Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Unterwegs in Syrien

Gottes Hand wird nicht geduldet

Al-Sharaas „neues Syrien“ setzt auf die Diskriminierung der religiösen und ethnischen Minderheiten. Die Christen jedoch halten ihre humanitären Projekte für alle offen.
Pater Hannah
Foto: Georg Pulling | Auf die orthodoxe St. Elias-Kirche von Damaskus verübte ein islamistischer Selbstmordattentäter einen mörderischen Anschlag.

Noch gibt es sie, die kleinen Souvenirläden im Christenviertel von Damaskus, wo Marienikonen und Paulusbilder, Kreuze und Rosenkränze zum Kauf angeboten werden. An der alten Via Recta, der bereits in der Apostelgeschichte erwähnten „Geraden Straße“, wo Hananias den frisch bekehrten Paulus treffen und später taufen sollte, liegen sie aufgefädelt im Schatten der Kirchen der alteingesessenen Patriarchate. „Wird Syrien ein zweites Afghanistan?“, fragt da besorgt ein junger Christ, der sich in der Sozialarbeit seiner Kirche engagiert. Bischöfe, Mönche, Pfarrer und Laien scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass die aktuelle Regierung, gebildet von der vormaligen Terrormiliz HTS, nur aus Rücksicht auf den Westen und die Wirtschaftslage nicht härter gegen die Christen vorgeht. Syrien sei auf dem Weg, ein islamistischer Staat zu werden, sagt uns der syrisch-katholische Erzbischof Youhanna Jihad Battah. In Damaskus betreut er mit zehn Priestern rund tausend Familien.

Der syrisch-katholische Erzbischof Battah
Foto: Stephan Baier | Der syrisch-katholische Erzbischof Battah fürchtet, dass Syrien „ein islamischer Staat“ wird.

Am Sitz des Erzbischofs im Herzen der Altstadt von Damaskus bekommen Kinder mit Behinderungen, die keine staatliche Unterstützung erhalten, von der Kirche Therapien und liebevolle Begleitung. Behinderung wurde lange tabuisiert, Eltern schämten sich für diese Kinder, erzählt Jamil Hajjar, der die Kinderbetreuung zusammen mit seiner Ehefrau aufgebaut hat. „God´s hand“ (Gottes Hand) nennt sich das Projekt, aber diese Regierung wolle nicht dulden, dass es nicht nur eine strafende, sondern auch eine helfende Hand Gottes gebe, meint Jamil. In einem anderen Stadtteil betreibt die mit Rom unierte melkitische Kirche einen christlichen Kindergarten. „Die Mehrheit in diesem Viertel sind Christen, aber arme Leute aus dem Süden“, erklärt Pfarrer Sami Hosni. Die christliche Präsenz nehme seit 15 Jahren, seit Beginn des Krieges um Syrien, ständig ab. Mit Unterstützung der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) und von „Kirche in Not“ betreibt der Pfarrer eine Suppenküche und den Kindergarten für 200 Kinder. Ärzte und Psychologen arbeiten ehrenamtlich mit, den Pädagogen kann er nur die Hälfte von dem zahlen, was deren Kollegen an öffentlichen Kindergärten bekommen.

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Ob im Bildungswesen, bei der Krankenversorgung oder bei der Nothilfe: Die Türkei und Katar finanzieren durchaus humanitäre Projekte in Syrien, allerdings nur für die Sunniten. Die religiösen oder ethnischen Minderheiten haben diese Geldgeber ganz bewusst nicht im Blick. Im Gegensatz dazu stehen die von den angestammten Kirchen organisierten Einrichtungen meist allen offen. In der Babyklinik von Maskane werden bis zu 400 Kinder mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen pro Monat medizinisch versorgt; die Mehrheit der Patienten wie der Bevölkerung ist muslimisch. „Deswegen sagen die Muslime hier, dass ‚die Christen uns helfen‘ – und beten für die Christen“, weiß der syrisch-katholische Pfarrer Iyad Ghanem. „Christen können nicht in muslimische Krankenhäuser gehen, aber umgekehrt schon.“

Erfolgreiche Jugendarbeit

Im christlichen Dorf Al-Muzeineh bringen auch die hart bedrängten Alawiten ihre Kinder in den christlichen Kindergarten, „weil sie den Christen trauen können“, wie eine Mitarbeiterin weiß. Das Altersheim in den oberen Stockwerken desselben Hauses nimmt „die schwierigen Fälle, die von anderen abgelehnt werden“ auf, sogar – kostenfrei – Obdachlose von der Straße, wie der orthodoxe Priester Pitros Hazouri erklärt. Für die vielen Kriegstraumatisierten will er psychotherapeutische Angebote einführen. Dass die Muslime durchgehend dankbar für das selbstlose Wirken der Kirche seien, kann er nicht bestätigen: Etwa 160.000 Olivenbäume, die Lebensgrundlage Zehntausender Menschen, habe das „Tal der Christen“ durch mutwillig gelegte Brände bereits verloren.

Syriens Christen hoffen auf den Schutz des Himmels
Foto: Stephan Baier | Syriens Christen hoffen auf den Schutz des Himmels und die Hilfe ihrer Kirchen. Der Regierung vertrauen sie nicht.

