Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Noch vor dem Frühstück werden Schlafdauer, Stimmung und Tagesziele in einer App erfasst. Anschließend wird die Aufgabenliste neu geordnet, ein Zeitmesser für 25-minütige Arbeitsphasen eingestellt und ein Podcast über konzentriertes Arbeiten gestartet. Zwei Stunden später ist das persönliche Organisationssystem sorgfältig gepflegt. Die wichtigste Aufgabe des Tages liegt aber weiterhin unberührt auf dem Schreibtisch. Für diese eigentümliche Beschäftigung mit dem Produktivsein, ohne dabei wirklich produktiv zu sein, hat sich im englischsprachigen Internet der polemische Ausdruck „Productivity Porn“ verbreitet. Gemeint sind Inhalte, die immer neue Methoden zur Steigerung der eigenen Leistung möglichst ästhetisch anpreisen.
Das Problem dabei: Das Betrachten gut organisierter Schreibtische und perfekter Tagesabläufe vermittelt zwar kurzfristig Befriedigung, geschafft ist damit aber noch nichts. Die eigentliche Aufgabe wird weitergeschoben Der Reiz derartiger Beschäftigung ist leicht zu verstehen. Anspruchsvolle Arbeit enthält Unsicherheit, ihr Ergebnis zeigt sich häufig erst nach Tagen oder Wochen, und manche Aufgabe beginnt mit dem unangenehmen Gefühl, ihr noch nicht gewachsen zu sein. Ein neu eingerichteter Kalender liefert dagegen sofort ein sichtbares Resultat, Farben, Kategorien und Zeitblöcke erzeugen Ordnung. Eine schnelle Belohnung, während die eigentliche Aufgabe weiter aufgeschoben werden kann.
Produktivität, die neue Selbstdisziplin
Dahinter steckt aber mehr als Prokrastination: Die Produktivitätsindustrie verkauft Programme, Planer und Beratung und verbreitet so zugleich ein bestimmtes Bild vom Menschen. Der Einzelne erscheint darin als unvollendetes Projekt, das fortwährend verbessert werden soll. Menschen „maximieren“ ihren Ertrag, „hacken“ Gewohnheiten und behandeln Aufmerksamkeit wie eine Ressource, deren Nutzung lückenlos erfasst werden soll. Die Fabrik des frühen 20. Jahrhunderts vermaß den Handgriff des Arbeiters mit der Stoppuhr.
Heute übernimmt der Einzelne einen Teil dieser Kontrolle selbst: Das Messgerät liegt auf dem Schreibtisch oder am Handgelenk, und die Auswertung wird freiwillig vorgenommen. Damit verändert sich auch das Verhältnis zur eigenen Person. Wer jeden Tag in Kennzahlen übersetzt, kann Leistung leicht mit Wert verwechseln. Ein abgearbeiteter Plan vermittelt dann persönliche Bestätigung. Das macht die Arbeitsorganisation zu einer moralischen Prüfung: Der Einzelne verbindet hohe Leistung mit persönlicher Bewährung und erlebt nachlassende Kräfte als eigenes Versagen.
Soziale Netzwerke machen die vermeintliche Produktivität dann auch noch sichtbar und damit vergleichbar. Videos zeigen den Arbeitsbeginn vor Sonnenaufgang, einen makellos geordneten Schreibtisch und einen Tagesplan ohne ungenutzte Minute: ein unerreichbarer Maßstab.
Die Menschenwürde hängt nicht vom Arbeitstempo ab
Die christliche Tradition misst der Arbeit einen hohen Rang zu. Der Mensch soll die Erde bebauen und bewahren, seine Fähigkeiten entfalten und durch seine Tätigkeit anderen dienen. Arbeit gehört zur menschlichen Berufung, sie ist Teilhabe an der Schöpfung. Johannes Paul II. formulierte diesen Status in der Sozialenzyklika „Laborem exercens“ mit dem Satz, die Arbeit sei „für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit“. Es ist also gerade nicht so, dass der Mensch seinen Wert durch ständig steigende Leistung bestätigen muss. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, wie schnell er arbeitet, wie gut er sich organisiert oder wie viele Aufgaben er an einem Tag erledigt.
Papst Franziskus führte diesen Gedanken mit Blick auf Alter und soziale Sicherung weiter: „Die Würde des Menschen darf niemals beeinträchtigt werden, auch wenn er wirtschaftlich nicht mehr produktiv ist.“ Eine christliche Kritik der Produktivitätskultur richtet sich deshalb keineswegs gegen Fleiß. Fleiß ist eine Tugend, wenn er einer sinnvollen Aufgabe dient. Verlässliche Arbeit kommt anderen zugute. Dem Selbstoptimierungswahn gilt Arbeit als Rechtfertigung der eigenen Existenz; Ruhe hat ihre Berechtigung nur noch als Vorbereitung auf die nächste Leistungsphase. Der biblische Rhythmus von Arbeit und Sabbat setzt diesem Zugriff eine Grenze. Der siebte Tag gibt der Ruhe einen Eigenwert.
Der Mensch wendet sich Gott und anderen Menschen zu und erfährt die Schöpfung als Gabe. Papst Franziskus sprach in diesem Zusammenhang von der „Würde der Arbeit und der Schönheit der Ruhe“. Sind Produktivitäts-Apps für Christen also tabu? Zumindest so viel scheint klar: Ein vernünftiger Umgang beginnt bei ihrem begrenzten Zweck: Ein Werkzeug hat sich bewährt, wenn es ohne Lärm die Arbeit vereinfacht. Eine Methode aber, die ständig gepflegt, erklärt und öffentlich vorgeführt werden muss, beansprucht bereits zu viel Aufmerksamkeit. Die Summe erledigter Aufgaben erfasst den Menschen nicht. Der Autor ist Germanist und Prorektor der Allensbach Hochschule (Konstanz). Er ist als Publizist und Berater tätig.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.










