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Leo XIV. in Paris: „Was bedeutet es, Mensch zu sein?“

In der wiederaufgebauten Kathedrale Notre-Dame fordert Leo XIV. eine offene und missionarische Kirche und setzt auf die Laien als „lebendige Vorposten“. Vor Vertretern des Staates verteidigt er das Lebensrecht und warnt vor einer Entmenschlichung durch technologischen Fortschritt.
Papst Leo XIV. wird in den Straßen von Paris bejubelt
Foto: IMAGO/LIONEL URMAN / BESTIMAGE (www.imago-images.de) | Papst Leo XIV. war mit einem Flugzeug der ITA Airways um 10.07 Uhr auf dem Flughafen Paris-Orly gelandet, während die Glocken der Kirchen in ganz Frankreich sieben Minuten lang läuteten.

Kurz vor 17 Uhr hielt das „Papamobil“ mit Papst Leo XIV. vor Notre-Dame in Paris, die beim verheerenden Brand vom 15. April 2019 schwer beschädigt und nach mehr als fünfjährigem Wiederaufbau im Dezember 2024 wiedereröffnet wurde. Vor der Kathedrale verfolgten ca. 7.000 Gläubige die Vesperfeier mit Bischöfen, Priestern und Ordenschristen, während im Innern von Notre-Dame etwa 2.500 Menschen anwesend waren. Vor dem feierlichen Einzug blieb der Papst kurz vor der Kapelle Unserer Lieben Frau von Guadalupe stehen, ehe er kniend in der Sakramentskapelle vor dem Allerheiligsten und hinter dem Chor vor dem Reliquienschrein mit der Dornenkrone verweilte, die er auch küsste.

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In seiner Predigt ging der Papst auf den Brand ein, als „die ganze Welt mit angehaltenem Atem miterlebte, wie die Kathedrale in Flammen stand“. Damals sei bewusst geworden, „dass Notre-Dame mehr ist als nur ein Denkmal“. Die Restaurierung habe dazu beigetragen, „die kulturellen, existenziellen und spirituellen Dimensionen der Kathedrale neu zu erschließen“. 

Liturgie als „Oase des Friedens“

Der Papst rief Bischöfe, Priester und Ordensleute zu einer missionarischen Kirche auf, die sich nicht vor der Welt zurückziehe, sondern allen Menschen offenstehe. „Setzt dabei volles Vertrauen auf die Sendung der Laien, die lebendige Vorposten der Kirche an den Schnittstellen des Alltags sind“, forderte Leo XIV. 

In einer „hypervernetzten und lauten Gesellschaft“ könne die Liturgie „eine Oase des Friedens“ sein, da „wir mehr denn je in einer Zeit leben, der es an Fülle, Tiefe und Verheißungen zu mangeln scheint.“

Der Papst zitierte die französische Schriftstellerin Madeleine Delbrêl: „Ohne das Gebet würden wir den Gott der Liebe nicht lieben. Wir wären vielleicht seine Diener, seine Kämpfer, ja sogar seine Jünger, aber wir wären weder die liebenden Kinder unseres Vaters noch die Freunde Jesu Christi.“ Deshalb ermunterte Leo XIV. dazu, „euer inneres Leben mit dem Herrn in der Schule der vielen Heiligen, die euch vorausgegangen sind“, zu pflegen. Im stillen Gebet solle „stets aus der Quelle der unendlichen Liebe Gottes“ geschöpft werden. Denn die christliche Mission „entspringt vor allem dieser innigen Beziehung zum Herrn, der dort auf euch wartet.“

Lebensrecht als „unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte“

Papst Leo XIV. war mit einem Flugzeug der ITA Airways um 10.07 Uhr auf dem Flughafen Paris-Orly gelandet, während die Glocken der Kirchen in ganz Frankreich sieben Minuten lang läuteten. Damit begann seine fünfte Auslandsreise und die erste Papstreise ins benachbarte Land seit 2008, als ebenfalls im September Benedikt XVI. anlässlich des 150. Jahrestags der Marienerscheinungen Paris und Lourdes besuchte. Papst Franziskus besuchte zwar Marseille, Straßburg und Korsika, dies waren aber punktuelle Reisen zu bestimmten Anlässen, keine „Frankreich-Besuche“.

Die erste Begegnung des Papstes fand mit Vertretern der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und mit dem Diplomatischen Korps statt. Der Papst würdigte dabei die „Vielfalt der Herkünfte“ in Frankreich, die das Zusammenleben und die Demokratie „beleben und bereichern“, sowie die kulturelle und geistige Tradition des Landes. Leo XIV. erinnerte daran, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Paris verkündet wurde.

