Kommentar um "5 vor 12"

Pardon soll gewährt werden

Die Bitte Angela Merkels um Verzeihung beeindruckt und verdient Respekt. Es darf dabei allerdings nicht stehen bleiben. Eine Änderung im Krisenmanagement ist dringend nötig.
Regierungsbefragung von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag in Berlin am 24. März 2021.
Foto: Emmanuele Contini via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | In einem als historisch bezeichneten Akt hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel alle Bürger unseres Landes um Verzeihung gebeten. Im Bild die Kanzlerin bei der Regierungsbefragung im Bundestag in Berlin am 24. März 2021.

Die Bundeskanzlerin bittet alle Bürger unseres Landes um Verzeihung für eine unzureichend vorbereitete und darum dilettantische Entscheidung, die zurückgenommen werden muss. Das verdient großen Respekt und Anerkennung. Gerade als Katholiken sollten wir um Schuld, Vergebungsbitte und Verzeihung wissen. Man sollte diesen Schritt wirklich tun und verzeihen, schließlich ist ein Akt des Verzeihens auch ein Akt des Friedens und der Versöhnung. Wir bitten in jeder Messe darum.

Umkehr gehört dazu

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Für die Kanzlerin gilt allerdings, dass zur Schuldanerkenntnis auch die Umkehr gehört. Man sieht leicht, dass dies gar nicht so einfach ist. Es mag ja sein, dass Reisen nach Mallorca in der Epidemie kontraindiziert sind. Doch unsere Verfassung, die einschlägigen Gesetze und die EU-Verträge garantieren dem Bürger Freizügigkeit. Das kann man nicht en passant mit einem Erlass kassieren, wie es gestern offensichtlich als Idee ausgerechnet wieder von der Kanzlerin in die Diskussion eingebracht wurde.

Mehr Expertise ist nötig

Diese erneut versuchte Fehlsteuerung kann aufzeigen, was erforderlich ist. Es muss endlich ein Krisenstab her, der diesen Namen auch verdient und der in einem demokratischen Gemeinwesen auf allen Ebenen handlungsfähig ist. Ein solcher Stab darf nicht nur aus Kanzlerin und Ministerpräsidenten bestehen. Es braucht in einem solchen Krisenstab Regierungsvertreter, Parlamentarier und Vertreter des Bundesrates. Dazu kommen Fachleuten verschiedenster Sachgebiete. Das sind vor allem Mediziner aber auch Juristen und Verwaltungsfachleute, es braucht Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler ebenso wie Psychologen und Pädagogen. Nur mit fachübergreifender Expertise und kontroverser Diskussion kommt man am Ende zu sinnvollen Strategien, die länger als wenige Stunden halten.

Wir brauchen klare Ziele

Erklärtes Ziel muss sein, die Impfkampagne endlich in Schwung zu bringen und eine sinnvolle Teststrategie zu etablieren. Es muss Schluss sein mit dieser Politik der Hoffnungslosigkeit. Die Bürger akzeptieren vieles, wenn sie einen Plan, einen Sinn und ein Ende erkennen können. Das sinnlose Ein- und Zusperren akzeptiert bald niemand mehr. Gewähren wir der Bundeskanzlerin unbedingt die Verzeihung, doch fordern wir genauso konsequent die Umkehr ein.

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