Ein Satz, den man schnell überliest. Als vor einigen Tagen Josef Duchac (geboren 1938), der erste Ministerpräsident Thüringens nach der Wende, gestorben war, konnte man in einigen Nachrufen die Formulierung finden, der Verstorbene sei schon früh in die CDU eingetreten. Damit war aber nicht gemeint, dass er sich etwa gleich nach Anbruch der Wendezeit der Ost-CDU angeschlossen habe, sondern so wurde dokumentiert: Duchac ist zu DDR-Zeiten Mitglied der damals christdemokratischen Blockpartei geworden.
Diesen Teil im politischen Lebenslauf verbindet Duchac mit zahlreichen anderen ostdeutschen Spitzenpolitikern der CDU nach der Wiedervereinigung. Auch Alfred Gomolka, erster Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Duchacs spätere Nachfolger in Erfurt Dieter Althaus und Christine Lieberknecht wie auch Sachsen-Anhalts früherer Landesvater Reiner Haseloff gehörten schon in der DDR der CDU an. Leider ist die historische Forschung über die Geschichte der DDR-Blockparteien immer noch sehr lückenhaft. Aber es ist trotzdem gerade jetzt aufschlussreich, Schlaglichter auf die Geschichte der CDU in der DDR zu werfen. Denn sie ermöglichen eine ungewöhnliche Perspektive auf ostdeutsche Geschichte, vielleicht sogar auf ostdeutsche politische Identität.
Schlaglicht Nummer 1: Die Gründung der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) stand unter besonderen Bedingungen. Das schlug sich von Beginn an auch in programmatischen Akzenten nieder, die sich von den Weichenstellungen der Landesverbände in den westlichen Zonen unterschieden. Es kam zu einer spezifischen Vermischung von nationalen wie auch von sozialen Grundgedanken. Dafür steht vor allem Jakob Kaiser (1888–1961), der aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung der Vorkriegszeit stammte und zum weiteren Verschwörerkreis des 20. Juli gezählt hatte.

Als Arbeitnehmer-Vertreter, der in der Tradition des sozialen Katholizismus wurzelte, befürwortete er einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, auch Verstaatlichungen von Teilen der Industrie waren für ihn kein Fremdwort. Dazu kam für ihn die nationale Frage. Später, nachdem er von den Sowjets als CDU-Vorsitzender abgesetzt worden war und im 1. Kabinett Adenauer, obwohl Gegenspieler des Kanzlers der Westintegration, Minister für gesamtdeutsche Fragen wurde, entwickelte er sein Brücken-Konzept. Der Gedanke dahinter: Deutschland solle sich einseitig weder dem Osten noch dem Westen zuordnen, sondern stattdessen zur Brücke werden.
Schicksal nicht vergessen
Je nach Auslegung bestimmter Unterstützer von Kaiser stand dies auch für eine gewisse Offenheit für ein neutrales Deutschland, das weder einem westlichen noch einem östlichen Militärbündnis angehören sollte. Der Grundimpuls für diese Vorstellungen, mit denen er freilich nie eine Mehrheit später in der CDU der Bundesrepublik fand, letztlich auch vor einem wirklichen Konfrontationskurs gegenüber Adenauer zurückschreckte, kam aber aus den Erfahrungen, die er unmittelbar nach 1945 in der SBZ gesammelt hatte. Ihm war vor allem wichtig, dass die Westdeutschen das Schicksal ihrer ostdeutschen Landsleute nicht vergessen durften. Kaiser sprach sich auch als Vorsitzender in der SBZ für einen „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ aus.
Freilich war damit keine Lehre im Sinne des Marxismus-Leninismus gemeint. Eher schon ein Plädoyer für eine Gemeinwohlorientierung im Sinne der katholischen Soziallehre, die gleichzeitig einer vollkommen freien Marktwirtschaft eine Absage erteilte. Die kritische Haltung gegenüber der sowjetischen Besatzung und den totalitären Machtbestrebungen der SED war bei Kaiser dabei immer klar. Deswegen wurde er auch 1947 abgesetzt und ging in den Westen. Andere „Unionsfreunde“ – so nannten sich die CDU-Mitglieder in der SBZ – glaubten aber, ihre nationalen und sozialen Vorstellungen in der DDR verwirklichen zu können.
Schlaglicht Nummer 2: Georg Dertinger (1902–1968), Mitgründer der CDU 1945 in Berlin und erster Außenminister der DDR von 1949 bis 1953. Er gehörte zu denen, die daran glaubten, dass die DDR zum besseren deutschen Staat, ja in gewisser Weise auch zum deutscheren werden könnte. Dertinger hatte zur Zeit der Weimarer Republik klar dem stramm konservativen Lager angehört. Der Journalist war Mitglied und betrieb einen Pressedienst für die Deutschnationale Volkspartei, hatte enge Kontakte zum konservativ-revolutionären „Tat-Kreis“ und gehörte dem elitären „Deutschen Herrenklub“ an. Auch während des NS-Regimes machte er weiter als Journalist Karriere.

