Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Auf jeden Getauften kommt es an

Abbruch der Glaubensweitergabe? Das Dikasterium für die Glaubenslehre benennt das Kernproblem der Kirche.
Glaubensweitergabe: Auf jeden Getauften kommt es an
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Wird das frischgetaufte Mädchen die Chance erhalten, den christlichen Glauben tiefer kennenzulernen?

Traditionsabbrüche gehören zur Signatur der säkularen Moderne, sei es der Abbruch familiärer, gesellschaftlicher, kultureller oder religiöser Traditionen. Traditionsabbrüche zeigen sich auch bei der Weitergabe des Glaubens, die anders als in traditionell christlich geprägten Gesellschaften nicht mehr über die Kultur, in der man aufwuchs, von Generation zu Generation erfolgt.

Lesen Sie auch:

In vielen Teilen der Weltkirche ist die Weitergabe des Glaubens in den Familien „weggebrochen“, sie erfolgt „nicht mehr sozusagen automatisch“ — so konstatiert es das Dikasterium für die Glaubenslehre in seinem neuen Dokument „Venite ad me“ (Nr. 25).

Überlegungen im Sinne einer Problemanzeige

Bei dem von Papst Leo XIV. approbierten und am 22. August 2026 veröffentlichten Text handelt es sich nicht um eine lehrmäßige Note, sondern um Überlegungen im Sinne einer Problemanzeige. Sie beschreibt die Herausforderung der Weitergabe des Glaubens angesichts zunehmender gesellschaftlicher Säkularisierungsprozesse.

Der Text spricht mit Papst Franziskus, der ein Dokument zur Weitergabe des Glaubens gewünscht hatte, von einem „Epochenwandel“ (Nr. 43), zu dem das Phänomen des Traditionsabbruchs gehört. Ausgangspunkt des Dokumentes bildet das Jesuswort „Kommt alle zu mir (venite ad me omnes), die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“ (Mt 11,28).

Verantwortung eines jeden Christen

Christen sind Zeugen des Lichtes, das mit Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, in die Welt kam, in dem uns die bedingungslose Liebe Gottes, des Vaters, erschienen ist. Kern der christlichen Gotteserfahrung ist die Begegnung mit Jesus Christus, „die uns mit dem wahren Licht der göttlichen Liebe in Verbindung bringt“ (Nr. 25).

Zeugnis zu geben von Jesus Christus und den Glauben weiterzugeben, ist die Verantwortung eines jeden Christen. Doch wie können Menschen, die auf den dreieinen Gott, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, getauft wurden, in der Nachfolge Christi „Licht der Welt“ (Mt 5, 14) werden, wenn sie keine Gotteserfahrungen machen, Christus nicht in ihrem Leben begegnen und den christlichen Glauben nicht kennen?

Über Jahrhunderte erfolgte die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation. Das ist schon länger nicht mehr selbstverständlich. Denn allzu oft bleibt die Kindertaufe folgenlos, weil die Eltern der getauften Kinder selbst kaum noch oder gar nicht mehr praktizieren, nur wenig Kenntnis vom Glauben haben und so die Taufgnade bei ihren Kindern nicht zur Entfaltung kommen kann.

Eltern kommen ihrer Aufgabe nicht nach

„Venite ad me“ beschreibt das Problem schonungslos: „Tatsächlich kommen immer weniger Eltern der Aufgabe nach, ihre Kinder mit dem lebendigen Licht der Botschaft des Evangeliums in Beziehung zu bringen“, was dazu führt, dass die getauften Kinder später „in einer Haltung weitgehender religiöser Gleichgültigkeit“ (Nr. 48) leben.

Es passiert inzwischen sogar gelegentlich, dass Eltern am Ende der Tauffeier nicht das „Vaterunser“ mitbeten können. Wir haben es nicht nur mit Prozessen der Säkularisierung zu tun, sondern auch mit in Teilen „postchristlichen“ Gesellschaften (Nr. 55), nicht zuletzt in früh evangelisierten Ländern. Der in Utrecht lehrende Theologe Jan Loffeld, Autor des viel beachteten Buches „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz“ (2024), hat die Analysen des Dokuments „Venite ad me“ in einem Interview mit dem Kölner „Domradio“ als realistisch bezeichnet.

„Bruch zwischen Evangelium und Kultur“

Schon Paul VI. beklagte in „Evangelii nuntiandi“ (1975) einen „Bruch zwischen Evangelium und Kultur“. Joseph Ratzinger sprach 1983 von einer „Krise der Katechese“. Es ist nicht nur die Familie, die als Trägerin der Weitergabe des Glaubens immer öfter ausfällt. Die Weitergabe des Glaubens in den Gemeinden – Kindergottesdienste, Katechesen im Vorfeld von Erstkommunion und Firmung – ist oft wenig nachhaltig.

