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Gertrud von le Fort: Schriftstellerin und Dichterin

In den Romanen und Gedichten von Gertrud von le Fort (1876–1971) spielen Voraussagen eine wichtige Rolle – zusammen mit der Schau des haltenden Grundes. Von Gudrun Trausmuth
Schriftstellerin und Dichterin Gertrud von le Fort
Foto: www.gertrud-von-le-fort-gesellschaft.de | Erlebte bei ihrer Konversion als 50-Jährige die „Einheit des Glaubens“: Gertrud von le Fort.

Die Altersporträts Gertrud von le Forts widersprechen der landläufigen Meinung einer Verschwisterung von Jugend und Schönheit. Tatsächlich war le Fort eine wunderschöne alte Frau mit einer Ausstrahlung, die ein langes, tiefgelebtes Lebens bezeugt. Scheint die wache Aufmerksamkeit, die zugleich gespannte und hingegebene Haltung, das Erlauschen eines Rufes auszudrücken, so scheinen die weiten Augen der preußischen Baronesse (1876–1971) in einem tieferen Sinne zu „schauen“: hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare, hinter dem Flüchtigen das Gründende, hinter dem Zeitlichen das Ewige.

Auch le Forts Dichtung, die sie als „Hingabe der Person“ bestimmte, ist im Letzten „Schau“: Hinter tragischen menschlichem Schicksalen treten immer tiefere Schichten von Sinn zutage, bis auf einen letzten tragenden, unanfechtbaren Grund allen Seins. Das Motiv der Schau gibt es in roher Form bereits in le Forts früher Erzählung „Spökenkieken“, die erstmals 1907 veröffentlicht und 2010 von Renate Breimann neu herausgebracht (Ingrid Lessing-Verlag) wurde.

Inspiration von Gertrud von le Fort

Inspirieren ließ sich die Dichterin bei diesem Werk von den „Spökenkiekern“. So wurden in Westfalen Menschen bezeichnet, denen man nachsagte, über eine Art volkstümlicher Prophetie zu verfügen, Unheil vorherzusagen zu können: Vorhergesagt durch den „Spökenkieker“ Hinnack („Es steht einer neben ihr, dem wirst du sie doch lassen müssen“), tritt der Tod in die junge Liebe zwischen Kort und Annia und rafft das Mädchen hinweg. Der zurückbleibende Kort aber entwickelt die Vorstellung, Annia sei „nicht gestorben, sondern in das ferne, schöne Land entwichen, von dem sie im Leben manchmal gesprochen habe (…) Es erschien ihm unmöglich, dass dieses Kind in ein Jenseits gegangen sei, das zu seinem Wesen nicht passe.“ Der Schluss der frühen Novelle deutet ein Grundmotiv der reifen Dichterin an:

„dass unser Schicksal in alle Ewigkeit beschlossen liegt in eine Macht, deren Wesen nichts anderes sein kann als eine tiefe, große Freundlichkeit“.

Bereits in diesem Frühwerk der Dichterin wird die unheilvolle Vorahnung als Variante der Prophetie aufgefangen durch die Verkündigung einer barmherzigen, unendlich wohlwollenden Liebe, die hinter dem Tod das menschliche Sein erwartet.

„Das Schweißtuch der Veronika“

Im ersten Teil des Romans „Das Schweißtuch der Veronika“ (1928) verdichten sich in der Gestalt der jungen Veronika eine fast übersinnliche Eindrucksfähigkeit und Einfühlung. Dieser seherischen Veranlagung verdankt Veronika auch ihren Kosenamen „Spiegelchen“. In diesem Werk hat sich die „Schau“ von ihrer dunklen, unheilbezogenen Option abgelöst, und ist ganz bezogen auf die religiöse Dimension.

Veronika, nach dem Willen ihres Vaters ohne religiöse Sozialisierung aufgewachsen, erschaut in Analogie der biblischen Veronika das ihrer Seele gleichsam eingeprägte Antlitz Christi und sieht Ihn in einer Vision als letzte Mitte der Welt: Angesichts der Monstranz „…blitzte ein Gefühl in mir auf, als wäre ich durch die ganze Welt gegangen und stünde nun vor ihrem innersten Herzen“.

