Berlin

Familienpolitik der DDR: Von wegen gleichberechtigt

In linksliberalen Kreisen wird die Familienpolitik der DDR für fortschrittlich gehalten. In Wirklichkeit brachte diese viel Leid mit sich – vor allem für Frauen und Kinder.

Grunge-Flagge Deutsche Demokratische Republik (DDR)
Im Familiengesetzbuch der DDR wurde die Familie zwar als kleinste Zelle der Gesellschaft beschworen. Doch in der Wirklichkeit war die Politik des Regimes durch Familienfeindlichkeit geprägt. Foto: Christian Mueringer (69528141)

Der Text könnte aus dem Parteiprogramm der AfD stammen: „Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie beruht auf der für das Leben geschlossenen Ehe und auf den besonders engen Bindungen, die sich aus den Gefühlsbeziehungen zwischen Mann und Frau und den Beziehungen gegenseitiger Liebe, Achtung und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen Familienmitgliedern ergeben.“

Das Hohelied auf Ehe und Familie stammt aus dem Familiengesetzbuch der DDR. Schon im nächsten Satz hieß es dort: „Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik sind die feste Grundlage für die sozial gesicherte Existenz der Familie.“ Die Wirklichkeit sah freilich anders aus: Die Scheidungsrate der DDR war eine der höchsten der Welt. Und die meisten Kinder bekamen ihre Eltern nur selten zu Gesicht, weil sie zehn oder mehr Stunden in Krippen, Kindergärten oder Schule und Hort verbringen mussten. Nach der Wiedervereinigung berichteten ostdeutsche Frauen, wie schwierig es war, der Familie gerecht zu werden. Hauptgrund dafür war, dass fast alle Frauen berufstätig waren – die meisten in Vollzeit, also wöchentlich 43 Stunden.

Nach Feierabend begann die "zweite Schicht"

Nach Feierabend begann dann die „zweite Schicht“: Kinderabholen, Einkaufen, Haushalt – durchschnittlich pro Woche 47 Stunden. Vor allem das Einkaufen war in der Mangelwirtschaft der DDR eine zeitaufwändige Angelegenheit. Hinzu kam die schlechte Ausstattung vieler Wohnungen: In 65 Prozent aller Haushalte musste abends erst einmal der Kohleofen in Gang gebracht werden. Und 18 Prozent hatten kein Bad. Die Produktion der einzigen DDR-Spülmaschine wurde nach zwei Jahren wieder eingestellt.

Der Wochentag einer Ostdeutschen sah deshalb häufig so aus, dass sie ihre Kinder um 5 Uhr morgens weckte, um 6 Uhr in die Krippe oder den Kindergarten brachte und anschließend bis 16 Uhr arbeitete. Danach musste sie einkaufen, die Kinder wieder abholen, Abendbrot machen, Wäsche waschen, den Nachwuchs ins Bett und den Haushalt in Ordnung bringen – bis sie selbst erschöpft ins Bett fiel.

Trotz dieser millionenfachen Erfahrung wird die Lage der Frauen in der DDR in linksliberalen Kreisen gerne verklärt. Auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung findet sich zum Beispiel ein langer Beitrag der Linken-Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg, in dem die Familienpolitik der SED unverblümt zur Nachahmung empfohlen wird. Möglichst viele Kinder müssten in Krippen und Kitas untergebracht werden – erst dann könnten Frauen sich selbst verwirklichen.

Der SED ging es nicht um das Wohl der Frauen

Ostprodukte
Die Hauptlast haben die Mütter getragen. Schon der Einkauf war in der Mangelwirtschaft eine schwierige Herausforderung. Foto: Stefan Sauer (dpa-Zentralbild)

Dabei ging es der SED keineswegs um das Wohl der Frauen. Mit massivem Druck verfolgte sie vielmehr das Ziel, möglichst viele von ihnen zu Lohnarbeiterinnen zu machen. Denn in der DDR herrschte ein notorischer Arbeitskräftemangel, für den vor allem die ineffiziente Planwirtschaft und der aufgeblähte Partei- und Staatsapparat verantwortlich waren.

Schon 1950 legte das „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ fest: „Durch die Eheschließung darf die Frau nicht gehindert werden, einen Beruf auszuüben oder einer beruflichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen und politischen Fortbildung nachzugehen; auch wenn hierdurch eine zeitweilige örtliche Trennung der Eheleute bedingt wird.“ Noch weitgehendere Regelungen enthielten das Familiengesetzbuch von 1966 und das Arbeitsgesetzbuch von 1978.