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Zugleich warnte der Papst davor, von Wissenschaft und Technik „eine Lösung und einen Trost für all unser Leid zu erwarten.“ Er betonte, dass das Recht auf Leben eine „unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte“ sei. Mit Blick auf aktuelle bioethische Fragen kritisierte der Papst „genetische Manipulationen, Leihmutterschaft, den Handel mit Organen oder das Angebot eines geplanten Todes“, was im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte in Frankreich um die Sterbehilfe besondere Aktualität besitzt. Leo XIV. plädierte für eine „rechte Laizität“, die Religion nicht aus dem öffentlichen Raum ausschließe, sondern den Dialog zwischen Staat und Religionsgemeinschaften fördere. 

Zahlreiche junge Menschen begrüßen den Papst

In den Mittelpunkt seiner Rede bei der UNESCO in deren Hauptquartier stellte Papst Leo XIV. die Frage: „Was bedeutet es, Mensch zu sein?“ Ausgangspunkt sei die unveräußerliche Würde jedes Menschen als Geschöpf Gottes. „Niemand hat entschieden, von wem, wann oder wo er geboren werden sollte.“ Das Menschsein sei „ein Geschenk und eine Prüfung, ein Versprechen und eine Verantwortung“. Die Geburt begründe eine Lebensgemeinschaft, „die ihren Ursprung und ihren ersten Erziehungsort in der Familie hat.“ Menschliches Leben dürfe niemals zur Ware oder nach Kriterien von Nutzen und Leistungsfähigkeit bewertet werden.

Der Papst wurde nicht nur von UNESCO-Vertretern begrüßt, sondern auch von zahlreichen jungen Menschen, die am Vormittag an einem Jugendforum zur Künstlichen Intelligenz auf der Grundlage von Leos Enzyklika „Magnifica humanitas“ teilgenommen hatten. Auf dem Weg zum Saal goss der Papst zusammen mit UNESCO-Generaldirektor Khaled El-Enany den „Friedensbaum“ im Garten der Organisation.

Leo XIV. warnte vor einer Entmenschlichung durch technologischen Fortschritt. Immer offensichtlicher werde folgendes „Paradoxon“: Während computergestützten Systemen „Intelligenz“ zugeschrieben würde, drohe „die unveräußerliche Würde des Menschen“ nach dem Kriterium der Effizienz beurteilt zu werden. Krankheit, Leiden oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit minderten die Menschenwürde nicht. Sie bleibe „bis zum Tod ungeschmälert“. Künstliche Intelligenz könne Daten verknüpfen, aber nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Doch Menschen könnten nicht ohne Sinn leben. „Sinn ist der Sauerstoff des Geistes. Aus diesem Grund machen die Herausforderungen bezüglich der Kommunikation – die stets auch Herausforderungen bezüglich der Bildung sind – die Suche nach der Wahrheit zu einer Frage der sozialen und historischen Gerechtigkeit.“ 

Ökologische Krise als anthropologische Krise

Die gegenwärtige ökologische Krise sei eine anthropologische Krise. Leo XIV. erinnerte an seine Vorgänger: „Papst Benedikt XVI. sprach von der Notwendigkeit einer Ökologie des Menschen, während Papst Franziskus die Perspektive einer ganzheitlichen Ökologie weiterentwickelte.“ Der Lebensraum des Menschen sei „die Gesellschaft, nicht eine rein physische Umgebung wie die Wüste oder der Ozean für Tiere, sondern ein moralischer und beziehungsorientierter Lebensraum“. Der Papst betonte, dass Friede nicht allein durch Verträge oder durch „Kompromisse zwischen entgegengesetzten Kräften“ entstehe, sondern durch Gerechtigkeit und Anerkennung des anderen als Bruder oder Schwester. Als gegensätzliche „Symbole für die Einheit der Menschenfamilie“ griff der Papst auf den Turm zu Babel und Pfingsten zurück: Babel stehe für eine „durch Herrschaft aufgezwungene Einheit“, Pfingsten für eine Gemeinschaft, die Unterschiede nicht beseitige, sondern in Einklang bringe.

Leo XIV. verteidigte zum Schluss die Bedeutung internationaler Institutionen trotz ihrer „Effizienzkrise“, vor allem wenn der Dialog eher „als Hemmnis für das Handeln, denn als Ressource für den Frieden angesehen“ werde. Die UNESCO und andere Organisationen müssen Vertrauen, Dialog und Zusammenarbeit zwischen den Völkern fördern. Bildung, Wissenschaft und Religion sollten gemeinsam einer Kultur des Friedens dienen. Nicht technischer Fortschritt oder Effizienz, sondern der Umgang mit den Schwächsten sei der Prüfstein dafür, ob die Menschenwürde tatsächlich geachtet werde.

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