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Erschaffung des Menschen: Woher kommen wir?

Über einen Schöpfungsmythos verfügt nahezu jede Kultur auf dieser Erde. Doch die biblische Schöpfungserzählung sticht in vielerlei Hinsicht heraus. Eine neue Folge der Tagespost-Reihe „Sagen und Mythen“.
Erschaffung des Menschen und Sündenfall
Foto: IMAGO/Heritage Art/Heritage Images (www.imago-images.de) | Charles-Joseph Natoire, Die Zurechtweisung Adams und Evas (1740).

Jemanden zu fragen, wo er herkommt, gilt heutzutage als Inbegriff des Rassismus. Sich selbst zu fragen, wo man herkommt, ist hingegen eine urmenschliche Veranlagung. Kaum ein Kulturkreis verfügt nicht über eine Erzählung über den Ursprung der Welt und die Erschaffung des Menschen. Nicht selten gehören die entsprechenden Texte zu den ältesten Überlieferungen der jeweiligen Kultur.

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Der moderne Mensch hat sich von derartigen Erzählungen weitgehend abgenabelt und vertraut einzig und allein auf die Naturwissenschaft mit ihren Theorien vom Urknall und der Evolution. Sinnfindung hat er damit allerdings nicht betrieben, denn die liegt außerhalb der Fähigkeiten der Naturwissenschaft, ist aber die eigentliche Funktion von Mythen.

Suche nach dem Warum unserer Existenz

Die Frage, wann genau die Welt entstanden ist, spielt hier eher eine untergeordnete Rolle. Erst viel später ist man auf die absurde Idee gekommen, das präzise Alter der Welt etwa anhand der alttestamentlichen Berichte bestimmen zu wollen. Die eigentliche Motivation hinter der mythischen Erzählung ist die Suche nach unserem Platz in dieser Welt, nach dem Warum unserer Existenz.

Womit hat alles angefangen? Das ist die Frage, die so gut wie alle archaischen Mythen zu beantworten versuchen. Daher beginnen auch nicht wenige Schöpfungserzählungen mit eben diesen Worten: „Im Anfang...“. In der Bibel heißt es, dass Gott im Anfang Himmel und Erde schuf. Allerdings lässt sich der neutestamentliche Johannesprolog noch als Vorspann zur Genesis lesen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.“

Im Anfang war das Chaos

Hierdurch unterscheidet sich das Christentum auf prägnante Weise von den Schöpfungsmythen anderer Kulturen, die zumeist das Nichts beziehungsweise das Chaos als Urzustand betrachten. So heißt es etwa in der ägyptischen Mythologie: „Im Uranfang ist Nun, das dunkle Urgewässer. Nun ist das Nichts und doch voller Kraft. Nun hat sich selbst erschaffen.“

Beim griechischen Dichter Hesiod lesen wir: „Zuallererst war Chaos da. Es war der leere Raum.“ Ganz Ähnliches hören wir im taoistischen Schöpfungsmythos aus dem fernen China, wobei freilich beachtet werden muss, dass die chinesischen Begriffe in der deutschen Übersetzung nicht vorschnell mit unseren eigenen identifiziert werden sollten: „Im Anfang war das Chaos, Leere, Dunkelheit unergründliche Tiefe des Ur-Ozeans.“

Warum ist überhaupt etwas?

Im Anschluss an diesen Urzustand kommt es dann für gewöhnlich zur Entstehung der ersten und obersten Götter, zur Theogonie, wie der Titel des Werks von Hesiod passend lautet. Auch dieses Element fehlt bemerkenswerterweise in der christlich-jüdischen Theologie. Gott entsteht nicht, er hat keinen Anfang, er ist ewig. Worin nahezu alle Mythen dann wieder übereinstimmen, ist, dass die Götter (beziehungsweise Gott) für die Erschaffung der Welt verantwortlich sind.

