„Nalle“ lautet in Finnland und Schweden die Bezeichnung für Teddybären. Die finnlandschwedische Opernsängerin Camilla Nylund hat ihren Hund, einen Pomeranian-Zwergspitz, so getauft. Wir haben den Flur im 1. Stock zur Wohnung der Familie noch nicht erklommen, da tönt schon das Bellen des kleinen Hundes durchs ganze Treppenhaus. Der mutige Wächter erwartet uns in der Tür: tatsächlich ein Teddybär - mit einem Schuss Löwe. Das fluffige Fell mit markanter Mähne um den Kopf, die kleinen dunklen Knopfaugen und die kompakte, runde Gesichtsform wollen nicht so richtig zum lauten Gebell passen. Aber Pomerians sind für ihr lebhaftes, selbstbewusstes Wesen bekannt – große Persönlichkeiten im kleinen Körper. Doch wir sind nicht mit dem selbstbewussten Vierbeiner verabredet, sondern mit seinem Frauchen und ihren Töchtern. Ehemann und Vater, der niederländische Opernsänger Anton Saris, opfert sich und geht während unseres Gesprächs mit Nalle spazieren. Dabei, so erzählen die Sängerin und ihre Töchter Isabel und Mailin übereinstimmend, war der Vater erst ganz gegen das neue Familienmitglied, als Nalle an Weihnachten vor gut fünf Jahren zu dem Quartett stieß. Während einer schweren Corona-Erkrankung wich der kleine Hund nicht von seinem Herrchen, das änderte alles. Schnell waren Herr und Hund ein Herz und eine Seele – bis heute. Der Hund gehört ohne Wenn und Aber zur Familie und begleitet Camilla Nylund, den Opernstar an den großen Häusern der Welt, auch auf Reisen und Tourneen. Mit dem Hund an ihrer Seite ist die Einsamkeit trotz des trubeligen Opernbetriebs kein Thema, das Tier scheint für die Sängerin unterwegs wie eine lebendige Verbindung nach Hause zu sein.
Auf dem Weg zur Weltkarriere
Nach Hause: das ist die große Wohnung im 4. Bezirk von Wien, der Weltstadt der Musik. Hier ist die Familie heimisch geworden – und das in vielerlei Hinsicht. Camilla Nylund hat ihre Gesangskarriere in Hannover begonnen, einem vergleichsweise kleineren Haus. Richtig bekannt wurde die Sängerin mit dem Stimmfach lyrisch-dramatischer Sopran erst in ihrer Dresdner Zeit, das heißt, als sie mit ihrer Familie in der idyllischen Villenlage am Weißen Hirsch in Dresden wohnte. Die Semperoper selbst spielte beim Start der Weltkarriere eher eine Nebenrolle, auch wenn sie dort ihr Rollenfach entwickelte, so sang sie hier als Rollendebüt die Marschallin im „Rosenkavalier“. Die Ehrung mit dem Christel-Goltz-Preis verdankte Nylund unter anderem ihren Auftritten als Marie in der „Verkauften Braut“, als Agathe im „Freischütz“ oder auch als die Fiordiligi in Mozarts „Cosi fan tutte“. Nylunds internationaler Durchbruch erfolgte in der Spielzeit 2004/05 mit drei Rollendebüts: als Elisabeth in Wagners „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper München sowie in den Titelpartien von Wilde/Strauss' „Salome“ an der Kölner Oper und von Beethovens „Fidelio“ in Zürich. Camilla Nylund bleibt bescheiden, wenn sie ihre Karriere Revue passieren lässt. Großes Lob hält sie für ihre Künstleragentur Hilbert bereit, der eine wichtige Rolle beim Aufbau der Karriere zufällt. Der Weg an die Weltspitze gerade bei der Oper ist gepflastert von Unwägbarkeiten. Persönliche Befindlichkeiten, Präferenzen und Aversionen entscheiden über Besetzung oder Nichtbesetzung. Beobachter aus der Dresdner Zeit wissen zu berichten, wie Nylund leiden musste, als es zum Wechsel von der Intendanz des kompetent-weltläufigen Gerd Uecker zur eher verkopft-sperrigen Ulrike Hessler kam. Beide, Uecker und Hessler, sind inzwischen verstorben. Damals war die blonde, blendend aussehende Skandinavierin plötzlich nicht mehr gesetzt. Die neue Chefin hatte andere Vorstellungen, nicht nur bei Marketing und Programmausrichtung, sondern eben auch bei der Besetzung der wichtigen Rollen.
Kulturschock in Dresden
So sind die Erinnerungen der Familie Nylund-Saris an Dresden durchaus gemischt. Und das empfinden auch und vor allem die beiden Töchter so. „Gerade die Schule war speziell“, sagen übereinstimmend die jüngere Mailin und die ältere Isabel. „Auf uns wirkten die Mitschüler alle so gleich“, erinnern sich die Mädchen, die aus ihrem künstlerischen Elternhaus eine große Freiheit und einen Hang zur Individualität mitbrachten. Nach Internationaler Schule in Wien und Gymnasium musste Mailin während der Corona-Epidemie zurück nach Dresden: „Ein Kulturschock!“ Zurück in Wien suchte sich die dunkelhaarige, weich und bedächtig sprechende Mailin ein für sie passendes Internat aus mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Sozialmanagement, in ihrer Klasse sind nur Mädchen. Das Tastende ist eher typisch für sie als forsches Voranschreiten. Das Ungewisse behagt ihr nicht, ungern beginnt sie Dinge, von denen sie weiß, dass sie sie vielleicht nicht zu einem guten Ende bringen könnte.
