Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Kardinal Christoph Schönborn

„Europas Hegemonie ist zu Ende“

Kardinal Christoph Schönborn über das Ende der europäischen Vorherrschaft, die Krise des Synodalen Wegs und die Frage, was die Kirche wirklich erneuert.
Kardinal Christoph Schönborn
Foto: Florian Feuchtner | 22 Jahre war Kardinal Christoph Schönborn Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, von 1995 bis 2025 Erzbischof von Wien. Im Gespräch mit der „Tagespost“ in Wien zieht er Bilanz.

Drei Jahrzehnte, von 1995 bis 2025, war Kardinal Christoph Schönborn Erzbischof von Wien, 22 Jahre davon auch Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz und bis vor wenigen Tagen Ordinarius für die katholischen Ostkirchen in Österreich. Immer aber war der Dominikaner „mit böhmischem Migrationshintergrund“ auch ein Mann der Weltkirche, ein Freund der Päpste seiner Zeit, ein geistlicher „Global Player“. Im Gespräch mit der „Tagespost“ in Wien zieht er Bilanz.

Eminenz, Sie wurden als möglicher Präfekt für unterschiedliche Kongregationen gehandelt, galten 2005 und 2013 selbst als „papabile“. Hat es Sie nie gereizt, ganz nach Rom zu gehen und eine weltkirchliche Aufgabe zu übernehmen?

Es hat mich nie gereizt – und ich bin auch nie gereizt worden. Ich hatte in Rom sehr viel zu tun und hatte dort schöne Aufgaben. Die bedeutendste Aufgabe in meinem Leben war sicher die Arbeit als Redaktionssekretär des Weltkatechismus. 15 Jahre war ich in der Internationalen Theologenkommission – nicht von Kardinal Ratzinger berufen, sondern von den Schweizer Bischöfen vorgeschlagen. Fast bis zu meiner Emeritierung war ich auch Mitglied der Glaubenskongregation. Ich hatte also schöne und spannende Aufgaben in Rom, aber ich war froh, zunächst meine Professur in der Schweiz zu haben und später meine pastoralen Aufgaben in Österreich haben zu können.

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Die Voraussetzungen für eine vatikanische Aufgabe hätten Sie wohl gehabt: vielsprachig, diplomatisch und global vernetzt.

Ich bin dankbar, dass ich diesen Weg nicht gehen musste, weil ich mich nicht so sehr am Schreibtisch sehe – vielleicht für die Theologie, aber nicht für administrative Aufgaben. Es hat sich nicht so gefügt, und ich bin dem, der die Dinge fügt, dankbar dafür.

Sie galten in drei Pontifikaten als Vertrauter des jeweiligen Papstes: am deutlichsten bei Benedikt XVI., den Sie ja seit seiner Professorenzeit in Regensburg kannten, aber auch zuvor bei Johannes Paul II. und nachher bei Franziskus. Wie kommt das?

Papst Johannes Paul hat mich in einer sehr dramatischen Krisensituation zum Erzbischof von Wien ernannt. Dahinter stand sicher, dass ich immer wieder die Gelegenheit hatte, ihm zu begegnen, sodass er mich kannte. Keinen Papst habe ich so gut gekannt wie Benedikt XVI. Die Verbindung reicht in meine Studienzeit zurück, als er mein Theologieprofessor war. Von 1972 bis zu seiner Emeritierung durfte ich mit ihm zusammenarbeiten. Bei Papst Franziskus kam es über die „Gemeinschaft vom Lamm“, mit der ich sehr verbunden bin und die er in Argentinien sehr gefördert hat. Dort habe ich ihn auch kennengelernt. In Buenos Aires durfte ich dem Weihbischof Jorge Bergoglio konzelebrieren. Es war auch kein Zufall, dass er seine erste Audienz als neugewählter Papst den Brüdern und Schwestern der „Gemeinschaft vom Lamm“ gegeben hat. Er wollte sie unbedingt sehen, und ich durfte dabei sein. Dazu kam, dass ich ihm durch meine Arbeit am Katechismus und meine theologischen Publikationen nicht unbekannt war. So war schnell eine Sympathie da, die sich durch die Familiensynode verstärkt hat. Er hat mich beauftragt, den Festvortrag zum 50-Jahr-Jubiläum der Bischofssynode zu halten. In der Frage, wie mit Lebensbrüchen und Scheitern umzugehen ist, hat er mir vertraut. Darum hat er mir den Auftrag gegeben, sein Schreiben „Amoris laetitia“ der Weltpresse vorzustellen.

