Ein Buch räumt auf. Gründlich. Marlen Hobrack stellt die von mehreren Generationen brav verinnerlichten Glaubenssätze, die Mutterschaft wahlweise als Überforderung, Verlust oder Rückschritt deuten, konsequent auf den Prüfstand. Mit einer gewissen Freude an der Provokation zerlegt die Leipziger Literatur- und Kulturkritikerin, Kolumnistin und Autorin altehrwürdige feministische Theorien und konfrontiert sie mit der auch persönlich erlebten Realität. Das Wagnis geht auf: Am Ende steht eine philosophische, soziale und feministische Neubestimmung des Phänomens der Mutter und des Mutterseins. Sie könnte den Weg in eine bessere Zukunft der Gesellschaft ebnen.
Hobracks engagiertes Plädoyer für die Mutterschaft nähert sich dem Thema in drei Schritten. Ausgehend vom Begriff des Stolzes entwirft sie zunächst eine ausführliche Soziologie des Mutterseins. „In dem Versuch, den Druck von Müttern zu nehmen, immer und überall für ihr Kind da sein zu müssen, sich für das Kind aufzuopfern und Karriereambitionen über Bord zu werfen, wurde die Bedeutung der Mutter durch den Feminismus Stück für Stück kleiner geschrieben“, konstatiert die Autorin.
Viele wortführende Feministinnen des 20.Jahrhunderts wie Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer oder Judith Butler seien „kinderfrei“ (gewesen). Durch ihre Homo- oder Bisexualität, so Hobrack, hätten sie ohne innere Widersprüche propagiert, dass der Weg aus der Ausbeutung durch den Mann nur durch den Verzicht auf heterosexuelle Paarbeziehung und Mutterschaft zu bewerkstelligen sei.
„Mütter“ sprachlich eliminiert
Jahre feministischer Lektüre führten bei der dreifachen Mutter indes eher zu einer Entfremdungserfahrung. Auch der Queerfeminismus trug seinen Teil dazu bei: Die begriffliche Wende, im Sinne der Inklusion das Wort „Mutter“ durch „gebärende Person“ oder „stillende Person“ zu ersetzen, negiere die Realität von 99 Prozent der Mütter. Laut Hobrack muss die „Zielsetzung jeder Form der Gleichberechtigung“ aber darin bestehen, „die Gleichwertigkeit in der Differenz anzuerkennen“.
Folgerichtig sieht die Autorin das Stillen nicht wie Elisabeth Badinter als biopolitisches Machtinstrument, sondern rückt die existenziellen Bedürfnisse des Säuglings, die lustvolle Komponente des Stillens und ihre eigene Erfahrung der Selbstermächtigung in den Blick. „Eine Mutter will ihr Baby genießen können!“ heißt es geradezu kämpferisch. Neben der feministischen Abwertung der Mutterrolle findet Hobrack auch die komplementäre Abwertung der Männlichkeit „hochproblematisch“. Bedauernd stellt sie fest, dass nur der Konservatismus an einem dezidiert positiven Männer- und Mutterbild festhalte.
Hohe Messlatte feministischer Politik
Die Hauptursache der Leiden moderner Mütter sei inzwischen nicht mehr (nur) das Patriarchat, sondern ebenso stark die hohe Messlatte feministischer Politik. „Um als emanzipierte, selbstbestimmte Frau gelten zu können, muss die Mutter arbeiten, berufliche Ziele verfolgen, eigenes Geld verdienen und den Vater in die Pflicht nehmen, sich um seine Kinder zu sorgen. Für den Fall, dass dieses In-die-Pflicht-Nehmen scheitert und der Mann sich praktisch verweigert, hat sie alle zusätzlichen Lasten zu stemmen“, so beschreibt Hobrack die überbordenden Anforderungen an Frauen.
Die Krux dabei: Für die Doppelt- und Dreifachbelastung könne eine Mutter keine Anerkennung erwarten, denn aus progressiver Sicht tue sie nur das Mindeste, und aus konservativer Sicht vernachlässige sie ihr Kind. Für Hobrack ein „Nullsummenspiel“ des Feminismus: Er könne den Frauen zur Erlangung der Freiheit immer nur Mehrarbeit (in und außerhalb des Hauses) anbieten – die Befreiung von der Mehrarbeit könne aber nur durch die Befreiung von den Kindern gelingen.
„Doppelausbeutung der Frau“
Im folgenden Kapitel über die Kosten der Mutterschaft beklagt Hobrack, der Feminismus habe nie nach den Wünschen der Frauen als Individuen gefragt, sondern stattdessen „offensichtlich unbewusst“ vor allem die Interessen der Ökonomie bedient, die in der „Doppelausbeutung der Frau für die Sphären der Produktion und Reproduktion“ bestünden.
Sie kritisiert, dass die Vollzeiterwerbstätigkeit der Frau nach wie vor als zentrale gleichstellungspolitische Maßnahme gilt – und in Folge der „Primat von Arbeit und Kapital“ vor den Bedürfnissen und Wünschen von Frauen, Müttern und Kindern stehe. Als „herrschende und alles steuernde Ideologie dieser Zeit“ macht Hobrack daher nicht „das Patriarchat“ aus, sondern den Neoliberalismus bzw. einen „radikalisierten Libertarismus“.
