„Trinkt Ihre Katze zu wenig?“ So lautet der Slogan einer Werbung für einen Vitaldrink für Katzen, der im Ruhrgebiet an den Regionalbahnhöfen hängt. Und das in einem Land, wo immer wieder Senioren Kreislaufkollapse oder akute Verwirrtheit erleiden, weil niemand darauf geachtet hat, dass sie genug getrunken haben. Wer ist wichtiger? Mensch oder Tier?
Während die Geburtenrate sinkt, gibt es in Westeuropa immer mehr Haustiere. Hunde sitzen in Kinderwagen, aus Fahrradanhängern lugen Deutsche Doggen hervor, Paare tragen Pudel oder kratzbürstige Katzen in Taschen auf dem Rücken oder vor dem Bauch durch die Fußgängerzone. Natürlich nur bei gutem Wetter, damit das Tier nicht nass wird. An Ampeln hängen neben den Vermisstenschreiben für Haustiere Ausschreibungen für „Hundesitter“. Tierfriedhöfe gibt es schon lange und mittlerweile schaffen es Hunde sogar auf Todesanzeigen von Familienangehörigen ihrer Halter. Neben ihrem Namen prangt dann der Abdruck einer Tatze, damit man versteht, um wen es sich handelt.
„Hunde und Katzen nehmen den Platz der Kinder ein“
„Hunde und Katzen nehmen den Platz der Kinder ein“, brachte Papst Franziskus es einmal auf den Punkt. Begriffe wie „Hundeeltern“ und „Fellkinder“ haben sich längst etabliert. „Tiere sind die besseren Wesen“, sagen extreme Tierfreunde. Wer sich einen neuen Hund zulegt, dem wird zum „neuen Familienmitglied“ gratuliert. Herzogin Meghan soll ihren Sohn nach ihrem verstorbenen Kater Archie benannt haben.
Doch der Mensch ist für den Menschen gemacht und nicht für das Tier. Das Gefährliche ist, dass sich das menschliche Bedürfnis, für Kinder zu sorgen, durchaus auf Tiere umlenken lässt. Eine enge emotionale Bindung an sie lässt sich einüben: Unser Gehirn reagiert dann auf einen Welpen oder eine junge Katze wie auf ein Kleinkind. In gewisser Weise sind Tiere ja auch wie ewige Kleinkinder: abhängig und zugewandt. Daher kann unser Gehirn dieselben Muster nutzen, die für Eltern-Kind-Beziehungen vorgesehen sind. Tiere haben durchaus kindliche Züge: eine Stupsnase, eine hohe Stirn, große Augen – und sie machen tapsige Bewegungen. Das löst Aufmerksamkeit, Fürsorgeverhalten und positive Emotionen aus. Deshalb finden manche Menschen tierischen Nachwuchs niedlicher als Babys.
Und mal ganz nüchtern betrachtet: Wer sich für ein Tier statt für ein Kind entscheidet, der muss keine definitive Entscheidung fällen und geht so manchem vermeintlichen Opfer aus dem Weg. Kinder bringen mehr als jahrzehntelange Verantwortung, finanzielle Kosten und Schlafmangel mit sich und schränken die Spontaneität ein. Sie verändern das Leben grundsätzlich.
Immer mehr Menschen ziehen eine Ersatzfamilie mit Tier einer Familie mit Menschen vor. Wie traurig! Denn in Wirklichkeit hat die Fürsorge für die Katze im Körbchen und den Hund im Kofferraum nichts mit zwischenmenschlicher Fürsorge und bedingungsloser Liebe zu tun.
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