Wie beurteilen Sie aus Ihrer Erfahrung der bisherigen Päpste das Pontifikat von Leo XIV.?

„Ich beurteile überhaupt kein Pontifikat!
Wer bin ich, den Päpsten Noten zu geben?"

Ich beurteile überhaupt kein Pontifikat! Wer bin ich, den Päpsten Noten zu geben? Ich bin froh, wenn ich keine allzu schlechten Noten von ihnen bekomme. Ich durfte drei Päpste wirklich aus der Nähe erleben – und jetzt einen vierten, den ich als Präfekt kennen- und schätzen gelernt habe. Natürlich beurteilt die Geschichte auch die Fehler und Schwächen von Päpsten, aber das Geheimnis des Petrusamtes ist viel stärker. Zeigen Sie mir eine Institution der Welt, die vom ersten bis zum 267. Oberhaupt durchgehend als Institution besteht und sich durch allen Wandel der Geschichte hält! Der Papst ist immer der Papst!

Die Kirche ist in Ihrer Lebenszeit weniger eurozentrisch und mehr Weltkirche geworden: Ist das nur positiv oder hätte das europäische Christentum der Welt nicht doch noch etwas zu bieten – mehr als Geld?

Die demografische Komponente ist klar: Die Europäer stellen in wenigen Jahren nur noch vier Prozent der Weltbevölkerung. Es ist positiv, dass Europa nicht mehr die Welt beherrscht, denn so glorreich war das nicht. Dass die Hegemonie Europas zu Ende ist, ist eine Gerechtigkeit der Geschichte. Auch weltkirchlich haben sich die Gewichte verschoben: Bei den Synoden 2023 und 2024 machte Europa eine schwache Figur. Aber natürlich hat Europa immens viel zu geben: spirituell und religiös. Europa muss zugleich lernen, zu empfangen. Ich habe während dieser Synode eine unliebsame Innenschau erlebt, weil ich – zwar nicht in Herz und Kopf, aber in meinem Unterbewusstsein – immer noch das Gefälle Europas gegenüber den anderen in mir trage. Selbst in der Art, wie ich mit den anderen freundlich bin. Das hat mich am meisten erschüttert: über mich selbst. Erst das Evangelium verändert unseren Blick, und das ist die Voraussetzung dafür, dass Europa noch etwas geben kann. Es hat nun einmal die große Geschichte der Heiligen und der großen Theologen. Das ist alles nicht vorbei. Thomas von Aquin wird heute außerhalb Europas mehr gelesen als in Europa. Heute ist Europa das Museum der Welt. Man kommt aus der ganzen Welt, um Europa zu bewundern, aber es gibt in diesem Museum nach wie vor einen lebendigen Glauben. Die Kraft, aus der Europa seine großen Leistungen und seine Kultur hervorgebracht hat, ist das Evangelium.

Spiegelt sich das „Gefälle“, von dem Sie sprachen, nicht auch in der Weise, wie Priester aus anderen Kontinenten bei uns behandelt werden: als Lückenbüßer in der Seelsorge, von denen wir erwarten, dass sie sich hier inkulturieren – aber nicht, dass sie uns das bringen und sagen, was wir weitgehend vergessen haben?

Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch mit der „Tagespost"
Foto: Florian Feuchtner | Es sei positiv, dass Europa nicht mehr die Welt beherrscht, „denn so glorreich war das nicht": Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch mit der „Tagespost".

Absolut. Genau das ist die Herausforderung, die wir oft nicht gut bestehen: Die Priester, aber auch die Flüchtlinge und Migranten, die zu uns kommen, sehen wir oft nicht auf Augenhöhe als Brüder und Schwestern. Es gibt aber auch Pfarrgemeinden, wo europäische Migranten, Filipinos, Afrikaner und Eingesessene unter einem Dach wirken und eine wirklich lebendige Gemeinschaft bilden, wie es vom Evangelium her möglich ist.