Sozialsystem mit Webfehler
Auch das Sozialsystem bekommt sein Fett weg: „Der häufig vorgebrachte Einwand, eine Frau, die längere Zeit die Erwerbstätigkeit unterbricht, ‚gefährde ihre Rente‘, ist eine ideologisch manipulierende Aussage: Nicht die Frau gefährdet ihre Rente, sondern das Sozialsystem, das Mütter systematisch benachteiligt.“
Familienverbände wie der Familienbund der Katholiken oder der Deutsche Familienverband weisen auf diesen Umstand schon lange hin, während sich die Politik wie bei der aktuellen Rentendebatte zu beobachten, dauertaub stellt. Hobrack dagegen fordert, die freie Wahl für eine hausfrauliche Tätigkeit durch pragmatische Lösungen zur Vorsorge zu unterstützen, ohne Frauen symbolisch abzuwerten, weil sie ein „überkommenes Rollenmodell“ lebten.
Zur oft überhöhten Bedeutung der Erwerbsarbeit merkt sie durchaus realistisch an: „Während Erwerbsarbeit für einige Frauen der Mittelklasse tatsächlich als erfüllend und sinnstiftend gelten kann, tut sie dies nicht notwendig für die Masse der Frauen, die Fürsorgearbeit – jedenfalls im Vergleich zur Erwerbsarbeit – als sinnstiftender erleben können“.
„Subjekttheorie der Mutterschaft“
Schließlich entwirft Hobrack eine neue „Subjekttheorie der Mutterschaft“, die sich wie ein Phönix aus der Asche des Diskurses erheben soll. Das klingt komplizierter, als es ist. Im Kern geht es um Mütterlichkeit, Hingabe, das grundsätzliche Annehmen der zeitweisen Abhängigkeit von anderen Menschen, die „Würde der Hausarbeit“ (sic!) und die oft übersehenen Bedürfnisse der Kinder. Hobrack fordert vor allem eine neue Ehrlichkeit. Der feministischen Mutterdebatte fehle es an Mut, festzustellen, dass eine Mutter nie wie ein Singlemann leben, lieben und arbeiten könne, wenn sie glückliche Kinder haben wolle.
Starke Worte, die in einer klaren Forderung an die Gesellschaft gipfeln: „Es braucht familiäre, gemeinschaftliche und gesellschaftliche Netze, die die Mutter halten und ihre Last lindern, nur dann kann sie etwas von sich preisgeben, ohne in einen fortgesetzten Prozess des Trauerns und Ausbrennens zu geraten.“
Mehr Aufmerksamkeit für Jungs
Zur typischen Situation von Müttern aber gehörten nicht selten chronische Selbstüberlastung und mangelnde Anerkennung, zugleich träten Reue oder Erschöpfung an die Stelle von Sinnstiftung, Befriedigung oder Glück. Vor diesem Hintergrund sieht Hobrack den Umgang mit den Müttern als Lackmustest für die soziale Gesellschaft an. „Wenn wir nicht einmal bei den Müttern erkennen, dass sie zeitweise Unterstützung benötigen, wie sollen wir dann für alle anderen Personengruppen Rückhalt und gemeinschaftliche Verantwortung gewährleisten?“
Bei der Erziehung macht Hobrack auf eine Leerstelle aufmerksam. Habe der feministische Eifer bisher der Erziehung resilienter, starker und selbstbewusster Mädchen gegolten, müsse der Fokus nun auf die Jungen rücken. Hier seien Selbständigkeit und emotionale Selbstfürsorge eine wichtige Vorbereitung auf das Erwachsenenleben – für „gesündere Beziehungen zu Frauen“.
Burnout vorbeugen
Das allgegenwärtige Problem der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere würde Hobrack in eine andere Richtung auflösen. Auch hier löckt sie wider den Stachel, wenn sie vorschlägt, die Kinderphase „bewusst früh in der Biografie zu verorten“. Ihrer Ansicht nach wäre der Vorteil dabei, sich das Ausbrennen durch die Gleichzeitigkeit von Kindererziehung und beruflichem Engagement zu ersparen. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen zeigt die Autorin, dass ein Anfang in der Improvisation gelingen kann.
Während der Spiegel zaghaft titelt: „Macht der Feminismus Mütter unglücklich?“, bläst Hobrack energisch zum Aufbruch. Offensichtlich ist die Zeit (endlich) reif für eine positive Sichtweise des Mutterseins, auch außerhalb des konservativen Spektrums. Adieu, Tristesse. Bonjour, Jouissance.
Marlen Hobrack: Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft, Hamburg: Verlag HarperCollins, 2026, 240 Seiten, Hardcover, EUR 24,–
Die Autorin ist Verwaltungsjuristin und schreibt als freie Journalistin zum Zeitgeschehen.
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