Immer wieder vollzieht die Dichterin in diesem herrlichen Roman das „Durchschauen“ der Wirklichkeit auf diesen ihren letzten Grund hin, spannt ein Netz der Ahnungen, Eindrücke, Bilder und Visionen, die ihren Anfang und ihr Ende, ihren Impuls und ihren Sinn zugleich, in der antwortenden Heimkehr der Seele zu ihrem Schöpfer hat.

Grundlage des Werkes Gertrud von le Forts sind historische Stoffe: In der Rückspiegelung aktueller Probleme und Gestalten in die Vergangenheit könne sie diese „von der allzu bedrängenden Nähe gelöst, reiner und ruhiger formen“. Die Wendung in die Vergangenheit bedeutete für die Dichterin allerdings keineswegs Eskapismus, sondern vielmehr Erkenntnisgewinn durch Distanz:

„Ich habe das Historische nie als eine Flucht aus der eigenen Zeit empfunden, sondern als den Abstand, von dem aus man die eigene Zeit schärfer erkennt, so wie man die charakteristischen Linien eines Gebirges nur aus einiger Entfernung wahrnimmt.“

„Die Magdeburgische Hochzeit“

Le Forts bildmächtiger Schau der Vergangenheit ist aber eine weitere Ebene hinzuzufügen, denn im Roman „Die Magdeburgische Hochzeit“ etwa enthüllt sich der Schriftstellerin bereits 1938, also lange vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, Zukünftiges: Die Wendung ins Historische erweist sich im Nachhinein hier als präzise Vorausschau der verheerenden Wirkungen des Dritten Reiches:

„…als öffne sich die große Schaubude des Krieges, und man erblicke wie auf einem Bilde gemalt weithin den ganzen Horizont wie mit Flammenschatten bedeckt, – erblicke – alles Vaterland deutscher Nation von der Oder bis zum Rhein, von der Ostsee bis nach Bayern lichterloh brennend – erblicke das ganze Reich als einen zukünftigen Schutthaufen!“

Biografie von Gertrud von le Fort

Die Zeichenhaftigkeit allen Geschehens, die le Forts Texte kennzeichnet, setzt sich in ihrer Biographie fort: Die am 11. Oktober 1876 geborene Baronesse starb 1971 in der Nacht vom protestantischem Reformationstag auf den 1. November, das katholische Fest Allerheiligen.

Die Linien ihres geistlichen Weges, der in einem protestantischen Elternhaus geprägt wurde und später in die katholische Kirche führte, treffen sich im Moment ihres Hinübergehens in die Ewigkeit. Die Familie der le Forts stammte ursprünglich aus Norditalien, wanderte nach Genf aus und wurde später in Deutschland ansässig. In den 2015 neu aufgelegten Erinnerungen Gertrud von le Forts „Hälfte des Lebens“ (Verlag Petra Kehl) kann das wechselvolle Schicksal der le Forts ebenso nachgelesen werden wie der persönliche Weg der Baronesse bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.

Studium und Konversion in die katholische Kirche

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr wurde Gertrud von le Fort von Privatlehrern und von ihrem Vater unterrichtet und entdeckte durch diesen früh ihr besonderes Interesse an historischen Stoffen. Als Gasthörerin begann sie 1908 mit 32 Jahren ein freies, jedoch intensives Universitätsstudium, das sie insgesamt bis zu ihrem 48. Lebensjahr fortsetzte.

Le Fort hörte geschichtliche, theologische und philosophische Vorlesungen in Heidelberg, Berlin und Marburg. Prägend war das Studium bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865–1923), mit dem le Fort auch eine tiefe persönliche Freundschaft verband. Nach dessen plötzlichem Tod gab sie – ausgehend von Aufzeichnungen seiner Vorlesungen – Troeltschs „Glaubenslehre“ (1925) heraus.

1926, mit 50 Jahren, trat le Fort in Rom in die katholische Kirche ein und gab dieser Konversion eine ganz besondere Bedeutung:

„Der Konvertit stellt die lebendige Vereinigung der getrennten Liebe dar, er ist gleichsam die Brücke, die zwei Ufer berührt und verbindet.“

Ihre Konversion wollte le Fort als „Vereinigung der getrennten Bekenntnisse“ verstehen; auch ein Brief an die Familie des Heidelberger Kirchenhistorikers Hans Schubert dokumentiert ihr persönliches Verständnis des Schritts in die katholische Kirche:

