Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 50 Jahre „Das egoistische Gen“

Viel heiße Luft

Vor fünfzig Jahren erschien Richard Dawkins’ Buch „Das egoistische Gen“. Der grandios erzählte Weltbestseller gilt als das wirkmächtigste Buch seit Charles Darwins „Die Entstehung der Arten“ aus dem Jahr 1859. Es hat nur ein Problem: Seine Kernthese ist falsch.
Vor fünfzig Jahren erschien Dawkins' einflussreichstes Werk.
Foto: Anne Schmidhuber | Vor fünfzig Jahren erschien Dawkins' einflussreichstes Werk.

Als 1976 Richard Dawkins’ Buch „The Selfish Gene“ (dt.: „Das egoistische Gen“) erschien, war sein Autor erst 35 Jahre alt und ein recht unbekannter Zoologe und Ethologe, ein Verhaltensforscher, der an der ehrwürdigen Universität Oxford lehrte. Das änderte sich nach dem Erscheinen des Buches schlagartig. Das Buch revolutionierte die Biologie und katapultierte seinen Autor ins Rampenlicht. Millionenfach verkauft, übersetzt in mehr als 30 Sprachen, prägte es das Verständnis der Evolution ganzer Generationen, drängte alternative Forschungen an die Wand und machte Dawkins zu einem der bekanntesten Wissenschaftler der Gegenwart.

1995 wurde er in Oxford zum Simonyi-Professor für das öffentliche Verständnis der Wissenschaft berufen. Der Grund: Der ungarische Informatiker und Milliardär Charles Simonyi war so angetan von Dawkins, dass er der Universität Oxford 1,5 Millionen Pfund spendete, unter der Maßgabe, dass sein Held der erste Inhaber des Lehrstuhls würde. 2006, drei Jahrzehnte nach Erscheinen des „egoistischen Gens“ und etliche Weltbestseller später („The Extended Phenotype“, 1982; „The Blind Watchmaker“, 1987; „River Out of Eden“, 1995; „The God Delusion“, 2006), kürte das Magazin „Der Spiegel“ Dawkins „zum einflussreichsten Biologen seiner Zeit“. 2013 wählte eine Jury britischer und US-amerikanischer Autoren des linksliberalen Magazins Prospect Dawkins sogar zum wichtigsten Denker der Welt.

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Der Grund hier: Um die Jahrtausendwende hatte Dawkins zusammen mit Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens den „Neuen Atheismus“ begründet. Von Robert Barron in Anspielung auf die vier Reiter der Apokalypse des Johannes als die „Vier Reiter“ (engl.: „The Four Horsemen“) bezeichnet, die je eine Katastrophe repräsentieren (Krieg, Pest, Hungersnot und Tod), oder von Terry Eagleton als „Ditchkins“ verspottet, gaben sich Dawkins und seine Mitstreiter jede Mühe, den Eindruck zu erwecken, die Vorstellung eines Schöpfergottes sei wissenschaftlich unhaltbar und irrational und Glaube und Religion für Gesellschaften wie Staaten per se schädlich. Seit einigen Jahren schon ist es um den heute 85-Jährigen ruhiger geworden. Aber seine Bücher sind weiter erhältlich und verbilden nach wie vor Generationen. Dabei – und das ist das eigentlich Erstaunliche – gab es schon früh massive Kritik an seinen zentralen Thesen. Nicht zuletzt von renommierten Angehörigen seiner eigenen Zunft.

