Kommentar um "5 vor 12"

Der nette Herr Laschet war gestern

Der CDU-Kanzlerkandidat setzte im Triell auf Angriff. Ob das aber für eine Trendwende reicht, bleibt noch offen.
Wahl-Triell - Nach der TV-Diskussion der Kanzlerkandidaten
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Ob Laschet nun tatsächlich eine Trendwende schafft, bleibt offen. Die ersten Umfragen, über deren Aussagekraft sich allerdings streiten lässt, sprechen dagegen.

Dem Schlafwagen hat Armin Laschet endgültig den Rücken gekehrt. In der zweiten großen Fernsehdiskussion mit seinen Mitkonkurrenten, die am Sonntagabend bei den Öffentlich-Rechtlichen gesendet wurde, verwendete der CDU-Kanzlerkandidat sichtlich Energie darauf, schärfer, aggressiver und auch inhaltlich pointierter aufzutreten als man es bisher von ihm gewohnt war. Der nette Herr Laschet, der auf die alte Merkel-Strategie der Asymmetrischen Demobilisierung setzt, war gestern. Damit sorgte er auch insgesamt für eine Belebung.

Laschet geht gleich zu Beginn in die Offensive

Schon gleich zu Beginn ging Laschet offensiv den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz an und stellte diesem Fragen zu dessen Verwicklung in die Affären um Wirecard und die Warburg-Bank. Zwar litt auch dieser Angriff darunter, dass die Komplexität dieser Fälle sich nicht so einfach auf ein debattentaugliches Schlagzeilen-Format runterbrechen lässt. Scholz parierte die Vorwürfe auch in der ihm eigenen Ruhe, doch ein wenig schien zumindest seine hanseatische Gelassenheit angekratzt.

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Insgesamt scheint Laschet drei Punkte zu beherzigen, die bisher in seinem Wahlkampf vernachlässigt wurden und die ihm jetzt eine Trendwende verschaffen sollen: 1. Der Wahlkampf wird weltanschaulicher. Schon mit seinem Satz beim CSU-Parteitag am Samstag, die SPD habe in der Geschichte immer auf der falschen Seite gestanden, hatte Laschet gezeigt, dass die Zeit des höflichen Floskelaustausches für ihn nun zu Ende ist. Dass die Sozialdemokraten sogleich laut aufheulten und von Gesichtsklitterung sprachen, dabei aber ignorierten, dass Laschet sich explizit auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik bezogen hatte, bewies, er hatte ins Schwarze getroffen. Diesem Argumentationsmuster blieb er im Triell treu: Die Sozialdemokraten können nicht mit Geld umgehen. Sie setzten auf den Staat und auf Bürokratie und schränken den Einzelnen in seiner Freiheit ein. Und sie wollen die Steuern erhöhen. Dies ist nun sein argumentatives Leitmotiv.

Sympathiewerte und politische Führung sind zwei Paar Schuhe

2. Laschet hat offenbar erkannt, dass Sympathiewerte und politische Führung zwei Paar Schuhe sind. Gewiss, dass er Scholz so aggressiv angegangen ist, mag auf viele Zuschauer zunächst nicht besonders sympathisch gewirkt haben. Aber hier konnte er politische Führung beweisen. Er hat ein Thema gesetzt. Man merkte Laschet an, dass es ihm nicht leichtgefallen ist, mit seinem Image vom „netten Menschen aus Aachen“ zu brechen. Aber er hat es getan. Das ist Ausdruck eines politischen Reifungsprozesses.

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3. Die CDU-Kampagne ist jetzt eindeutig weniger an Wechselwähler ausgerichtet, sondern zielt darauf ab, die Stammwählerschaft zu mobilisieren. Laschets indirekter Appell an diese Gruppe: Die Sache ist noch nicht gelaufen. Keiner darf zuhause bleiben, jeder muss sein Kreuz machen. Dann kann die Union es noch schaffen.

Die Causa Maaßen haftet ihm noch an

Freilich hat er hier noch mit zwei Problemen zu kämpfen: Wie steht er zu Hans-Georg Maaßen, dem CDU-Kandidaten in Südthüringen? Seine Solidaritätsbekundung fiel gestern nur sehr schwach aus. Auch soll die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien, die Maaßen scharf angegriffen hatte, weiter im Laschet-Team bleiben. Und es wird weiter für ihn eine Herausforderung bleiben, sich gegenüber der Kanzlerin zu positionieren. Der Satz 2015 darf sich nicht wiederholen“ fiel gestern nicht.

Ob Laschet nun tatsächlich eine Trendwende schafft, bleibt offen. Die ersten Umfragen, über deren Aussagekraft sich allerdings streiten lässt, sprechen dagegen. Laschet bleibt letztlich nichts anderes übrig, als an seiner neuen Strategie festzuhalten. Das Urteil sprechen die Wähler in zwei Wochen.   

 

 

  

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