In Homs, wo in der syrisch-orthodoxen Kirche der „Gürtel Mariens“ verehrt wird, den die Gottesmutter dem Apostel Thomas überreicht haben soll, rennen die Jugendlichen den Jesuiten „die Bude ein“, wie ein Jesuitenpater formuliert. 550 Jugendliche werden hier geschult und begleitet. In der Arbeit mit Jugendlichen sind auch die Franziskaner erfolgreich: In der syrischen Küstenstadt Latakia wurden 145 Kinder zuletzt von Juni bis September von 20 Aktivisten begleitet und gebildet. Die franziskanische Region „San Paolo“, die Syrien, Jordanien und den Libanon umfasst, gehört zur „Custodia Terrae Sanctae“. 13 Patres wirken alleine in Syrien: in Damaskus, Aleppo, Latakia und der einstigen Terrorhochburg Idlib. Die große Franziskanerkirche im Zentrum der mediterran anmutenden Hafenstadt Latakia ist ein Knotenpunkt spiritueller und humanitärer Aktivitäten. Gleiches gilt für Aleppo, wo die Suppenküche der Franziskaner 1.500 Bedürftige mit einer täglichen warmen Mahlzeit versorgt. Die franziskanische Jugend umfasst hier 500 Kinder zwischen vier und 16 Jahren; 200 Pfadfinder werden ebenso begleitet wie 150 Studenten an der Universität. Neun junge Erwachsene prüfen derzeit, ob sie Franziskaner werden oder einem anderen Orden beitreten sollen.

Einen christlichen Emigranten, der viel mehr für seine Heimat tun will, als nur Geld zu überweisen, treffen wir in Latakia: Karim Finianos hat in der Schweiz Karriere gemacht und setzt nun sein Geld und seine Zeit ein, um jungen Mädchen in seiner syrischen Heimat ins Berufsleben zu verhelfen. Derzeit werden 85 Mädchen – ausgewählt aus 400 Bewerberinnen – in verschiedenen Sparten professionell ausgebildet. Sie stammen aus den unterprivilegierten Minderheiten, die keine Hilfe von anderen bekommen, und überwiegend „aus der Unterschicht, weil diese Frauen am meisten verwundbar sind“, wie der dynamische Manager erklärt. Als nächste Zielgruppe hat sich Karim Finianos traumatisierte Männer vorgenommen.

Mit zwölf in der Arbeit oder verlobt

Obwohl die christliche Gemeinschaft Syriens von 1,5 Millionen Gläubigen im Jahr 2011 auf rund 350.000 zusammenschmolz, hat sich die bunte Vielfalt angestammter Kirchen erhalten. Allein in der einst blühenden Metropole Aleppo residieren sechs katholische Bischöfe – des maronitischen, melkitischen, armenischen, syrischen, chaldäischen und lateinischen Ritus. Dazu kommen orthodoxe, armenische, griechische und protestantische Christen. Die katholischen Bischöfe treffen einander einmal pro Woche sowie einmal im Monat mit den Vertretern der anderen Konfessionen.

Die „Blauen Maristen“ wollen bewusst ein Zeichen des Zusammenlebens setzen und nehmen in ihren Einrichtungen auch muslimische Kinder an. 178 Freiwillige kümmern sich hier um Kinder aus überwiegend desolaten Verhältnissen. In den Programmen würden christliche und muslimische Kinder getrennt, „weil jeder seine eigenen Bedürfnisse hat“, wie ein Mitarbeiter erläutert; beim Essen und Feiern sind dann alle wieder beisammen. Auf Nachfrage heißt es: „Muslimische Kinder kennen oft keine Mädchen mit kurzen Ärmeln, wissen auch nicht, warum andere sich anders kleiden. Manche Eltern zwingen ihre kleinen Mädchen, mit Hijab zu gehen. Buben im Alter von zwölf Jahren müssen oft schon zu arbeiten beginnen, und Mädchen zwischen zwölf und 15 Jahren werden verlobt.“

In der syrisch-orthodoxen Schule von Aleppo ist den Muslimas das Kopftuch nicht erlaubt. „Trägt ein Mädchen Kopftuch, dann wird es weggeschickt“, erklärt eine Lehrerin. Doch die christlichen Schulen sind einem Islamisierungsdruck seitens der Regierung ausgesetzt. Auch in weltanschaulich sensiblen Fächern wie Religion und Geschichte müssen die Schulen dem staatlichen Curriculum folgen, das sich immer mehr an der Scharia orientiert. „Ganz Syrien ist ein Projekt für die Weltgemeinschaft und für die Kirchen der ganzen Welt“, meint der Vorsitzende des Hilfswerks „Initiative Christlicher Orient“, Slawomir Dadas, im Gespräch mit der „Tagespost“ in Damaskus. Seine Organisation arbeitet mit allen Kirchen zusammen, „damit sie für alle Menschen im Land wirken können – und damit Syrien nicht zu einem zweiten Afghanistan wird“, so Dadas.

„Die Kirche vermittelt keine Visa und sie verhindert auch keine“

Der syrisch-orthodoxe Bischof von Damaskus, Joseph Bali, will sich zu politischen Fragen nicht äußern, denn „darauf habe ich keinen Einfluss“. Er fokussiert auf soziale und pastorale Projekte, das sei „fruchtbarer“, wie er im Gespräch meint. „Die Kirche vermittelt keine Visa und sie verhindert auch keine“, sagt er. Den Jugendlichen, die alle auswandern wollen, sagt er, dass Deutschland und Österreich auch nicht das Paradies sind. „Wir kümmern uns um die Leute, die hier bleiben“, denn etwas müsse sich ändern in Syrien – „und wer nicht hier ist, hat keinen Einfluss darauf“.

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