„Ich habe die katholische Kirche zwar nicht als Gegensätzliches zur evangelischen Kirche erlebt, wohl aber als deren Heimat. (…) Es gibt nur eine allgemeine christliche Kirche, die wir im Apostolikum bekennen. Wo dieses Bekenntnis am stärksten lebt, da muss auch der Herzschlag der Kirche sein.“

Sichtlich bemüht, ihren Schritt verständlich zu machen, schreibt le Fort auch an den Herausgeber der von ihr geschätzten Zeitschrift „Hochland“, Carl Muth:

„Der Konvertit ist nicht, wie missverstehende Deutung zuweilen meint, ein Mensch, welcher die schmerzliche konfessionelle Trennung ausdrücklich betont, sondern im Gegenteil einer, der sie überwunden hat: sein eigentliches Erlebnis ist nicht das eines anderen Glaubens, zu dem er ,übertritt‘, sondern sein Erlebnis ist das der Einheit des Glaubens, die ihn überflutet.“

Erfolg als Dichterin

Ihren ersten großen Erfolg als Dichterin konnte le Fort, was an und für sich schon ungewöhnlich ist, durch einen Gedichtband feiern, die „Hymnen an die Kirche“, die 1924 im Münchner Theatiner Verlag erschienen. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass dieses Zwiegespräch einer Seele mit der Kirche bereits zwei Jahre, bevor le Fort in die katholische Kirche eintrat, entstand. Ein wirkliches Geschenk, dass seit 2014 le Forts „Hymnen“ nach vielen Jahren wieder neu vorliegen, herausgebracht von der Wiener Theologin Gundula Harand (echter-Verlag).

„Hymnen an die Kirche“

Le Forts „Hymnen an die Kirche“ sind das Zeugnis eines persönlichen Weges: Eine Seele nähert sich dem Geheimnis der katholischen Kirche, welche in den „Hymnen“ in ihrer Ewigkeitsgestalt besungen zu werden scheint – auch hier die für le Fort so bezeichnende Schau des letzten Wesenskerns, des Ewigkeitsbildes.

Gerade heute wirkt le Forts Sprechen zur und über die Kirche belebend, ja heilsam, weil es so völlig anders ist als der „Kirchendiskurs“, der uns in seiner Dürre oft so ernüchtert. Das hymnische Sprechen jener Seele zur Kirche ist liebend und ringend zugleich: Nach der willentlichen Hingabe der Seele an die Kirche durchlebt sie die Schmerzen der Bekehrung des Verstandes – „Ich bin in das Gesetz deines Glaubens gefallen wie in ein nackendes Schwert! Mitten durch meinen Verstand ging seine Schärfe, mitten durch die Leuchte meiner Erkenntnis.“ Das hier ausgedrückte Leiden am Verlust der Autonomie „Nie wieder werde ich wandeln unter dem Stern meiner Augen und am Stabe meiner Kraft!“ lässt die Geistigkeit des modernen Menschen hervortreten: das Sich-Einfügen in einen Ordnungs- und Hierarchiezusammenhang fällt schwer.

Herrmann Hesse staunte über sie

Als der Schritt gläubiger Hingabe schließlich getan wird, offenbart er sich als Rettung aus Abgrenzung und Vereinzelung hinein in eine geistige Heimat – und als Tor in die Ewigkeit. Herrmann Hesse, der le Fort 1949 für den Literaturnobelpreis vorschlug, staunte über die „strahlende(n) Erweckung und so tiefe(n) Befruchtung durch die religiöse Bekehrung“, die bei le Fort den Anschein erweckte „als habe ein Mensch gerade im Erlebnis seiner vollkommenen Hingabe und Selbstverlierung sich selber erst gefunden und entdeckt“.

Seit 1920 hatte le Fort auch an einem Rom-Roman gearbeitet, unter dem Titel „Der römische Brunnen“ erschien 1928 der bereits erwähnte erste Band des Doppelromans „Das Schweißtuch der Veronika“, der 1946 mit „Der Kranz der Engel“ seine Fortsetzung erfahren sollte.