Gleichzeitig propagierte die SED unablässig das Idealbild der sozialistischen Frau, die als Traktorfahrerin, Maschinistin oder Chemiefacharbeiterin „ihren Mann steht“. Auf diese Weise wurde die Erwerbsbeteiligung von Frauen in der DDR auf 91,2 Prozent hochgetrieben – die höchste Quote der Welt. Erst der Geburtenknick durch die Anti-Baby-Pille veranlasste die SED zu einer partiellen Kurskorrektur. Unter Parteichef Erich Honecker sollten Frauen nun auch verstärkt dazu motiviert werden, Kinder zu bekommen. Seit 1972 erhielten deshalb Neuverheiratete unter 26 Jahren einen zinslosen Ehekredit von zuletzt 7 000 Mark. Diesen konnte man, wie es in der DDR hieß, „abkindern“ – mit dem dritten Kind war der Kredit getilgt. Mütter erhielten außerdem eine Geburtenhilfe in Höhe von zuletzt 1 000 Mark, seit 1975 wurde ihnen zudem Kindergeld ausgezahlt.

Familienpolitik der DDR: Einjähriger Kündigungsschutz für berufstätige Mütter

1976 wurde dann das sogenannte Babyjahr eingeführt – eine bezahlte Freistellung für alleinerziehende Mütter von zuletzt zwölf Monaten, die später auf alle Mütter ausgedehnt wurde. Berufstätige Mütter genossen zudem einen einjährigen Kündigungsschutz, einen Schwangerschaftsurlaub von zuletzt 26 Wochen und eine bezahlte Freistellung, wenn das Kind krank war. Bei drei, später zwei Kindern wurde ihre Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden reduziert, außerdem gab es drei zusätzliche Urlaubstage. Den monatlichen „Haushaltstag“ für verheiratete Frauen – ursprünglich eine Erfindung der Nationalsozialisten – konnten später auch unverheiratete Mütter in Anspruch nehmen.

Am Ziel der Berufstätigkeit möglichst aller Mütter hielt die SED aber fest. Das Angebot an Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorten wurde deshalb großflächig ausgebaut. Am Ende betrug der Versorgungsgrad bei den Krippen 80,2 Prozent und bei den Kindergärten 95,1 Prozent. Für ein Essensgeld von täglich 1,40 Mark (Krippe) oder 35 Pfennig (Kindergarten) wurden die Kinder von sechs bis 18 Uhr betreut. Entsprechend viele Eltern nahmen das Angebot in Anspruch.

Diese Maßnahmen werden heute gern zugunsten der DDR ins Feld geführt. Dabei wird vergessen, dass es für arbeitsfähige Frauen (und Männer) eine sogar strafrechtlich verankerte Pflicht zur Arbeit gab. Längere Phasen der Selbstfindung oder der Mutterschaft, wie sie heute üblich sind, waren praktisch unmöglich.  Die staatliche Beaufsichtigung der Kinder bedeutete zudem eine weitreichende Entmündigung der Eltern. Unmöglich war es auch für junge Paare, das Zusammenleben erst einmal auszuprobieren, bevor sie eine Familie gründeten. Nur wenn sie heirateten und/oder ein Kind bekamen, hatten sie eine Chance, eine Wohnung zu bekommen. Wohnungen gab es in der DDR nämlich nur auf Zuteilung. Das prominenteste Beispiel einer solchen Ehe ist Angela Merkel, die mit 23 Jahren einen Kommilitonen heiratete – und sich bald darauf wieder scheiden ließ.

Mit Anfang Zwanzig in die Ehe

Jugendliche in der FDJ
Die Jugendlichen waren in der FDJ erfasst. Das wirkte sich auch auf das Familienleben aus. Foto: Jens Kalaene (dpa)

Die meisten DDR-Bürger gingen bereits mit Anfang Zwanzig den Bund fürs Leben ein und bekamen bald ihr erstes Kind. Doch viele dieser Ehen gingen bald wieder zu Bruch – mit all den Folgen für die Kinder. Die Scheidungsquote in der DDR lag zuletzt bei über 38 Prozent. Die Anreize für Mütter konnten auch nicht verhindern, dass die sogenannte Fertilitätsrate von 2,5 Kindern pro Frau (1965) auf nur noch 1,4 Kinder (1989) abfiel. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass Mutterschaft und Berufstätigkeit eine enorme Doppelbelastung bedeuteten. Verantwortlich dafür war nicht nur das Verhalten der Männer, sondern auch der sozialistische Staat, der Kinder und Haushalt de facto als Frauensache betrachtete. Nahezu alle familienpolitischen Vergünstigungen – vom Haushaltstag bis zum Babyjahr – standen nämlich nur Frauen zu. Nicht zufällig hieß das schulische Mitteilungsheft in der DDR „Mutti-Heft“.

