Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Frauenrechtlerin Engelken

„Die Reproduktionsfähigkeit der Frau wird ausgebeutet"

Leihmutterschaft ist ein Gewaltverhältnis, das dem der Prostitution ähnelt, meint die Frauenrechtlerin Eva Engelken.
Frauenrechtlerin Eva Engelken
Foto: privat | Der Versuch, durch Legalisierung von Leihmutterschaft Verbesserungen für Leihmütter zu erzielen, wäre aus Sicht Eva Engelkens zum Scheitern verurteilt.

Frau Engelken, Sie sind Volljuristin, ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, Schriftstellerin, Mutter dreier Kinder und Vorsitzende des Vereins „Frauenheldinnen e. V.“ Viele Hüte für einen Kopf. Wie kommen Sie da nicht durcheinander? Und welchen Hut tragen Sie am liebsten?

Einige Hüte oder Rollen hängen durchaus zusammen. Als Journalistin habe ich gelernt, mich schriftlich gewandt auszudrücken und das, was ich vermitteln will, in allgemeinverständliche Worte zu fassen. Jura habe ich, offen gestanden, zunächst nur studiert, weil mein Vater Jurist war und ich das Gefühl hatte, ich müsste Juristin werden, um mich mit ihm unterhalten zu können. Später hatte ich das Bedürfnis, das, was Juristen oft abstrakt in Worte fassen, so auszudrücken, dass alle es verstehen. Mit dem Verein Frauenheldinnen unterstütze ich starke Frauen, die sich für Frauen einsetzen, und biete ihnen eine Plattform. Wenn sie ihre Stimme erheben und dabei vor Gericht ziehen, sammele ich das notwendige Geld ein. Auch hier kommt mir meine juristische und journalistische Expertise zugute. Ich habe jahrelang als Marketing- und PR-Frau gearbeitet und denke daher in Kampagnen. Und da Sie nach meinem Lieblingshut gefragt haben: Dass ich Mutter geworden bin und drei Kinder bekommen habe, war mein Herzenswunsch. Eine Berufung, für die ich sehr dankbar bin. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Hut der Mutter immer mit den anderen kollidierte. Jetzt, da alle meine Kinder groß sind und zwei das Haus bereits verlassen haben, lässt er sich mit den anderen vereinbaren. Aber jahrzehntelang war das ein eher unlösbares Problem.

Vor ein paar Jahren sind Sie aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen ausgetreten. Warum?

Ich bin 2018 in die Partei eingetreten. Anlass war der Sexismus von Donald Trump und sein „grab ‘em by the pussy“-Spruch. Da habe ich gedacht: Jetzt muss ich wirklich politisch aktiv werden. Ich war schon immer politisch, aber wegen meiner Kinder hatte ich mir das politische Engagement für die zweite Lebenshälfte vorbehalten. Vorher wäre es nicht möglich gewesen. Zu den Grünen bin ich gegangen, weil die den Eindruck erweckt haben, eine feministische, friedensorientierte Partei zu sein. Nur wurde mir bald klar, dass sich das Hochglanz-Image, das die Grünen nach außen propagierten, mit den tatsächlichen Zuständen im Inneren nicht zur Deckung bringen ließ.

Und das haben Sie woran festgemacht?

„Es gab eine Art parteiinternes Tribunal,
vor dem ich erklären sollte,
warum ich nach rechts abgedriftet sei"