„Venite ad me“ setzt auf die Rückkehr zum Kerygma, dessen Mitte die Wahrheit der Person Jesu Christi und die Begegnung mit ihm ist (Nr. 72). Natürlich gehören zum Glauben auch die Inhalte des Glaubens (Nr. 74), hier vor allem das Glaubensbekenntnis (Credo). Weiter hebt das Dokument die Bedeutung der Liturgie (Nr. 90–94) und der Musik (Nr. 99) für die Weitergabe des Glaubens hervor.

Konkrete Lösungsansätze fehlen

Man hat kritisiert, dass das Dikasterium wenig konkrete Lösungen nennt, wie man der Krise der Weitergabe des Glaubens begegnen kann. Damit soll sich, so heißt es, das zuständige Dikasterium für die Evangelisierung beschäftigen (Nr. 139). In der „Internationalen Theologischen Kommission“ soll in den nächsten fünf Jahren ein Thema die Inkulturation des Glaubens in Gesellschaften mit pluralen kulturellen und religiösen Einflüssen sein (Nr. 106).

Sofort nach Veröffentlichung von „Venite ad me“ wurde auch kritisiert, dass darin nicht der Missbrauchsskandal zur Sprache kommt. Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester sowie seine Vertuschung, an der nicht nur Bischöfe beteiligt waren, haben das Vertrauen in die katholische Kirche zutiefst erschüttert.

Doch die Ursachen für die Krise der Weitergabe des Glaubens liegen tiefer. Gesellschaftliche Entwicklungen seit den 1960er-Jahren spielen hier eine wichtige Rolle. Bischöfe haben zudem zu lange auf volkskirchliche Strukturen gesetzt, von denen nicht erst heute nur noch eine Schwundstufe vorhanden ist. Die Weitergabe des Glaubens liegt in der Verantwortung aller Getauften.

Glaubensweitergabe als Pflicht

„Venite ad me“ scheut sich nicht, von einer „Pflicht“ zu sprechen (Nr. 28). Die Bischöfe tragen von Amts wegen Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens. Als Hirten ihrer Diözese sind sie die ersten Lehrer der Unterweisung im Glauben (LG 20). Im Bischofsdekret „Christus Dominus“ des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es, dass im bischöflichen Verkündigungsdienst Predigt und Katechese den ersten Platz einnehmen (CD 13).

Die Bischöfe stehen damit in der Pflicht, sich in ihren Diözesen um die Weitergabe des Glaubens in Zeiten des Traditionsabbruchs zu kümmern. Angesichts der Erosion des Glaubens und seiner Weitergabe wäre es unverantwortlich, würden die Bischöfe nicht alles unternehmen, um in den Getauften den Glauben zu wecken, damit der Ruf „Venite ad me“ in ihrem Leben nicht ohne Resonanz bleibt.

Am Anfang des Christseins steht „die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Benedikt XVI.). Darin sieht das Dikasterium für die Glaubenslehre den „Kern der christlichen Glaubenserfahrung“ (Nr. 25).


Der Autor ist emeritierter Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Liturgiewissenschaft der Universität Freiburg.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Helmut Hoping Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Bischöfe Credo Jesus Christus Katechese Leo XIV. Liturgiewissenschaft Papst Franziskus Paul VI. Weltkirche

Weitere Artikel

Leo XIV. und die Liturgie: Wie der Papst zum Reformwerk des Konzils steht.
12.06.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Leo XIV. ruft in Lourdes eindringlich zur Umkehr auf. Und verteidigt die Stimme der Kirche im öffentlichen Diskurs des laizistischen Frankreichs.
27.09.2026, 13 Uhr
Regina Einig

Kirche

Halloween wurde zum Filmthema – und machte den Grusel-Tag hierzulande populär. Ein Horrorfilm spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse und hinterfragt Selbstverständliches.
31.10.2026, 11 Uhr
Fabian Bell
Es gibt ab Samstag neue US-amerikanische Selige: Fünf Franziskaner, die 1957 von Ureinwohnern in Georgia ermordet wurden. Der Grund: Sie verteidigten die monogame Ehe.
31.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Trotz Widerstand stellt der Kirchengemeinderat von St. Martin in Weingarten seine Pläne zur Neugestaltung des Altarraums vor. Doch es kommt zu einer überraschenden Wendung.
30.10.2026, 15 Uhr
Jakob Naser
Ist es falsch, dass die Kirche sich gegen die Todesstrafe stellt? Nein, denn jeder Mensch hat eine unantastbare Würde. Und zwar nicht erst seit Papst Franziskus.
29.10.2026, 21 Uhr
Maximilian Welticke
Die Texte, mit denen das Glaubensdikasterium auf die Bischofsweihen der Piusbruderschaft reagierte, sind mangelhaft. Aber den Präfekten scheint das nicht zu interessieren.
30.10.2026, 09 Uhr
Guido Horst