Eine horizontale Narbe am Hals erinnert Stefan an die Krise seines Lebens. Während der Corona-Pandemie hatte sich der junge Mitarbeiter einer Herrschinger Pflegeeinrichtung im Dienst mit dem Virus infiziert – „wie so viele andere auch“, berichtet er gelassen. Künstliches Koma, Luftröhrenschnitt und eine lange Rekonvaleszenz schlossen sich an. Seitdem hat er die Hilfe des Himmels erfahren: „Ich musste alles erst wieder neu lernen“, berichtet er. Dass er heute wieder zur Arbeit gehen kann, ist für ihn ein Grund, Maria zu danken. Er freut sich darauf, Papst Leo zu sehen, und will den Kreuzweg am Flussufer beten – für alle Kranken an seinem Arbeitsplatz. Mit leuchtenden Augen spricht er von seiner ersten Pilgerfahrt nach Lourdes vor vier Jahren: vom Ministrantendienst und der internationalen Messe mit Pilgern aus aller Welt.
Auch an diesem Wochenende trifft sich in Lourdes die Weltkirche: Aus Italien, Spanien, Irland und Deutschland sind Gruppen angereist. Tobias Ferstl leiht am Sonntagabend als Vorbeter beim abendlichen Rosenkranz mit dem Heiligen Vater den deutschsprachigen Pilgern seine Stimme. Der gebürtige Regensburger begleitet als Reiseleiter eine 40-köpfige Gruppe des Bayerischen Pilgerbüros in Lourdes.
Minutenlang kniet der Papst in der Grotte von Lourdes
Zum Besuch des Augustinerpapstes präsentiert sich die Kleinstadt am Fuß der Pyrenäen als ein lebendiges Bild der „societas perfecta“, die der Ordensvater Leos XIV., der heilige Augustinus, einst vor Augen hatte. Auf den überfüllten Straßen haben Kranke stets Vorfahrt, während unzählige freiwillige Helfer in der warmen Spätsommersonne bei Rollstuhlfahrern und deren Angehörigen ausharren, um ihnen mit Liedern, Gebeten und Getränken die stundenlange Wartezeit erträglicher zu machen. Vor allem die italienischen Gruppen schwelgen in Lebensfreude: Festtäglich gewandete Rollstuhlfahrer und luftballongeschmückte Reifen unterstreichen, dass das Leben auch mit Einschränkungen lebenswert ist.
Das Gebet des Papstes in der Grotte von Lourdes um den Glauben und Eifer der christlichen Familien und das Gebet um geistliche Berufungen beschließen Leos Ankunft in Lourdes. Minutenlang kniet der Papst in Stille an jener Stelle, an der Bernadette Soubirous die weißgekleidete Dame sah. Sein Gebet um Priester und Ordensleute dürfte in Frankreich auf fruchtbaren Boden fallen – trotz des Rückgangs der kontemplativen Berufungen, die der Papst in seiner Ansprache an die Bischöfe beklagt: An der Prozessionsstraße erwarten zahlreiche Priester und Ordensleute junger Gemeinschaften das Papamobil, darunter auch die Kanonikerinnen der Muttergottes von Azille. Die fröhlichen Nonnen im weißen Habit leben in der Nähe von Carcassonne nach der Regel des heiligen Augustinus und sind mit fünf Postulantinnen zum Besuch ihres geistlichen Bruders aus dem Augustinerorden gekommen. Sie bieten Einkehrtage und Pilgerfahrten an und bereiten Kinder auf die erste heilige Kommunion vor – und leisten damit einen Beitrag zur katholischen Profilbildung.
