Der Höhepunkt des zweiten Tages der Frankreichreise von Leo XIV. war am frühen Nachmittag die Heilige Messe, die der Papst als Votivmesse „Maria, Quelle des Heils“ auf der Place de la Concorde im Herzen von Paris feierte. Laizistische Gruppen hatten verhindern wollen, dass an einem solch symbolischen Ort – dem früheren „Place de la Révolution“, wo Hunderte von Menschen, darunter Ludwig XVI. und Maria-Antoinette, hingerichtet wurden – eine Papstmesse mit Hunderttausenden Menschen stattfindet. Der Pariser Verwaltungsgericht wies einen entsprechenden Eilantrag ab. Verfassungsrechtler verwiesen darauf, dass die französische Laizität religiöse Feiern im öffentlichen Raum nicht grundsätzlich untersagt.
Am Sonntagnachmittag säumen Hunderttausende begeisterte Menschen die Straßen, insbesondere die Champs-Elysées, über die Leo XIV. im Papamobil zur Place de la Concorde fuhr. „Le Monde“ traf dort die frisch pensionierte Agraringenieurin Marie-Irene Hanitriniaina, die wohl einen der weitesten Wege zurückgelegt hatte: „Neuntausend Kilometer für eine Messe“. Sie war eigens aus Madagaskar angereist und wollte am Montag zurückfliegen. Ihr im Großraum Paris lebender Neffe zeigte sich angesichts der Menge überwältigt: „Ich bin überrascht, dass es in Paris so viele Gläubige gibt.“
Bis weit über den Triumphbogen hinaus
Rund 600.000 Menschen, die sich bis weit über den Triumphbogen hinaus verteilten, verfolgten die Messe auf Großbildschirmen. In seiner Predigt gab Leo XIV. seinem Wunsch Ausdruck: „Möge meine Anwesenheit in eurer Mitte euren Glauben stärken und euch ermutigen, das Leben, den Frieden und die Liebe unseres geliebten Herrn Jesus Christus unaufhörlich auszustrahlen und weiterzugeben.“ Ausgehend vom Schriftwort „Wer Durst hat, komme zu mir und (…) trinke“, sprach er vom „Durst nach Sinn, nach Wahrheit und nach Erfüllung, der dem Herzen eines jeden Menschen innewohnt“. Nichts Irdisches könne ihn vollständig stillen. Materielle Güter versprächen „das Blaue vom Himmel“, ließen das Herz aber letztlich leer zurück.
Für Jesus sei niemand „eine Nummer auf einem Personalausweis“, sondern „eine einzigartige und unersetzliche Person“. Der Papst rief die Gläubigen auf, ihren Glauben nicht für sich zu behalten, sondern selbst „zu einer Quelle des Lebens“ zu werden: „Es ist eure Aufgabe, Hoffnung dorthin zu bringen, wo Entmutigung und geistliche Trockenheit herrschen.“ Frankreich dürste nach Gott, Wahrheit, Einheit und Frieden sowie nach einer „Erneuerung der Nation aus ihren vom Glauben durchdrungenen Wurzeln“. Den jungen Menschen rief er zu: „Ihr seid die Kirche von heute!“ Katechumenen und Neugetaufte ermutigte er, eine „Kultur der Liebe“ zu verbreiten.
Erzbischof Laurent Ulrich von Paris sagte in seinem Schlusswort, durch die Anwesenheit und die Worte des Papstes fühlten sich die Gläubigen „in ihrer Mission, das Evangelium zu verkünden, bestärkt.“
Bereits am Freitagabend hatte Leo XIV. mit rund 78.000 jungen Menschen eine Gebetsvigil im Stade de France gefeiert. Bischof Étienne Guillet erinnerte daran, dass Saint-Denis vor den Toren von Paris wohl das kosmopolitischste Département Frankreichs sei, in dem die Getauften eine Minderheit bildeten. Zugleich schlug das Programm den Bogen zur christlichen Geschichte des Landes: In zehn szenischen Bildern erinnerten junge Menschen an Gestalten von Dionysius, dem ersten Bischof von Paris, über Chlodwig, Ludwig IX. und Jeanne d’Arc bis zum Pfarrer von Ars, Bernadette Soubirous und Theresia von Lisieux.