Das Erste, was mich irritierte, war der Umgang der grünen Jugend mit der Prostitution, die als Sexarbeit tituliert wurde, sowie der noch merkwürdigere Umgang der Partei mit dem Pädophilie-Beschluss von 1980. Ich stellte fest, dass Uwe Sielert, ein Schüler von Helmut Kentler, vor nicht allzu langer Zeit als Referent bei den Grünen aufgetreten war und bis 2020 auf der Webseite der Partei zu finden war. Da gab es offenbar keine innere Distanzierung. 2020 geriet die Schriftstellerin J.K. Rowling wegen ihrer angeblichen „Transfeindlichkeit“ in einen Shitstorm und erhielt Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, weil sie auf X gepostet hatte, früher habe man Frauen Frauen genannt und nicht „menstruierende Personen“. Ich habe mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass dies „frauenfeindlich“ sei. Daraufhin bekam ich von den Grünen zu hören, ich sei trans- und menschenfeindlich. Es gab eine Art parteiinternes Tribunal, vor dem ich erklären sollte, warum ich nach rechts abgedriftet sei. Das war der Anfang vom Ende. Ich war dann die Erste, die innerhalb der grünen Partei kritisierte, dass die Grünen das Selbstbestimmungsgesetz vorantrieben. Dafür wurde ich gelyncht. Ich wurde als „faschistoide Menschenform“ und „Nazi“ bezeichnet. Es gab Drohungen und ich wurde von einem Tag auf den anderen zur persona non grata.

Freitag vergangener Woche haben Sie auf dem Leihmutterschaftskongress „Kinder und Kommerz“ gesprochen. Tags darauf haben Frauenheldinnen vor der Kinderwunsch-Messe „Wish for a baby“ gegen die Anbahnung von Leihmutterschafts-Arrangements demonstriert. Warum?

Sowohl das Embryonenschutzgesetz als auch das Adoptionsvermittlungsgesetz enthalten Vorschriften, die Leihmutterschaft, ihre Vermittlung sowie ihre Anbahnung unter Strafe stellen. Wir beobachten jedoch, dass das, was eigentlich verboten ist, dennoch normalisiert wird und sogenannte Kinderwunschmessen Werbeplattformen bieten, auf denen international agierende Agenturen Interessenten erklären, wie sich deutsche Paare, heterosexuelle ebenso wie schwule, Kinder per Leihmutterschaft im Ausland organisieren können. Unser Anliegen ist, dem geltenden Recht zur Durchsetzung zu verhelfen. Deshalb protestieren wir. Seit Oktober 2025 gehen wir auch juristisch gegen diese Messen vor.

Wie?

Nachdem Mitglieder unseres Vereins auf der Messe waren und beobachtet haben, dass dort keineswegs, wie von den Veranstaltern behauptet, lediglich neutral informiert wird, sondern auch tatsächlich Leihmutterschaft beworben und angebahnt wird, haben wir Strafanzeige erstattet. Es ist auch logisch: Kein Aussteller würde das finanzielle Investment eines Messeauftritts schultern, wenn er nicht die Absicht hätte, potenziellen Kunden Leihmutterschafts-Arrangements, Eizellspenden oder andere reproduktive Dienstleistungen zu verticken. Bei der Strafanzeige entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie tätig wird. Wir haben gerade eine Strafanzeige laufen, aufgrund derer ermittelt wird, sowohl gegen den Veranstalter der Messe, einen englischen Anbieter namens „Five Senses Media“, als auch gegen einzelne Aussteller. Noch effektiver ist der Verwaltungsrechtsweg. Hier treten wir an die Behörden der jeweiligen Städte, das sind derzeit Köln und Berlin, heran und bitten sie, zu prüfen, ob da nicht eine Messe, auf der strafbares Handeln stattfindet, genehmigt wurde und gegebenenfalls die Auflagen nachzuschärfen. In Köln hat sich die Stadt auf den Standpunkt gestellt, dort werde nur informiert, und sich geweigert, unserer Bitte nachzukommen. Gegen diese Weigerung haben wir eine einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht beantragt und verloren. Dagegen haben wir Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster eingereicht. Auch hier sind wir formal unterlegen. Aber: In der Urteilsbegründung macht das OVG wegweisende Ausführungen zur Klagebefugnis und öffnete den Weg für weitere Klagen. Die bereiten wir jetzt vor.