Das Ungerechte daran war, dass Frauen – entgegen den gesetzlichen Bestimmungen – meist deutlich weniger verdienten als Männer. Aller Propaganda zum Trotz arbeiteten nämlich die meisten von ihnen in frauentypischen Berufen, die auch im Sozialismus schlechter bezahlt wurden. Da Teilzeitarbeit praktisch nur für Frauen genehmigt wurde, betrugen die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern rund 30 Prozent – gut acht Prozent mehr als heute.

Auch sonst konnte von Gleichberechtigung keine Rede sein. Trotz der hohen Erwerbsbeteiligung von Frauen lag ihr Anteil in oberen Leitungspositionen unter zehn Prozent, in Top-Führungspositionen sogar unter fünf Prozent. Besonders offensichtlich war dies ausgerechnet in der SED: Nur 26 von 221 Mitgliedern des letzten Zentralkomitees waren weiblich, im Politbüro gab es sogar keine einzige Frau mit Stimmrecht. Auch die DDR-Regierung war reine Männersache – mit einer Ausnahme: der Frau von Erich Honecker, die 26 Jahre lang „der“ Minister für Volksbildung war, denn in der DDR wurde nicht gegendert.

Leidtragende waren Frauen und Kinder

Leidtragende der DDR-Familienpolitik waren neben den Frauen vor allem die Kinder. Die gängige Praxis, sie bereits kurz nach der Geburt für neun oder zehn Stunden in eine Krippe zu geben, war für die Babys oft eine traumatische Erfahrung. Viele reagierten darauf mit psychosomatischen Störungen. Auf individuelle Bedürfnisse wurde kaum Rücksicht genommen, weil der Tagesablauf einem zentralen Plan zu folgen hatte – mit festen Zeiten für die Fütterung, das „Töpfen“, das Schlafen, das Spielen oder das Spazierengehen. Im Zentrum der sozialistischen Erziehung stand dabei die Einordnung ins „Kinderkollektiv" und das Erlernen von Befehl und Gehorsam, mit wachsendem Alter auch die politische Indoktrination. Insbesondere die Sauberkeitserziehung war rigide. Strafen und Beschämung vor anderen waren keine Seltenheit – etwa indem das Kleinkind mit der Windel ins Gesicht geschlagen wurde.

Am Ende trug die Familienpolitik der SED sogar mit zum Untergang der DDR bei. Die hohen Sozialausgaben wurden nämlich nicht aus eigener Kraft finanziert, sondern immer mehr durch Auslandskredite. Als Egon Krenz im Oktober 1989 einen Kassensturz anordnete, stellte sich heraus, dass die DDR kurz vor der Pleite stand. Der Chef der Zentralen Plankommission prognostizierte: „Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahr 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25–30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen.“ Seine Worte sollten nur kurze Zeit später in Erfüllung gehen.

Der Autor ist Historiker und leitete von ihrer Gründung im Jahr 2000 bis 2018 die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor beim Symposium „Familie am Abgrund. Ursachen und Auswege“ des Aktionsbündnisses „Demo für alle“ am vergangenen Samstag gehalten hat

Das Symposium

Über 500 Teilnehmer sind am vergangenen Samstag zum Symposium der „Demo für alle“ in Böblingen gekommen, das das Aktionsbündnis zusammen mit der Petitionsplattform „Citizen Go“ organisiert hat. Der Wirtschaftsprofessor Jörg Guido Hülsmann zeigte auf, wie staatliche Interventionen die Freiheit und Unabhängigkeit von Familien bedrohen können. Imre Téglasy, Direktor von Human Life International Hungary, erläuterte, wie die ungarische Regierung eine konstruktive Familien- und Gesellschaftspolitik betreibe. Minsterpräsident Viktor Orbán habe dem „demographischen Winter“ den Kampf angesagt. Ein Anstieg der Geburten- und Heiratsraten sei bereits feststellbar. Der Wiener Psychotherapeut und Psychiater Raphael M. Bonelli erläuterte schließlich, wie Familie funktioniere und wie nicht. Familien benötigten eine innere Ordnung. Damit ginge eine Wertschätzung echter Männlichkeit und echter Weiblichkeit einher. Wie auch in den Vorjahren gab es linke Gegendemonstranten; etwa 150 Polizeikräfte waren nach Angaben der Veranstalter im Einsatz.

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