Gläubige Fragen den Papst
Leo XIV. beantwortete zunächst zwei Fragen junger Franzosen. Die 25-jährige Pharmaziestudentin Chloé wollte wissen, wie sich missionarischer Eifer mit dem Respekt gegenüber Menschen verbinden lasse, die den christlichen Glauben nicht teilen. Der Papst antwortete mit dem Pauluswort: „Für mich ist Christus das Leben.“ Das Evangelium führe nicht zu Konflikten, sondern zu Geschwisterlichkeit und Dialog. „Es ist unmöglich, Zeugnis für Christus zu geben, ohne diejenigen zu lieben, denen wir ihn verkünden wollen.“
François, Agrarstudent aus Burgund, fragte, wie junge Menschen erkennen könnten, „wo der Herr auf uns wartet“, um ihm zu dienen und ihr Leben hinzugeben. Leo XIV. verwies auf Gebet, Eucharistie, Stille, Dienst und das Beispiel der Heiligen. Besonders wandte er sich an jene, die sich zum Priestertum oder zum gottgeweihten Leben berufen fühlten: „Die Kirche in Frankreich braucht euch so sehr. Habt keine Angst vor diesem Ruf.“
„Unsere einzige Waffe ist die Liebe, die sich verschenkt“
Nach einer Litanei der Heiligen Frankreichs weitete der Papst den Gedanken der persönlichen Berufung zum allgemeinen Ruf zur Heiligkeit aus. Mit Paulus fasste er den christlichen Weg in drei Verben zusammen: „Meide, strebe, kämpfe.“ Der „Kampf des Glaubens“ richte sich niemals gegen andere und bediene sich nicht der Gewalt: „Unsere einzige Waffe ist die Liebe, die sich verschenkt.“
Der Samstag hatte für Leo XIV. mit einer Begegnung im Sozial- und Integrationszentrum „Maison Bakhita“ begonnen. Das nach der sudanesischen Ordensfrau Josephine Bakhita benannte Zentrum wurde 2018 von der Erzdiözese Paris gegründet, um Flüchtlinge aufzunehmen und bei ihrer Integration zu unterstützen.
Nach Erfahrungsberichten ehemaliger Flüchtlinge und ihrer Betreuer betonte Leo XIV., die Geschichte der Kirche und der Menschheit werde „nicht von jenen geschrieben, die den Eindruck erwecken, durch Durchsetzung und Raumbesetzung zu siegen, sondern von jenen, die Platz schaffen, Friedensprozesse in Gang setzen, Vertrauen wecken und das Leben fördern.“ Die heilige Bakhita ermuntere dazu, „diejenigen zu sehen, die unsichtbar sind, jene zu befreien, die heute durch Wirtschaft und Kultur versklavt werden.“
Anschließend traf der Papst im Katholischen Institut von Paris Mitglieder der Provinzialsynode, Katechumenen und Neugetaufte. An der Synode nehmen rund 350 Vertreter aus den acht Diözesen der Kirchenprovinz Paris und dem Militärordinariat teil. Vorausgegangen war eine Befragung von 45.000 Menschen in mehr als 4.000 Gruppen. Hintergrund ist die wachsende Nachfrage nach den Sakramenten der christlichen Initiation.
Nach den Zeugnissen zweier Neugetaufter und einer Katechumenen-Begleiterin dankte Leo XIV. „für das unvorhersehbare Wirken Gottes“. Er zeigte sich „erstaunt über die Zahl der Menschen, die sich wieder neu für den Glauben interessieren, und über die vielen Erwachsenen, die die Sakramente der christlichen Initiation empfangen möchten“. Dass dies gerade in einer stark säkularisierten Gesellschaft wie Frankreich geschehe, möge paradox erscheinen. Für den Papst ist es „ein konkretes Zeichen des Wirkens der Gnade Gottes, das statistische und soziologische Analysen übersteigt.“
Chance und Aufgabe
In der Begleitung der Neugetauften sieht Leo XIV. „eine Chance und eine Aufgabe“. Sie könnten den Gemeinden helfen, den eigenen Glaubensweg zu erneuern und „auf neue Weise die Freude des Evangeliums“ zu erleben. Zugleich müssten sie begleitet, in die Gemeinden integriert um umfassend so unterwiesen werden, dass „die Einheit von Glauben und Leben“ gefördert werde. Dazu gehöre besonders die Liturgie ein, die „für manche ein Eingangstor zum Geheimnis des Glaubens gewesen“ sei.
Als Vorbild nannte Leo XIV. Augustinus, einen „der berühmtesten Katechumenen der Geschichte“. Bei seiner Taufe sei dessen Glaube „nur ein kleiner Samen“ gewesen, aus dem ein Baum gewachsen sei, „unter dessen Krone wir noch heute Schutz finden“. In den Katechumenen und Neugetauften sehe er deshalb „nicht nur die Frucht des Heiligen Geistes“, sondern auch „eine Verheißung der Fruchtbarkeit für die Kirche in Frankreich.“
Am frühen Abend flog Leo XIV. von Paris-Orly zum Flughafen „Tarbes-Lourdes-Pyrénées“. In Lourdes beginnt der zweite Teil seiner Frankreich-Reise.
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