Aber gerade weil die Nation in seinem Wertekosmos so eine große Rolle spielte, setzte er nun auf die sowjetische Karte. Vor allem das Endziel einer Neutralität zwischen den Blöcken erschien ihm als erstrebenswertes Ziel für ein einiges Deutschland. Hier stand Dertinger auch ganz in der Tradition der preußischen Konservativen, die immer schon von der geistigen Tiefe Russlands geschwärmt hatten, während sie die westlichen Gesellschaften Frankreichs und Englands als latent dekadent verachteten.
Der bessere Sachverwalter
Dertinger, der zunächst enger Mitarbeiter von Kaiser war und nach dessen Rückzug sich dann dem neuen CDU-Vorsitzenden Otto Nuschke anschloss, sah denn auch in der DDR tatsächlich den besseren Sachwalter des deutschen Erbes. Als Generalsekretär der CDU verantwortete er deren Gleichschaltung und Unterordnung unter die SED. Diese Loyalität wurde zunächst belohnt: Dertinger wurde 1949 erster DDR-Außenminister und bekam damit eine zentrale Rolle im DDR-Kabinett.
Aber schon bald folgte für ihn ein böses Erwachen: Einerseits hatte er wenig Spielraum, die Richtlinien wurden von der SED und damit von Walter Ulbricht bestimmt. Dertinger diente dem Regime vor allem als Aushängeschild, mit dem man unter Christen und Bürgerlichen für die eigene Politik werben konnte. Er selbst versuchte an verschiedenen Stellen, zumindest zaghaft für Leute aus dem CDU-Milieu Erleichterungen zu erreichen, die Repressionen ausgesetzt waren. Trotzdem stand als CDU-Generalsekretär für einen klaren prosowjetischen Kurs: 1951 beschloss die Partei die „Meißener Thesen“, in denen sich die CDU zum sogenannten „Christlichen Realismus“ bekannte. Hier wurde nun, anders als bei Kaiser, bewusst marxistisch argumentiert, gleichzeitig akzeptierte die CDU den Führungsanspruch der SED und die besondere Rolle, die der Arbeiterschaft in der DDR zugesprochen wurde.
Dass Dertinger trotz dieser Gleichschaltungspolitik als Minister abgesetzt und schließlich sogar in einem Geheimprozess nach stalinistischer Manier im Juni 1954 zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, hing damit zusammen, dass der alte Nationale nicht von der Wiedervereinigung lassen wollte und weiterhin Kontakte in den Westen hielt. Nun wurde ihm Militär- und Wirtschaftsspionage vorgeworfen. Dertingers Ideen passten nicht mehr in die sowjetische Politik nach der Stalin-Note von 1952. Das Angebot eines neutralisierten Gesamtdeutschlands hatte die Regierung Adenauer brüsk zurückgewiesen.
Konversion nach Lektüre
Damit war der Gedanke einer Wiedervereinigung für die Sowjetunion und das SED-Regime propagandistisch nicht mehr zu nutzen und eine Figur wie Dertinger deswegen für diese beiden DDR-Machtfaktoren wertlos geworden. Dertinger selbst machte in seiner Haftzeit noch eine interessante Entwicklung durch. Nach der intensiven Lektüre von theologischen und philosophischen Schriften konvertierte er zum Katholizismus. Nachdem er 1964 begnadigt wurde, arbeitete er in seinen letzten Lebensjahren für die Caritas und den katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig.
Schlaglicht Nummer 3: Die DDR-CDU wurde durch zwei Personen besonders geprägt: Otto Nuschke (1883–1957) und Gerald Götting (1923–2015). Während Nuschke noch aus der alten Welt in die DDR herüberragte – er gehörte in Weimarer Zeit der linksliberalen DDP an – und zumindest teilweise versuchte, Erleichterungen für Christen zu erkämpfen, war Gerald Götting (1923–2015), der bis zum Ende 1989 seit 1966 Vorsitzender der CDU war, schon ein echtes DDR-Eigengewächs. Unter seiner Ägide wurde die CDU endgültig zur angepassten Blockpartei, die widerspruchlos die Oberherrschaft der SED akzeptierte.
Götting war auch stellvertretender Präsident des Staatsrates und Präsident der Liga für Völkerfreundschaft, hatte also recht repräsentative Ämter im Staat inne.
Trotzdem war die Grundhaltung der einfachen Mitglieder oft ambivalenter. Mit dem „Brief von Weimar“ im September 1989 ging dann sogar ein Impuls zur Wende von CDU-Mitgliedern aus.
Lesen Sie dazu mehr im zweiten Teil.
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