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Im Atelier des Dombaumeisters

Das Museum Cuypershuis in Roermond zu Leben und Schaffen des Kirchenarchitekten Pierre Cuypers führt in die Blütezeit des Katholizismus Ende des 19. Jahrhunderts.
Museum Cuypershuis
Foto: Hartmut Sommer | Museum Cuypershuis in Roermond, rechts der ehemalige Atelierflügel.

Aufbruchstimmung herrschte bei den Katholiken in den Niederlanden nach Wiederherstellung der bischöflichen Hierarchie und Errichtung einer Kirchenprovinz mit fünf Bistümern im Jahre 1853 sowie zwei weiteren drei Jahre später. Ein erneuter Schritt hin zur Emanzipation der Katholiken, die seit Gründung der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande im Jahre 1579 der benachteiligte Bevölkerungsteil waren.

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Eine noch eingeschränkte Gleichstellung erhielten sie bereits unter französischer Hegemonie (1794–1814). Tonangebend aber blieb allein die calvinistische Nederlandse Hervormde Kerk. Erst auf Druck der revolutionären Bewegungen von 1848 hatte König Wilhelm II. einer liberalisierten Verfassung zugestimmt, die auch der katholischen Kirche freie Hand gab für ihre eigene Organisation, in die zuvor der König zugunsten der calvinistischen Staatsreligion eingreifen konnte. Eine massive protestantische Kampagne dagegen blieb erfolglos. So befreit blühte das katholische Leben auf mit eigenen Presseorganen, Schulen, vielfältigen Verbänden und Vereinen.

Auch in Deutschland entstand eine Aufbruchsbewegung

In Deutschland entstand zu dieser Zeit eine vergleichbare Aufbruchsbewegung, die mit zahlreichen neuen katholischen Vereinen und der Zentrumspartei ihre Stoßkraft entfaltete. In den Niederlanden standen die Katholiken aber noch vor einer besonderen Herausforderung. Unter calvinistischer Dominanz war ihnen die öffentliche Religionsausübung verboten gewesen.

Gottesdienste durften nur in Scheunen oder Hinterzimmern abgehalten werden, den Schuilkerken (Versteckten Kirchen). Ehemals katholische, beim Bildersturm leergeräumte Kirchen waren in calvinistische Hände übergegangen, wie beispielsweise die altehrwürdige Oudekerk in Amsterdam. Entsprechend gab es einen enormen Bedarf an Kirchenneubauten und christlicher Kunst für deren Innenausstattung.

Der junge Architekt Pierre Cuypers (1827–1921) stand dafür bereit, als ob er seinen Lebensplan darauf ausgerichtet hätte. 1849 hatte er sein Architekturstudium an der Kunstakademie von Antwerpen mit Auszeichnung abgeschlossen. Eine seiner Examensarbeiten war der Entwurf einer Kirche im neugotischen Stil, den er im Studium bei bedeutenden Vertretern dieser Richtung kennenlernen konnte.

Es sollte sein bevorzugter Stil bleiben, in dessen historische Bauprinzipien er sich weiter einarbeitete, unter anderem mit einem Besuch der Kölner Dombauhütte. Bereits 1851 wurde er Stadtarchitekt von Roermond, seiner Heimatstadt, die bald Bischofssitz eines neu errichteten Bistums in den Grenzen der Provinz Limburg sein sollte.

Das Cuypershuis in Roermond

Dieses sehr katholische Umfeld der südlichen Niederlande war gut geeignet als Standort für ein Atelier, das sich dem Bau und der Ausstattung von Kirchen widmet. Cuypers gründete es zusammen mit dem Textilunternehmer Frans Stoltzenberg und errichtete dafür 1853 in Roermond ein Werkstattgebäude mit daran anschließenden Wohnräumlichkeiten. Es ist heute als Museum Cuypershuis dem Schaffen des bedeutenden Architekten gewidmet, das neben dem Kirchenbau und der Restaurierung von Kirchen auch sakrale Kunst umfasste, und zwar in aller Breite, sowohl Bildhauerei als auch Malerei und Interieur.

Das Museum gibt eine Übersicht über die verschiedenen Bereiche seines Werks in entsprechenden Abteilungen, die exemplarische Arbeiten zeigen, etwa einen Sedes sapientiae zur Bildhauerei, und Beispiele seiner Entwurfsmodelle für Kirchen. Prunkstück im Bereich der Innenausstattung ist ein Archivschrank nach dem Vorbild eines Sakristeischrankes aus der Kathedrale von Noyon mit Darstellungen der sieben freien und der sieben praktischen Künste.

Von der Betriebsamkeit im Atelier zeugen Werkzeuge wie ein Punktierapparat für die Bildhauerei, Entwurfszeichnungen und großformatige Fotos von laufenden Arbeiten, so Cuypers mit Mitarbeitern vor einem in Entstehung befindlichen Denkmal für den päpstlichen Zuaven Pieter Jong.

Die Ausstellung im ehemaligen Salon mit zeitgenössischem Interieur befasst sich mit dem privaten Leben von Cuypers und seiner Familie. Die Arbeiten im Atelier gingen weiter, auch nachdem Cuypers 1864 nach Amsterdam zog, um seine Projekte im Norden der Niederlande zu befördern. Allein in Amsterdam baute er sechs Kirchen. 1892 kam er zurück nach Limburg und wohnte ab 1898 wieder in Roermond.