Interessant ist hierbei, dass fast nie ein Grund oder Zweck für diese Schöpfung genannt wird, Leibniz' berühmte Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ bleibt unbeantwortet. Einzig in der ägyptischen Version erklärt der Schöpfergott Re: „Ich bin es, der den Himmel gemacht hat und die Geheimnisse der beiden Horizonte, damit die Seelen der Götter darin wohnen.“ Ansonsten scheint man gemäß dem neuplatonischen Grundsatz „Bonum est diffusivum sui“ („Das Gute ist das sich selbst Verströmende“) einfach davon auszugehen, dass es nun einmal zum Wesen des Göttlichen gehört, schöpferisch tätig zu sein.

Gott erschafft in vollkommener Freiheit und aus purer Liebe

Auch in der biblischen Erzählung ist das „Erschaffen“ (hebräisch „bara“) allein Gott vorbehalten, nur in Bezug auf ihn taucht der Begriff im Alten Testament auf. Allerdings hat die christliche Tradition stets betont, dass Gott keineswegs zu einer solchen Schöpfung verpflichtet gewesen sei, geschweige denn, dass er durch die Erschaffung der Welt irgendeinen Mangel beheben wollte. Gott erschafft die Welt in vollkommener Freiheit und aus purer Liebe.

Darüber hinaus vollzieht er seine Schöpfung ohne jede Voraussetzung und losgelöst von sich selbst. Weder verwendet er irgendeine vorgegebene Form von Urmaterie, wie man sie in der Philosophie Platons, aber auch etwa in der indischen Mythologie findet, noch entstand irgendein Teil der Schöpfung aus ihm selbst heraus, so, wie etwa bei den Ägyptern die Menschen aus den Tränen des Gottes Atum hervorgegangen sind. Daher betont die kirchliche Dogmatik mit Nachdruck, dass der Sohn zwar aus dem Vater geboren, aber nicht geschaffen ist, er gehört nicht zur Schöpfung, sondern ist, wie auch die anderen Personen der Trinität, vor aller Zeit.

Unterschied zwischen der biblischen und anderen Schöpfungserzählungen 

Der markanteste Unterschied zwischen der biblischen und anderen Schöpfungserzählungen besteht darin, dass der biblische Gott seine eigene Schöpfung bewertet: „Und er sah, dass es gut war.“ Die Vorstellung einer guten Schöpfung ist tief im biblischen Denken verankert, führte im Lauf der Zeit aber unweigerlich zum Problem der Theodizee. An allen Ecken und Enden lässt sich erkennen, dass die Welt voller Leid und Übel ist.

Wie verträgt sich diese offensichtliche Tatsache mit dem Glauben an eine gut geschaffene Welt? In der Geschichte der Kirche gab es durchaus nicht wenige Gruppierungen, die ebendiesen Widerspruch theologisch nicht verarbeiten konnten und daher die Vorstellung eines guten und allmächtigen Schöpfergottes ablehnten.

Christentum muss mit Widerspruch leben

Nur ein fauler Baum bringt schlechte Früchte hervor, argumentierte beispielsweise der Erzketzer Marcion in der Mitte des zweiten Jahrhunderts unter Berufung auf das berühmte Herrenwort. Wenn die Welt also schlecht ist, könnte sie nur von einem schlechten Gott erschaffen worden sein. Sekten wie die Manichäer und Katharer sollten später ähnlich argumentieren.

Dualistische Systeme sind stets logisch aufgebaut und daher für Menschen leichter zugänglich und somit verführerisch. Das Christentum hingegen muss von Beginn an mit einem Widerspruch leben: Warum muss eine vollkommen geschaffene Welt erlöst werden? Die Antwort kann nur beim Menschen zu finden sein.

Was ist der Mensch?

Die Frage nach dem Ursprung des Menschen ist im Rahmen der Schöpfungsmythen mindestens ebenso wichtig, wenn nicht sogar bedeutsamer als die Frage nach der Entstehung der Welt. Es ist die Fragen nach unserem Selbstverständnis und unserer Identität.