Ihre ältere Schwester Isabel wirkt im Auftritt ganz anders, sie klingt präsent und selbstbewusst, eher bestimmt als suchend klingt sie in ihren Ausführungen. Was Mailin an Introvertiertheit ausstrahlt, bringt Isabel an Extrovertiertheit mit. Gern hätte sie ihre ruhige Schwester mit auf die Rampentour genommen, doch die wollte nicht. So sehr es sich die eine gewünscht hätte, so wenig mochte die andere an Scheinwerferlicht und Soundanlage teilhaben. Eher hat sie darunter gelitten, dass die Schwester sie immer wieder zu gemeinsamen Auftritten animieren wollte: „Ich habe auch Klavier gelernt, aber irgendwie war mir klar, dass die Musik bei mir reine Privatsache ist. Selbst beigebrachtes Gitarrenspiel mit meinem Vater zum eigenen Vergnügen, ja, aber Auftreten niemals!“
Schwester Isabel bereitet sich als breit aufgestellte Künstlerin derzeit auf ihren Bachelor-Abschluss an einer privaten Musikakademie vor. Die Mutter mit ihrer sängerischen Strauss-Expertise findet sich auf besondere Weise in der Abschlussarbeit der Tochter wieder, zum Programm gehört nämlich auch eine Salomé-Performance. Camilla Nylund sieht die Karriere der älteren Tochter als ganzheitlichen Weg: „Du hat eigentlich immer performt. Mal standest Du mit einem blauen Gesicht in der Tür, dann war Dein Gesicht auf einmal grün!“ Das Spiel mit Rollen war von Kindesbeinen an Isabels Ding - und ist es bis heute geblieben. Von Pippi Langstrumpf bis zur kleinen Meerjungfrau. Letztere ist ihr als musikalisch-szenische Kunst- und Identifikationsfigur bis heute erhalten geblieben. Doch die Schublade, in die Isabel passen würde, die muss noch erfunden werden. Musical und Operette, klassisch und modern, gern auch Heavy Metal: mit ihrer gewaltigen „Röhre“ fasziniert die junge Künstlerin ihr Publikum und hat bereits erste Preise eingeheimst, ihre Piercings an Lippe, Nase und Ohr begreift sie als Teil der Metal-Ästhetik. Camilla Nylund ist stolz auf die Tochter, die die Welt der Musik für sich so ganz anders erschlossen hat, als sie es selbst getan hat. „Musical ist mit Oper nicht zu vergleichen. Diese Ausbildung hier in Wien an der ‚Privaten Musik und Kunst Akademie‘ der Stadt Wien ist für Isabel ein Lottogewinn, sie trägt so viele verschiedene Talente in sich!“
Das Glück eigener Kinder
Ein Weltstar als Mutter: schwierige Hypothek oder eher bereicherndes Kapital für ein ganzes Leben? Die beiden Töchter geben sich nachdenklich. Sicher sei es nicht einfach gewesen, betont Mailin. Schwierig war im Übergang die Zeit, als sie nicht mehr die Mutter auf Reisen begleiten konnte, sondern daheimbleiben und in die Schule gehen musste. Sie empfindet beides, die Last und die Kraft aus dieser Töchter-Eltern-Konstellation. Immer schwingt im Hintergrund mit, wie wichtig die Rolle des Vaters in der Künstlerfamilie Nylund-Saris auch ist. Der ruhende Pol, der immer wieder zur Bezugsperson für die Kinder wird, wenn die Mutter Gastspiele gibt oder eine aufreibende Tournee absolviert. Camilla Nylund ist dankbar dafür, dass sie trotz der beruflichen Herausforderungen eine Familie gründen durfte und zwei prachtvolle Töchter großgezogen hat. Sie spricht davon, dass vielen Künstlerkolleginnen solches Glück nicht vergönnt war, und klingt dabei demütig und beschenkt: „Für mich gehören Kinder ganz einfach zum Leben dazu.“
Fehlt nur noch ein gemeinsames Musikprojekt von Mutter, Vater und Tochter Isabel mit Mailin im Publikum. „Also ich finde es gut, mit verschiedenen Stilen zu experimentieren, etwas Neues zu wagen“, sagt Isabel spontan. Ihre Mutter klingt da eher skeptisch. Auf die Weihnachts-CD mit der Spotify-Auskopplung einer Heavy-Metal -Nummer wird die Welt wohl noch warten müssen.
Demnächst steht eher Unbekanntes bei Camilla Nylund auf dem Programm. Mit dem Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Chor und dem Tenor Klaus Florian Vogt tritt sie in der Hamburger Elbphilharmonie auf und singt neben Wagner-Arien das hochanspruchsvolle „Te Deum“ von Walter Braunfels, eines von den Nazis verfemten, damals bedeutenden Komponisten.
„Gerade habe ich es mit viel Aufwand einstudiert, es war so schwer!“ Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für Bayreuth. Ein Künstlerleben zwischen Musik und Mutterrolle, beide Berufungen erfüllt Camilla Nylund mit Leidenschaft. Als höchste Auszeichnung für Sopranistinnen trägt sie den Lotte Lehmann-Ring, der an eine der größten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts erinnert. Das private Familienglück der Camilla Nylund mit eigenen Kindern - es war der deutschamerikanischen Lotte Lehmann nicht beschieden.
Konzerthinweis: Di, 23.6.2026 20 Uhr, Elbphilharmonie Hamburg. CPE-BACH-CHOR HAMBURG; Camilla Nylund, Klaus Florian Vogt.
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