Doch lassen wir zunächst Dawkins selbst zu Wort kommen. In Kapitel 1: „Warum gibt es Menschen?“ schreibt er: „Die These dieses Buches ist, daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden. Wie erfolgreiche Gangster aus Chicago haben unsere Gene in einer Welt intensiven Existenzkampfes überlebt – in einigen Fällen mehrere Millionen Jahre. Auf Grund dessen können wir ihnen bestimmte Eigenschaften unterstellen. Ich würde argumentieren, dass eine vorherrschende Eigenschaft, die wir bei einem erfolgreichen Gen erwarten müssen, ein skrupelloser Egoismus ist. Dieser Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen. Es gibt jedoch, wie wir sehen werden, besondere Umstände, unter denen ein Gen seine eigenen egoistischen Ziele am besten dadurch erreichen kann, daß es einen begrenzten Altruismus auf der Stufe der Individuen fördert. Die Worte ,besonders’ und ,begrenzt’ in diesem Satz sind wichtig. So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Sinn ergeben.“

Gene sind keine Akteure

Der berühmte, 2022 verstorbene US-amerikanische Paläontologe und Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould, der an der Harvard University lehrte, schrieb bereits ein Jahr nach dem Erscheinen von „The Selfish Gene“: „Ganz gleich, wie viel Macht Dawkins den Genen zuschreiben möchte, eines kann er ihnen nicht geben – direkte Sichtbarkeit für die natürliche Selektion. Die Selektion kann Gene schlichtweg nicht sehen und direkt unter ihnen auswählen. Sie muss Körper als Vermittler nutzen. (…) Körper lassen sich nicht in Teile zerlegen, von denen jeder durch ein einzelnes Gen aufgebaut wäre. (…) Teile sind keine translatierten Gene, und die Selektion wirkt nicht einmal direkt auf Teile ein. Sie akzeptiert oder lehnt ganze Organismen ab (…) Das Bild einzelner Gene, die den Verlauf ihres eigenen Überlebens planen, hat wenig mit der Entwicklungsgenetik zu tun, wie wir sie verstehen“ („Caring Groups and Selfish Genes“, Natural History, Bd. 86, Dez. 1977).

Gould sollte nicht der Einzige bleiben, der Anstoß an der Vorstellung egoistischer Gene nahm. Der US-amerikanische Molekularbiologe Gunter Stent (1924–2008) von der University of California in Berkeley warf Dawkins 1977 in seiner Rezension vor, bewusst ein „terminologisches Verbrechen“ begangen zu haben, um „sich einen eingängigen Titel“ zu verschaffen. Und der Entwicklungsbiologe Alfonso Martinez Arias von der Pompeu-Fabra-Universität in Barcelona kritisiert: „Dawkins denkt nur aus der Perspektive der Evolutionsbiologie und verfügt über wenig Wissen und sicherlich kein Verständnis von Molekular- oder Entwicklungsbiologie.“

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Seit „The God Delusion“, in dem Dawkins unter anderem vorschlägt, die religiöse Erziehung von Kindern als eine Straftat zu werten, die schlimmer sei als sexueller Missbrauch, haben sich auch Teile der Medien von ihm abgewandt. „Der eigentliche Kern von Dawkins’ erstem Buch ist nicht, dass (evolutionäre) Gene notwendigerweise egoistisch sind – nicht einmal im metaphorischen Sinne –, sondern dass sie aus evolutionärer Perspektive betrachtet Strategien verfolgen können, die ihr Fortbestehen sichern. Das lässt diese strategisch agierenden Gene wie listige kleine Akteure erscheinen. Betrachtet man jedoch, wie Gene beim Aufbau und Erhalt eines Organismus wirken, sind sie im Allgemeinen nichts dergleichen, nicht zuletzt, weil die DNA selbst inert (Anm. des Autors: nicht zum Handeln fähig) ist. Erst über viele Generationen hinweg entsteht diese Illusion strategischer Wirkungsfähigkeit. Solange wir uns bewusst sind, dass diese Pseudo-Wirkungsfähigkeit rein metaphorisch ist, gibt es kein Problem – aber sie heranzuziehen (wie Dawkins es getan hat), um tatsächlichen Organismen ihre echte Wirkungsfähigkeit abzusprechen, ist, gelinde gesagt, problematisch. Seine Darstellung von Organismen als passive Vehikel, die von wirkungsfähigen Genen angetrieben werden, ist eine treffende Beschreibung des Evolutionsmodells aus der Perspektive der Gene. Das Problem ist jedoch, dass dieses Bild dem, was Organismen wirklich sind und tun, nicht gerecht wird“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Philip Ball in der aktuellen Ausgabe des „Scientific American“.