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Die Erschaffung des Menschen liegt in den Händen der Götter, soviel ist allen Mythen gemein. Ebenso wie bei der Welt wird auch bei den Menschen selten ein Motiv für deren Erschaffung genannt, diese wird in gewisser Weise ebenfalls als natürlicher Vorgang angesehen. Faszinierend ist hier die Erklärung aus der sumerischen Genesiserzählung (um 1800 v. Chr.), in der es heißt: „Als die Götter Menschen waren, leisteten sie die Arbeit, trugen sie den Tragkorb. Die Fronarbeit der Götter war groß, die Arbeit war schwer, viel Mühsal gab es.“

Klassenkampf zwischen den Göttern

Im Anschluss kommt es zu einer Art Klassenkampf zwischen den Göttern, bei dem die eine Klasse (Anunnaku) der anderen (Igigi) die Arbeit aufhalsen will. Doch die Igigi treten alsbald in den Streik und verbrennen all ihre Arbeitsgeräte. Eine Lösung des Arbeitskonflikts scheint unmöglich, bis der weise Gott Enki auf die rettende Idee kommt: die Erschaffung der Menschen. Sie sollen die Arbeit für die Götter übernehmen.

Auch in der alttestamentlichen Erzählung wird der Mensch von Gott unmittelbar mit landwirtschaftlicher Arbeit betraut, er setzt den Menschen in den Garten, auf dass er ihn „bebaue und bewahre“. Der Unterschied besteht freilich darin, dass der biblische Gott, anders als seine sumerischen Pendants, nicht auf Nahrung angewiesen ist, daher wird der Mensch als selbstständiger Landschaftsgärtner geschaffen, nicht als Zulieferer für Gott. Vielmehr ist ihm die Herrschaft über die Erde anvertraut, wenngleich in stellvertretender Funktion.

Woher kommt der Konflikt?

Bemerkenswert ist, dass viele Mythen von einem ursprünglichen Zustand der Harmonie zwischen Menschen und Göttern berichten, der dann durch ein Ereignis zerstört wird, das die Emanzipation der Menschen bewirkt. In der griechischen Mythologie ist es Prometheus, der den Menschen die Macht des Feuers schenkt, entgegen dem ausdrücklichen Verbot des Göttervaters Zeus. Dieser bestraft daraufhin nicht nur den ungehorsamen Prometheus, sondern auch das Menschengeschlecht, dem er die unheilvolle Pandora sendet, aus deren berüchtigter Büchse alle Übel der Welt entspringen.

Das Motiv der Frau als Wurzel allen Übels ist allerdings älter und findet sich bereits im babylonischen Gilgamesch-Epos. Der Urmensch Enkidu, von den Göttern aus Lehn erschaffen, lebt zunächst unter den Tieren. Erst als er der Dirne Shamhat begegnet, die ihn mit ihrer Verführungskunst umgarnt, weitet sich sein Verstand, und er beginnt zu sprechen, verliert im Gegenzug aber einiges an Körperkraft. Dieser Vorgang wird von Shamhat kommentiert mit den Worten: „Weise bist du, Enkidu, wurdest wie ein Gott.“

Parallelen zur biblischen Erzählung vom Sündenfall

Dieser fundamentale Schritt erweist sich allerdings als zwiespältig, denn durch ihn hat Enkidu auch seine natürliche Unschuld verloren. Getrieben von Ruhmsucht begeht er allerlei Frevel, er fällt die heilige Zeder und tötet den Himmelsstier. Daraufhin trifft ihn der Zorn der Götter, auf seinem Sterbebett verflucht er die Dirne für die Gabe der Weisheit.

Die Parallelen zur biblischen Erzählung vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies sind so offensichtlich, dass sie nicht eigens ausgeführt werden müssen. Ein entscheidender Unterschied besteht darin, dass Enkidu, anders als Adam, nicht als Stammvater des Menschengeschlechts angesehen wird, weshalb sich aus dieser Geschichte keine Vorstellung einer Erbsünde entwickeln konnte. Überhaupt wird der Begriff „Sünde“ oder eine vergleichbare Bezeichnung ausgespart, das Gilgamesch-Epos sieht die Schuld für diese tragische Entwicklung nicht bei Enkidu.

Die biblische Erzählung erwähnt zwar ebenfalls die Verführerin in Form der Schlange, doch als Ausrede taugt sie nicht, Adam muss sich für seinen Ungehorsam selbst verantworten. Deshalb kann der Apostel sagen: „Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12).

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