Es gab viel zu tun

Es gab viel zu tun, als die niederländischen Katholiken wieder Kirchen bauen durften. Der junge, gerade mal 26-jährige Cuypers ging unverzüglich ans Werk, sein Atelier in Roermond als Werkbank im Hintergrund für die umfassenden Aufgaben, die nun anstanden. Naturgemäß begann er im katholischen Süden. 1853 errichtete er seine erste Kirche in Oeffelt/Nordbrabant, dann bis 1858 sieben weitere. Ab 1859 dann baute er auch im Norden. Sint-Laurentius in Alkmaar/Nordholland war seine erste Kirche „oberhalb der großen Flüsse“, wie die Niederländer sagen, also in mehrheitlich protestantischem Gebiet.

Insgesamt wurden es fünfundsechzig Kirchen und zweiundzwanzig Kapellen. Dazu kommen noch mehrere Klöster. Fast achtzig Kirchen hat er restauriert, ausgestattet, umgebaut oder erweitert, darunter die Munsterkerk seiner Heimatstadt. Auch im Ausland war seine Expertise gefragt. 1873 wurde er Dombaumeister in Mainz, wo er bis 1877 tätig war bei der Restaurierung des Doms und weiterer Kirchen im Bistum.

Zwar nennt man gerne auch seine bekannten weltlichen Arbeiten wie das Rijksmuseum in Amsterdam und den Hauptbahnhof der Stadt, den Wiederaufbau von Schloss de Haar und den Thron für den Rittersaal in Den Haag, Cuypers’ Hauptwerk und seine Berufung war jedoch der Kirchenbau.

Kirchenbau im Dienst der Verkündigung

Kirchenbau war für den gläubigen Katholiken Cuypers, seit 1867 Terziar des Dominikanerordens, nämlich mehr als Baukunst, es war steingewordene Symbolik im Dienst der Verkündigung. Josef Alberdingk Thijm (1820–1889), Kunstkritiker und Schriftsteller, der vehement für die Emanzipation der Katholiken stritt, lieferte den theoretischen Hintergrund dafür, der Cuypers ansprach und großen Einfluss auf ihn hatte. Insbesondere in der Wertschätzung für die Neugotik stimmte Cuypers mit Thijm überein.

Ihre Freundschaft erhielt 1859 durch die Heirat von Cuypers mit Thijms Schwester Antoinette noch ein besonderes Band. Beide bewirkten – der eine mit seinen Texten, der andere mit seinen Bauten –, dass die Neugotik zum bestimmenden Stil der Aufbruchszeit wurde. Nur widerstrebend ließ sich Cuypers von dem für alles Römische begeisterten Pfarrer Willem Hellemons dazu überreden, den Neubau der Pfarrkirche in Oudenbosch dem Petersdom und der Lateranbasilika nachzubilden.

Pierre Cuypers.
Foto: Wikimedia Commons | Pierre Cuypers.

Thijms für Cuypers leitende Kunsttheorie und seine Auffassung vom Symbolismus der Kirchenarchitektur ist insbesondere in der Abhandlung „Die heilige Linie“ entwickelt. Durch alle Zeiten hindurch hätten Menschen das Bedürfnis gehabt, ihre Vorstellungen vom Übersinnlichen in stofflichen Formen und sinnlichen Zeichen auszudrücken. Die Gotik habe das zur höchsten Entfaltung gebracht, indem sie mit ihrer Bildsprache in vollendeter Weise die zeitliche und die ewige Ordnung, das Endliche und das Göttliche verbinde.

Von der Erde zum Himmel

Nicht an bestimmten Bauelementen wie dem Spitzbogen lasse sich das festmachen, präzisiert er in einem gegen seine Kritiker gerichteten Text, sondern an ihrem inneren Prinzip: „der Richtung vom Stofflichen zum Geistigen, von der Erde zum Himmel, vom Inneren zum Äußeren“.

Der Blick auf die Blütezeit des Katholizismus Ende des 19. Jahrhunderts, den das Cuypershuis dem Besucher ermöglicht, ist in seiner authentischen Vielfalt eindrucksvoll. Es ist bei genauem Hinsehen aber auch ein Blick, der heute melancholisch stimmt, denn die von Cuypers errichteten Kirchen sind zu einem erheblichen Teil der rasanten Entchristlichung in den Niederlanden zum Opfer gefallen.

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Wie viele andere Kirchen auch hat man fünfzehn der von ihm erbauten abgerissen oder weltlichen Zwecken zugeführt als Museum, Veranstaltungsraum, Büros, Wohnanlage. Die von Cuypers in Amsterdam nach seinem Umzug in die Stadt zusammen mit einem ganzen Straßenzug erbaute Vondelkerk brannte Silvester 2025 ab, vermutlich nachdem Feuerwerk den Turm in Brand gesetzt hatte. Auch sie war bereits seit 1978 „Eventlocation“ mit der Garderobe im ehemaligen Altarraum sowie Büros in den Seitenschiffen.


Der Verfasser ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer.

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