Leere Schulen, verlassene Dörfer, schrumpfende Städte, fehlende Arbeitskräfte und fehlende Kunden – Nordmazedoniens Demografiekoordinator Vlatko Gjorchev warnte beim internationalen Symposium „Die Rolle der Kirche angesichts des demografischen Wandels“ auf Schloss Trumau bei Wien vor den drastischen Folgen des Bevölkerungsrückgangs und rief zu einem gesellschaftlichen Umdenken auf. Für Gjorchev ist die Kirche ein zentraler Player angesichts des demografischen Wandels: Sie könne mit ihren Werten zu Ehe und Elternschaft jungen Menschen Mut zur Familiengründung vermitteln.
Viele der Teilnehmer des Symposiums waren jung, denn die Katholische Hochschule ITI feierte mit der Veranstaltung ihr 30-jähriges Bestehen. Unter den rund 150 Teilnehmern der Tagung aus 20 Ländern waren entsprechend viele Studenten.
Eine Brücke zwischen Ost und West
Kardinal Christoph Schönborn, der langjährige Großkanzler, erinnerte in seinem Beitrag an den Gründungsauftrag der Hochschule ITI: Johannes Paul II. habe Österreich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ermutigt, eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen und sich der Lehre über Ehe und Familie zu widmen – beides gehöre zu den zentralen Anliegen des „International Theological Institute“ (ITI).
Bei aller Festfreude verhandelte das Symposium, das vom 16. bis 17. Oktober stattfand, ein ernstes Thema, denn, wie Gudrun Kugler, Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat (ÖVP), ausführte, bewegen wir uns durch kontinuierlich sinkende Geburtenraten auf multiple Krisen zu, unter anderem auf eine „Epidemie der Einsamkeit“ in unseren westlichen Gesellschaften. Daraus ergebe sich eine neue „Option für die Armen“ und eine neue pastorale Kernaufgabe für die Kirchen, so die OSZE-Sonderbeauftragte für den demografischen Wandel.
Kugler betonte: „Menschen, die unter Einsamkeit leiden, brauchen Gemeinschaft, Zuwendung und Orte, an denen sie willkommen sind. Die Kirche muss Wege finden, für diese Menschen da zu sein. Wir müssen uns wieder klar und überzeugend für Ehe und Familie einsetzen. In einer Zeit, in der Einsamkeit für viele Menschen zu einer großen Belastung wird, liegt auch eine wichtige Aufgabe der Kirche darin, Gemeinschaft zu fördern.“
Kirche muss Schlüsselrolle im demografischen Wandel erfüllen
Dass die Kirche eine Schlüsselrolle im demografischen Wandel zu erfüllen habe, bestätigte Ale Primc, Leiter des slowenischen Instituts für Demografie. Denn: Die Kirche könne zu tragfähigen Beziehungen erziehen und Gemeinschaft anbieten. Primc unterstrich aber auch die Notwendigkeit einer langfristigen und vorausschauenden Demografiepolitik, die über Wahlperioden hinausreichen müsse und den Wunsch der Menschen nach Familiengründung aktiv zu unterstützen habe.
Auch nach Gudrun Kugler ist die Politik gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Ehe, Familie und Kinder unterstützten: „Es reicht nicht, Familien in der Theorie wertzuschätzen. Wir müssen ihnen auch zeigen, dass sie willkommen sind – in unseren Gemeinden, in unseren Angeboten und in unserer Gesellschaft.“

Kardinal Schönborn betonte die schon seit der Antike bestehende Wertschätzung des Christentums für die Würde der Frau und den Schutz des Lebens. Der emeritierte Wiener Erzbischof unterstrich aber auch, dass Mut zur Elternschaft vor allem durch das konkrete Beispiel anderer Familien entsteht: „Das wichtigste Element war immer das Zeugnis des Lebens.“
Plädoyer für das Ja zu Kindern
Der kroatische Staatssekretär Mladen Bara bezeichnete die intensive Abwanderung als eine der größten demografischen Herausforderungen für sein Land. Entsprechend möchte die Regierung Kroatien für Familien attraktiver gestalten und gezielt mögliche Rückkehrer ansprechen. Nach Bara spiele dabei die Kooperation mit der Kirche, die die Bindung zur Heimat stärke und bei der Reintegration helfen könne, eine entscheidende Rolle.
Die Demografie-Tagung auf Schloss Trumau war einerseits von großem Realismus und begründeter Sorge geprägt, andererseits aber gekennzeichnet von Hoffnung und Zuversicht. Die Relevanz des – noch relativ neuen – Themas „demografischer Wandel“ für Politik und Kirche ist zukunftsentscheidend, darüber waren sich auch die sechs Vertreter von NGOs und katholischen Familieninstitutionen bei der Podiumsdiskussion über pastorale Aspekte des demografischen Wandels einig. Klarheit, Ermutigung und Kreativität seien gefragt.
Gudrun Kugler appellierte vor allem auch an die Kirche, in diesen zentralen Fragen die Stimme zu erheben: „Die Kirche sollte Menschen ermutigen, Kinder zu bekommen, und offen darüber sprechen, dass die Aufschiebung der Familiengründung auch die Fruchtbarkeit beeinflussen kann. Eine Gesellschaft, die Zukunft haben will, muss Ja zu Kindern sagen. Die Kirche kann dabei eine entscheidende Stimme sein – durch klare Botschaften und gelebte Familienfreundlichkeit.“
Die Autorin ist Publizistin, Journalistin und Literaturhistorikerin.
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