Wo sehen Sie die Weltkirche heute im Aufbruch, in frühlingshaftem Wachstum, im Erblühen?

Das eigentliche Ereignis ist, dass Menschen zum Glauben kommen, dass jemandem durch das Wort des Evangeliums das Herz aufgeht. So wird es bis zur Wiederkunft Christi sein: Menschen werden im Herzen berührt werden. Das spielt sich immer in einem Kontext ab. Was in China unter dem kommunistischen Regime und in Indien unter dem national-hinduistischen Regime geschieht, das sind großflächige Ereignisse, wie es sie in der Geschichte immer gegeben hat. Aber das Geheimnis der Kirche ist, dass Menschen berührt werden und dann Gemeinden entstehen. Die Kraft der Kirche liegt im Glauben. Und der ist in Europa nicht gestorben.

In Europa ist vieles im Schrumpfen, zugleich gibt es auch kleine Gegentrends gegen den Megatrend des Niedergangs. Wirkt der Heilige Geist vielleicht doch anders, als wir ihn organisieren wollten?

Gott sei Dank! Wir können jedoch durch die Sakramente, die Kanäle der Gnade sind, erleben, wie die Gnade objektiv wirkt. Ich begegne oft Menschen, die mir sagen: „Sie haben mich gefirmt.“ Dann frage ich zurück: „Und, hält es noch?“ Dieses objektive Wirken der Kirche ist eine ungeheure Kraft. Auf allen Kontinenten wird täglich die Eucharistie gefeiert. Der Kern unseres Glaubens, dass Christus für alle Menschen gestorben und auferstanden ist, wird überall auf der Welt gefeiert. Wir brauchen ein viel größeres Vertrauen auf die objektive Kraft des Wirkens Gottes durch das Siebengestirn der Sakramente.

Geschieht Kirchenreform durch Glaubenserneuerung, also nicht durch neu konstruierte Strukturen?

„Es gab kein Jahrhundert, in dem es nicht
Niedergang und Erneuerung gegeben hat. Das ist ein Grundmuster"

Das ist die jahrhundertelange Erfahrung! Es waren die großen wie die unbekannten Heiligen, die in jedem Jahrhundert Erneuerung gebracht haben. Es gab kein Jahrhundert, in dem es nicht Niedergang und Erneuerung gegeben hat. Das ist ein Grundmuster. Ich bin ein großer Verfechter des Kirchenrechts, weil die Kirche auch eine Gemeinschaft des Rechts und der Gerechtigkeit ist. Die Gläubigen haben Pflichten und Rechte, und das muss auch geordnet werden. Aber zu glauben, dass durch Strukturreformen alleine die Erneuerung bewirkt wird, ist eine Illusion. Die eigentliche Kraft kommt aus dem gelebten Glauben, aus den Sakramenten.

Ist die Kirche im deutschen Sprachraum zu „autoreflexiv“ und selbstbezogen, wie Papst Franziskus meinte, zu sehr um sich selbst kreisend? Etwa im deutschen „Synodalen Weg“?

Wenn der Brief von Papst Franziskus an die Kirche in Deutschland das Leitmotiv des „Synodalen Wegs“ geworden wäre, dann wären wir nicht in den Sackgassen, in denen sich dieser „Synodale Weg“ zurzeit befindet. Aber es ist ja noch nicht zu spät.

Kirchengeschichtlich rückblickend können wir analysieren, wie einst die Bettelorden oder später die Jesuiten die Kirche erneuerten. Welche Kräfte der Erneuerung sehen Sie im 21. Jahrhundert?