Dass Sie bei dem Kongress und der Demo gemeinsame Sache mit Lebensrechtlern machen, stört Sie als erklärte Feministin nicht?

„Frauenrechtlerinnen haben für ihre Anliegen historisch
immer ,single issue alliances', punktuelle Allianzen um der Sache willen,
mit Akteuren geschlossen, die bei anderen Themen
oft sehr abweichende Meinungen vertreten"

Dass ich auf dem Kongress gesprochen habe, bedeutet nicht, dass ich jenseits der Ablehnung von Leihmutterschaft Positionen der ALfA teile. Frauenrechtlerinnen haben für ihre Anliegen historisch immer „single issue alliances“, punktuelle Allianzen um der Sache willen, mit Akteuren geschlossen, die bei anderen Themen oft sehr abweichende Meinungen vertreten. Denken Sie an die britische Suffragette Emmeline Pankhurst, die für das Frauenwahlrecht stritt, oder die „white slave traffic“-Bewegung um 1900 zur Abschaffung des Frauen- und Menschenhandels. Hier haben sehr unterschiedliche Gruppen miteinander paktiert. Soweit es um die Ablehnung der Leihmutterschaft geht, haben wir hier ein gemeinsames Anliegen mit der ALfA und der Lebensrechtsbewegung. In diesem Punkt handelt es sich um eine Allianz der Vernunft.

Auf seiner Webseite positioniert sich Frauenheldinnen e. V. mit einer mehrteiligen Selbstdarstellung. Am Schluss von Teil 1 heißt es: „Wir sind Frauen, die es für ein Menschenrecht halten, dass unsere Körper, unsere Reproduktionsfähigkeit und Sexualität vor Gewalt und Ausbeutung bewahrt bleiben.“ Meint das die Ablehnung von Leihmutterschaft?

Auch. Leihmutterschaft ist ein Gewaltverhältnis, das dem der Prostitution ähnelt. Statt der Sexualität wird hier die Reproduktionsfähigkeit der Frau ausgebeutet. Hier wie dort ist die Frau das letzte und schwächste Glied in der Verwertungskette. Ähnlich wie bei Prostitution die Zuhälter, verdienen auch hier die Vermittler am meisten. Und deshalb wäre auch der Versuch, durch Legalisierung Verbesserungen für Leihmütter zu erzielen, zum Scheitern verurteilt.

Klären Sie uns auf!

Als Deutschland 2002 die Sittenwidrigkeit der Prostitution aufhob, wurden Bordelle mit Flatrates erlaubt. Und die Zuhälter nahmen – als handele es sich bei ihnen um normale Geschäftsmänner – in den Talkshows Platz. Den Prostituierten hat es nichts gebracht. Im Gegenteil: Die Legalisierung hat den Markt angeheizt. Und deswegen ist es illusorisch, anzunehmen, die Legalisierung der Leihmutterschaft könne Probleme lösen. Auch hier würde der Markt weiter angeheizt.

Und Abtreibung? Ist das nicht auch Gewalt?

Abtreibung wird seit Jahrzehnten zu Recht – auch von Feministinnen – kontrovers diskutiert. Ich habe Respekt vor den unterschiedlichen Positionen. Aber mein Engagement richtet sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Geburt durch die Reproduktionsindustrie.

Dennoch sind rund 50 Prozent der abgetriebenen Kinder Mädchen. Benötigen die keine Frauenheldinnen?

Pränatale Selektion aufgrund des Geschlechts ist ein Ausdruck von Frauenfeindlichkeit, die zu einem Überschuss an Männern führt, der weitere Probleme nach sich zieht. Wenn Mädchen abgetrieben werden, weil sie Mädchen sind, handelt es sich um geschlechtsspezifische Gewalt, und dagegen wenden wir uns genauso entschieden wie gegen andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung von Frauen. Von Frauen wohlgemerkt, nicht von solchen, die sich lediglich als solche identifizieren.

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