Weniger höflich war die britische Philosophin Mary Midgley (1919–2018). In der Fachzeitschrift „Philosophy“ zerlegte sie 1979 Dawkins nach Strich und Faden: „Gene können ebenso wenig egoistisch oder uneigennützig sein wie Atome eifersüchtig, Elefanten abstrakt oder Kekse teleologisch sein können. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.“ Oder auch: „An Dawkins ist nichts Empirisches. Kritiker haben wiederholt darauf hingewiesen, dass seine Vorstellungen von der Genetik nicht umsetzbar sind.“ Gegnern, die darauf verwiesen, „dass Gene, wie sie Wissenschaftler normalerweise verstehen, unmöglich die Rolle spielen können, die er ihnen zuschreibt“, antworte er „stets damit, dass er sich noch weiter von den Fakten zurückzieht und eine allgemeinere metaphysische Position einnimmt, in der ,Gene’ als ,Replikatoren’ klassifiziert werden. Solange er nicht entweder lernt, sich mit Metaphysik zu befassen, oder sich ganz aus dem Blickfeld zurückzieht, wird ihm das nichts nützen.“

Was Midgley hier polemisch ins Wort hebt, haben in den Folgejahren andere wissenschaftliche Schwergewichte wie der Physiologe Denis Noble, Doyen der Systembiologie, der Mathematiker John Lennox oder auch der Molekularbiologe und Theologe Alister McGrath (alle Oxford) systematisch und Zug um Zug widerlegt.

Gegen den eigenen Naturalismus

In „The Music of Life. Biology beyond the Genome“ (2006) kritisiert Noble, Gene besäßen weder Willen noch Handlungsdrang, weshalb es unsinnig sei, sie als egoistisch zu bezeichnen. Auch erteilten sie einem Organismus keine Befehle. Sie seien vielmehr so etwas wie passive Datenbanken oder Notenblätter, die erst durch den lebendigen Organismus interpretiert würden. Noble: „Gene tanzen nach der Melodie des Organismus.“

Den von Dawkins in dessen Theorie vertretenen ausgeprägten Reduktionismus betrachtet Noble als von vorneherein zum Scheitern verurteilt. „Angenommen, es gelingt uns wirklich, rationales Verhalten auf molekulare und zelluläre Ursachen zu ,reduzieren’. In diesem Fall wären wir nicht mehr in der Lage, die Wahrheit dessen, was wir erreicht haben, sinnvoll auszudrücken.“ Oder wie John Lennox in „Cosmic Chemistry“ (dt.: „Kosmos ohne Gott?“) schreibt: „Wenn Dawkins recht hat, dass wir das Produkt geistloser, ungelenker natürlicher Prozesse sind, dann hat er uns einen überzeugenden Grund dafür geliefert, die Zuverlässigkeit der menschlichen kognitiven Fähigkeiten und damit zwangsläufig die Gültigkeit jedes Glaubens, den diese hervorbringen, einschließlich des Glaubens an Dawkins’ eigene Wissenschaft und seinen Atheismus, zu bezweifeln.“ Dawkins’ „Biologie und sein Glaube an den Naturalismus“ stünden in einem Konflikt, der mit Gott überhaupt nichts zu tun habe.

Noch erstaunlicher als die Wirkungsmacht, die „The Selfish Gene“ trotz der gut begründeten Kritik an ihm seit einem halben Jahrhundert entfaltet hat, ist eigentlich nur, dass der Autor es noch nicht zurückgezogen hat. Aber vermutlich erfordert dies ein sehr hohes Maß an echtem Altruismus. Eines, für das die Maschine, die sich Dawkins egoistische Gene gebaut haben, einfach nicht programmiert wurde.

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