealismus zelebriert.


Dr. Andreas Umland ist Analyst am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien (SCEEUS) des Schwedischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (UI) und Dozent im Fachbereich Politikwissenschaft der Kyjiwer Mohyla-Akademie (NaUKMA).

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