Mit dem gewaltigen Roman „Der Papst aus dem Ghetto“ (1930) folgt ein weiterer Rom-Roman, der im Spiegel des hochmittelalterlichen Kampfes um die Ewige Stadt wiederum die dräuende Katastrophe Deutschlands erzählend vorausschaut: Als Detail sei die Rede von den blonden Sprösslingen der Familie Frangipani erwähnt, die sich als die einzig wahren Römer betrachten. Nachts treffen sie sich mit Gleichgesinnten in den Ruinen des antiken Roms, sich grüßend, indem sie im Licht ihrer Fackeln die Hand weit vorstrecken („so haben einander unsere heidnischen Väter gegrüßt“). 1934 weigert sich le Fort – „…welche Todesangst die Absage gekostet hat“ gesteht sie 1950 in „Unser Weg durch die Nacht“ – die von ihr geforderte Lobeshymne auf den Führer zu schreiben, und nach dem Erscheinen des Romans „Die Magdeburgische Hochzeit“ sind ihre Texte ab 1938 in Deutschland unerwünscht.

Weitere Erzählungen ab 1939

Ab 1939 lebt Gertrud von le Fort bis zu ihrem Tod 1971 in Oberstdorf, wo ein großer Teil ihres erzählerischen Werkes entsteht. Erzählungen wie „Die Frau des Pilatus“ (1955), „Das Gericht des Meeres“ (1943), „Die Verfemte“ (1953), „Die Consolata“ (1947), „Die Tochter Jephthas“ (1964) und „Am Tor des Himmels“ (1954) finden sich in dem 2014 in 2. Auflage erschienenen „Lesebuch Gertrud von le Fort“ (echter Verlag). Zu dieser erfreulichen editorischen Renaissance le Forts trägt auch der Verlag Petra Kehl bei, der bereits mehrere Texte von le Fort als Hörbuch herausbrachte und 2015 auch die letzte größere Erzählung le Forts „Das fremde Kind“ (1961) neu auflegte. Ein dringendes Postulat wäre nun die Neuauflage des Romanwerks der le Fort, von dem einzig noch „Die Magdeburgische Hochzeit“ (insel Taschenbuch) neu zu erwerben ist.

Besonderes an Le Forts Literatur

Le Forts Literatur als Erzählen von Leid und Erlösung, von Tod und Auferstehung ihrer Gestalten, stellt die Wirklichkeit des Kreuzes im literarischen Text als Grundbedingung und Grunderfahrung des Menschen vor, welche sich als letzter Deutungsschlüssel über ein Schicksal legt.

Die Protagonisten le Forts sind Leidende, Angefochtene, Versuchte, welche die erste Berührung mit dem, was sich als „ihr Kreuz“ zeigt, zwar zurückscheuen lässt, die sich aber schließlich hingeben: Le Forts Archetypus diesbezüglich ist die kleine ängstliche Blanche de la Force aus der Karmelerzählung „Die Letzte am Schafott“(1931). Ihre Angst besiegend, singt die frühere Novizin des Karmels das „Veni Creator Spiritus“ ihrer Mitschwestern, die unter der Guillotine sterben, zu Ende, und wird deshalb ebenfalls getötet.

Das Ureigenste der Dichtung le Forts ist wohl das metaphysische Wagnis, alles Erleben auf seinen letzten Sinn und sein Ziel hin zu beziehen, von dem aus es ein radikal anderes Gewicht bekommt, eine völlige Umwertung erfahren kann. Letztlich wird das Kreuz, als Zeichen des Todes und der Auferstehung, zur Sinngestalt dieser unvergleichlichen Dichtung des 20. Jahrhunderts, welche die Kühnheit besitzt, in einer Zeit, in der der Existenzialismus das rettungslose Ausgesetztsein des Menschen verkündet, die menschliche Existenz als eine in der Ewigkeit gehaltene zu zeigen.

Wenn die junge Veronika im Roman „Der römische Brunnen“ nach einem Kreuzerlebnis auf dem Forum spürt „Nicht mehr ein eigenes einsames und ungewisses Ich, sondern ebenjene Ewige Liebe erfüllte meine Seele und gab ihr eine grenzenlose Gewissheit“, so offenbart sich le Forts geistige Nähe zu (der ihr im Übrigen persönlich bekannten) Edith Stein, die in „Endliches und Ewiges Sein“ (1936/37) formuliert:

„Ich stoße also in meinem Sein auf ein anderes Sein, das nicht meines ist, sondern Halt und Grund meines in sich haltlosen und grundlosen Seins.“

Wenn die Seele sich ihres letzten, göttlichen Grundes und Zieles bewusst ist, kann diese Perspektive alle äußerliche Abhängigkeit und Gebundenheit überwältigen und im Bewusstsein endgültigen Gehaltenseins absolute innere Freiheit bewirken.

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