Aus 30 Jahren Erfahrung als Erzbischof sage ich: Es ist nie monokausal. Im Garten Gottes blühen viele Blumen, aber man muss auch immer wieder jäten, weil Unkraut wächst. Es gibt nicht einfach das eine Rezept. Ich habe die neuen Gemeinschaften in meiner Amtszeit gefördert, so wie meine Vorgänger auch. Zur Lebendigkeit der Kirche gehören die traditionellen Orden wie die neuen Bewegungen oder die Katholische Aktion mit ihren Höhen und Tiefen, aber auch viele Menschen, die ihr tägliches Leben unter schwierigen Umständen glaubwürdig leben. Alle Aufbrüche haben auch immer wieder Krisen erlebt. Ein Dominikaner sagte einmal spöttisch zu einem Jesuiten: „Wir waren schon dekadent, da wart Ihr noch nicht einmal gegründet.“

Die „Tagespost" traf Kardinal Schönborn in Wien
Foto: Florian Feuchtner | Zitat Kardinal Schönborn: „Im Garten Gottes blühen viele Blumen, aber man muss auch immer wieder jäten, weil Unkraut wächst."

Sie waren als Erzbischof von Wien drei Jahrzehnte auch Ordinarius für die katholischen Ostkirchen, kennen zudem die Welt der orthodoxen und orientalischen Kirchen und deren Theologie. Was können wir von ihnen lernen?

Persönlich war für mich die Entdeckung der östlichen Kirchenväter ganz entscheidend. Ebenso die Erfahrung der Liturgie, vor allem der byzantinischen Tradition, die ich besser kennengelernt habe. Johannes Paul II. sagte, die Kirche müsse mit beiden Lungen atmen. Die Folgen der scharfen Trennlinie zwischen dem Einfluss von Rom und Byzanz erleben wir auch heute. So führt Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der ideologischen, aber auch emotionalen Begründung, dass Kiew die Mutter der slawischen Orthodoxie ist. Das zeigt die Grenze zwischen römischem und byzantinischem Einfluss. Durch die enorme Migration ist das alles längst kein europäisches Thema mehr, sondern ein weltweites.

Geht die Spaltung heute nicht vielmehr durch die Orthodoxie selbst? Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios, hat weniger Probleme mit Rom als mit dem Patriarchen von Moskau, Kyrill, und dessen Rolle im Ukrainekrieg.

„Moskau sieht sich als „drittes Rom“.
Damit ist eine messianische Sicht der russischen Orthodoxie
verbunden, die der Realität nicht standhält"

Das ist ein Teil der dramatischen Geschichte des kirchlichen Ostens. Konstantinopel hat keine politische Bedeutung mehr, aber Moskau sieht sich als „drittes Rom“. Damit ist eine messianische Sicht der russischen Orthodoxie verbunden, die der Realität nicht standhält, aber nach wie vor ein mentaler Hintergrund der russischen Politik ist. Die Orthodoxie tut sich schwer, katholisch im Sinne von „allumfassend“ zu sein, weil sie schon in der Frühzeit eine Leib-Seele-Theorie von Kirche und Staat entfaltete: Dieser Sicht zufolge ist der Staat der Leib und die Kirche die Seele. Das ist die Crux der Orthodoxie, weil sie dadurch fast dazu verurteilt ist, Nationalkirche zu sein. Das aber ist mit dem Wesen der Kirche unvereinbar.

Papst Leo XIV. und Patriarch Bartholomaios steuern bewusst und ambitioniert die Kircheneinheit an: Ist das Ökumene-Poesie oder doch irgendwie realistisch?

Keine optimistische, sondern eine hoffnungsvolle Vision bieten zwei geistliche Persönlichkeiten: Matta el-Meskeen, der 2006 verstorbene bedeutende koptische Mönch, schrieb: Vielleicht lässt es Gott ja zu, dass wir Christen immer noch so uneinig sind, weil wir mit der Einheit nicht richtig umgehen und sie als Macht missbrauchen würden. Durch die Schande unserer Uneinigkeit zeige uns Gott, dass nur er die wahre Einheit schenken kann. Das letzte Wort, das Papst Benedikt 2012 in Castel Gandolfo an seinen Schülerkreis gerichtet hat, sehe ich als sein ökumenisches Testament. Er sagte: „Geht es in der Ökumene nicht letztlich darum, dass wir aufeinander hören und voneinander lernen, was es heißt, heute Christ zu sein.“ Für mich sind diese beiden Sichtweisen zwei Scheinwerfer auf dem Weg der Ökumene.