Wie viel Bedeutung der Papst dieser beimisst, zeigt seine Ansprache am Sonntagmorgen an die französischen Bischöfe: Unter den Herausforderungen der Kirche von Frankreich nennt Leo XIV. an erster Stelle die Bildung. Ohne die Aufnahme von Ungetauften an katholischen Schulen in Frage abzuwerten, rückt er die Bedeutung der Evangelisierung in den Fokus: Das katholische Schulwesen könne keinesfalls auf sein Erziehungsprojekt verzichten, ein auf Christus ausgerichtetes Projekt, das auf die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in all seinen Dimensionen abziele: spirituell, kulturell, intellektuell, moralisch und sozial. „Niemand sollte sich daher über die Gelegenheiten wundern, die in jeder katholischen Schule geboten werden, Jesus Christus zu begegnen und sein Wort zu hören. Noch weniger sollte ein Schüler in seiner Klasse ausgegrenzt werden, nur weil er an Jesus glaubt.“
Leo: Priester muss „aufgenommen und geliebt werden“
Neben den getauften Schülern gilt die Aufmerksamkeit des Papstes den Priesteramtskandidaten. Damit Priesterberufungen entstehen können, so Leo XIV., müsse der Priester „aufgenommen und geliebt werden“. In Anspielung auf das bevorstehende Aus der Abtei La Trappe erwähnt er seinen „Schmerz“ angesichts der Schließung alter und angesehener Klostergemeinschaften. Im Mai hatten die Mönche des Mutterklosters der Trappisten angekündigt, die Abtei 2028 aufgrund des fehlenden Ordensnachwuchses schließen zu müssen. Den Boden für geistliche Berufungen legen aus Sicht des Papstes „christliche Familien, die größte Aufmerksamkeit und Unterstützung verdienen.“ Die Vertiefung und Verwurzelung des Glaubenslebens in der Familie sei sicherlich „ein Schlüssel zur Lösung vieler Krisen, mit denen die Kirche und unsere Gesellschaften konfrontiert sind. Denn gerade in den Familien werden das Zusammenleben, der Respekt vor dem anderen, die Akzeptanz von Vielfalt, die gegenseitige Unterstützung, die Großzügigkeit, die Uneigennützigkeit der Selbsthingabe und der Geist der Aufopferung gelernt. Vielleicht ist dies die größte Herausforderung, der wir uns stellen müssen: Dass Jesus in den katholischen Familien Frankreichs in Fülle lebt“.
Ausdrücklich verteidigte der Papst die Stimme der Kirche im öffentlichen Diskurs des laizistischen Frankreichs. Das Wort der Kirche besitze von Natur aus eine prophetische Autorität. „Auch wenn es nicht immer gehört wird, wird es doch erwartet. Auch wenn ihm nicht gefolgt wird – insbesondere bei wesentlichen Fragen, die die Grundlagen der Zivilisation betreffen –, ist es notwendig; daran dürft ihr nicht zweifeln!“, sagte Leo.
Buße als Werk der Liebe
Auf der sogenannten Prärie gegenüber der Grotte erwarten gut 150.000 Pilger den Papst zur Sonntagsmesse. Ohne den Begriff „Missbrauch“ explizit in seiner Predigt zu erwähnen, lässt Leo keinen Zweifel daran, dass die Kirche umkehren müsse. Von der dreifachen Aufforderung Marias an Bernadette – „Buße! Buße! Buße“ – zieht der Papst die Linien in die Gegenwart aus. „Warum nur? Sind wir möglicherweise etwas langsam im Begreifen? Halten wir uns allzu leicht für sündlos? Üben wir nicht genug Buße? Die Jungfrau bittet uns, Buße zu tun, nicht nur für uns selbst, die wir sie benötigen, sondern auch ‚für die Sünder‘, für eine Welt, die auf dem falschen Weg ist. Wie könnten sich unsere Herzen angesichts der immer weiter um sich greifenden Konflikte, die so viele unschuldige Leben zerstören, da nicht angesprochen fühlen? Und doch stammt das Böse, das unsere Zeit heimsucht, aus dem Herzen des Menschen. Gott ist dafür nicht verantwortlich.“
Die Buße, so der Papst, sei ein Werk, das der Liebe in Solidarität mit dem Menschengeschlecht entspringt: aus der Liebe zu Gott und zu allen Brüdern und Schwestern, „die diesem Ruf zur Umkehr nicht folgen und durch ihre Verfehlungen dem Tod entgegengehen.“ Die Notwendigkeit der Bekehrung betreffe auch die Kirche selbst auf ihrem irdischen Pilgerweg. „Sie muss den Mut aufbringen, diese Umkehr als Erste zu vollziehen. Um von den tiefen Wunden, der Untreue und den schmerzhaften Irrwegen, die in ihr begangen wurden, zu genesen, müssen wir uns in Demut dem reinigenden Blick des Herrn stellen.“
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