Schönborn zur Situation der Christen in Europa
Foto: Florian Feuchtner | „Die Situation der Christen in mehrheitlich islamischen Ländern ist seit 1.400 Jahren durchaus vergleichbar mit der Situation der Juden im christlichen Europa", so Kardinal Schönborn.

Sie sprachen früher mehrfach von einer „Ökumene des Blutes“, also einer Ökumene der Märtyrer, denn Christen werden ja nicht verfolgt und ermordet, weil sie dieser oder jener Konfession angehören, sondern schlicht, weil sie Christen sind.

Ja, das ist sehr richtig. Die Ökumene des Blutes ist sicher der tiefste Quellort einer Ökumene. Ich denke etwa an die 21 koptischen Märtyrer, die Papst Franziskus auch in den katholischen Kalender aufgenommen hat. Sie gelten auch uns als authentische Märtyrer.

In seiner Herkunftsregion, in den Ländern der Bibel, dünnt das Christentum immer mehr aus. Das hat nicht zuletzt mit dem Islam zu tun. Widerlegt das die Hoffnungen, die das Zweite Vatikanum und die Päpste seither auf den christlich-islamischen Dialog gesetzt haben?

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Das ist eine Zuspitzung, die sicher nicht ganz neu ist. Die Situation der Christen in mehrheitlich islamischen Ländern ist seit 1.400 Jahren durchaus vergleichbar mit der Situation der Juden im christlichen Europa. Es tut ganz gut, hier einmal Parallelen zu zeichnen: Die Situation der Christen im Nahen Osten erinnert mich sehr an die zusätzlichen Steuern, Kleidungsvorschriften, Pogrome und Massenvertreibungen von Juden in Europa durch Jahrhunderte. Das wirft die Frage auf, wie mit der Absolutheit der Religion umzugehen ist. Da stoßen wir an Grenzen, die die Religion insgesamt in Frage stellen: Warum gibt es in Sri Lanka einen aggressiven Buddhismus, der sich gegen Muslime und Christen wendet? Wie ist es in Indien mit dem hinduistischen Nationalismus? Da ist das Phänomen Religion selbst kritisch anzufragen. Es liegt letztlich an uns Menschen: Die Behauptung von Identität gegen Konvivialität, also Zusammenleben, ist sicher ein Erbe dessen, was wir Erbsünde nennen. Das liegt nicht im Wesen der Religion: Die schlimmste und brutalste Religionsverfolgung, die es in der Geschichte gegeben hat, ist die des Sowjetkommunismus und des Nationalsozialismus. Und die waren anti- beziehungsweise pseudoreligiös. Den Religionen die Gewaltlatenz anzulasten, ist natürlich unsinnig.

Eine persönliche Frage: Joseph Ratzinger wollte selbst als Papst noch Theologe sein, schrieb seine Jesus-Trilogie. Sie selbst wählten den Weg des Ordensmannes und des Theologen – die Ernennung erst zum Weihbischof, dann zum Erzbischof kam dazu. Arbeiten Sie noch an einem theologischen Werk?

Nein, ich habe keine Buchprojekte mehr. 30 Bücher reichen, und die stelle ich auch nicht neben Ratzinger und Balthasar, sondern in die zweite oder dritte Reihe. Papst Benedikt hat nicht nur seine Jesus-Trilogie geschrieben, sondern ganz bedeutende Reden gehalten. Die Reden im Deutschen Bundestag und in London halte ich auch geschichtlich betrachtet für ganz große Reden. Das Charisma des Petrus hat hier noch einmal ein Plus und eine Ausweitung der Dimension gegeben zu dem, was er als Professor und Bischof geleistet hat. Meine erste Berufung war zum Priestertum und in den Dominikanerorden. In die Theologie hat mich mein Freundeskreis im Orden bugsiert, denn selbst hatte ich nie daran gedacht. Unsere Leidenschaft für die Kirchenväter hat uns in einem Moment erwischt, als in der Gesellschaft alles drunter und drüber gegangen ist – 1967 in Deutschland, 1968 in Frankreich. Damals ist unser kleiner Kreis von Dominikanern zu den Kirchenvätern abgezweigt, und das war der Beginn meiner theologischen Leidenschaft.

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